„Den * kann man ja nicht vor­le­sen“

Wie sol­len wir schrei­ben? Ver­ständ­lich, les­bar und vor­les­bar – und auch ge­schlech­ter­ge­recht. Josef Lan­ge er­klärt, war­um der Rat für deut­sche Recht­schrei­bung (noch) kei­ne Emp­feh­lun­gen gibt.

Hannoversche Allgemeine - - KULTUR & LEBEN - In­ter­view: Ro­nald Mey­er-Arlt

Es war ei­ne in­ten­si­ve und auch sehr kon­tro­ver­se Dis­kus­si­on. Josef Lan­ge Wel­che Emp­feh­lun­gen könn­te der Rat in die­ser kom­pli­zier­ten Fra­ge denn aus­spre­chen?

Herr Lan­ge, der Rat für deut­sche Recht­schrei­bung, des­sen Vor­sit­zen­der Sie sind, hat nach sei­ner letz­ten Sit­zung kei­ne Emp­feh­lung zum ge­schlech­ter­ge­rech­ten Schrei­ben ge­ge­ben, ob­gleich er das ja vor­ge­habt hat­te. Das war ei­ne Fehl­mel­dung. Rich­tig ist, dass der Rat im No­vem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res ei­ne Ar­beits­grup­pe ein­ge­setzt hat­te, die sich des The­mas ge­schlech­ter­ge­rech­te Schrei­bung an­neh­men soll­te. Durch den Wunsch der Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin, der Rat mö­ge ei­ne Emp­feh­lung zum Ge­brauch des Gen­der­stern­chen ab­ge­ben, ist das The­ma po­li­tisch auf­ge­la­den wor­den. Dar­aus ent­stand die Er­war­tung, der Rat wür­de auf sei­ner Sit­zung in Wi­en dar­über ent­schei­den. Sie ha­ben zwar nicht ent­schie­den, aber im­mer­hin über das The­ma be­ra­ten. Es war ei­ne in­ten­si­ve und auch sehr kon­tro­ver­se Dis­kus­si­on. Am En­de hat die Ar­beits­grup­pe den Auf­trag er­hal­ten, das The­ma wei­ter zu be­ob­ach­ten und grö­ße­re Men­gen an Tex­ten zu durch­fors­ten, um fest­zu­stel­len, wie sich das Schrei­ben im Hin­blick auf Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ent­wi­ckelt hat. Was man der­zeit be­ob­ach­ten kann, ist die Schrei­bung in weib­li­cher und männ­li­cher Form, der Ge­brauch des Plu­rals oder von Pas­siv­kon­struk­tio­nen. Wie sich der Ge­brauch des Stern­chens, des Bin­nen-Is oder des Un­ter­strichs ent­wi­ckelt, muss jetzt noch wei­ter be­ob­ach­tet wer­den. All die­sen Bei­spie­len ist ja ge­mein­sam, dass sie mit der ge­spro­che­nen Spra­che nur we­nig zu tun ha­ben und sehr un­prak­tisch sind. So ist es. Aus der Sicht des Ra­tes soll­te die Schrei­bung ver­ständ­lich, les­bar und auch vor­les­bar sein. Zur Fra­ge der Vor­les­bar­keit – so viel kann ich ver­ra­ten – gab es ei­ne sehr kon­tro­ver­se Dis­kus­si­on. Den Stern und den Schräg­strich kann man ja nicht vor­le­sen. Für wen sind Emp­feh­lun­gen des Ra­tes zur ge­schlech­ter­ge­rech­ten Schrei­bung wich­tig? Die Emp­feh­lun­gen ha­ben zwei Gel­tungs­be­rei­che: Die Schu­len und der ge­sam­te Be­reich von Ver­wal­tung und Rechts­pfle­ge. Hier ha­ben wir es mit un­ter­schied­li­chen Ent­wick­lun­gen zu tun. In Ös­ter­reich et­wa ist das Bin­nen-I, das jah­re­lang viel­fach Pra­xis war, in den letz­ten Wo­chen hef­tig um­strit­ten. Wann wird es denn ei­ne Emp­feh­lung des Rats für deut­sche Recht­schrei­bung ge­ben? Der Rat hat der Ar­beits­grup­pe den Auf­trag ge­ge­ben, bis zur nächs­ten Sit­zung im No­vem­ber ei­ne Emp­feh­lung vor­zu­be­rei­ten. Ich hof­fe, wir krie­gen das hin. Das könn­te schwie­rig wer­den, denn die Mög­lich­kei­ten, Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit in Schrift­spra­che her­zu­stel­len, sind ja be­grenzt. Gro­ßes I oder Stern­chen oder die Ver­wen­dung von Un­ter­strich-In­nen sind ja al­les Mit­tel, die die Schrift­spra­che nicht ge­ra­de schö­ner ma­chen. Dem kann ich nur zu­stim­men. Die­se Fra­ge kann ich im Mo­ment nicht be­ant­wor­ten. Klar ist, dass Schrei­bung ver­ständ­lich, gram­ma­ti­ka­lisch kor­rekt, les­bar und vor­les­bar und da­zu auch noch ein­deu­tig und rechts­si­cher sein soll­te. Und man muss auch an die Kin­der den­ken. Mit wel­chen ein­fa­chen und nach­voll­zieh­ba­ren Re­geln sol­len Schü­le­rin­nen und Schü­ler das Schrei­ben ler­nen? Die­se Fra­ge stel­le ich je­der Po­li­ti­ke­rin und je­dem Po­li­ti­ker, der die For­de­rung er­hebt, die amt­li­chen Re­geln zu än­dern. Wir wer­den un­se­re Emp­feh­lun­gen je­den­falls be­hut­sam ab­wä­gen. Die AfD hat vor der Sit­zung des Ra­tes ei­ne Pres­se­mit­tei­lung ver­schickt. Dar­in heißt es: „Soll­te der Rat für deut­sche Recht­schrei­bung in Wi­en ei­nen Emp­feh­lungs­ka­ta­log für die Ver­wen­dung des Gen­der­stern­chens und Bin­nen-Is be­schlie­ßen, wer­den wir als AfD da­ge­gen mo­bil ma­chen.“Sind Sie jetzt vor der AfD ein­ge­knickt? Bis jetzt wuss­te ich gar nicht, dass es die­se Pres­se­mit­tei­lung gibt. Un­se­re Auf­ga­be ist es, die Ent­wick­lung der deut­schen Spra­che zu be­ob­ach­ten und Vor­schlä­ge zur An­pas­sung des Re­gel­werks an den all­ge­mei­nen Wan­del der Spra­che zu er­ar­bei­ten und wis­sen­schaft­lich zu be­grün­den. Das ma­chen wir, und da­bei kni­cken wir vor nie­man­dem ein.

FO­TO: SURREY (ARCHIV)

Josef Lan­ge.

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