Zur Zu­kunft kom­men wir spä­ter

An­ein­an­der vor­bei: Jens Mey­er-Ko­vac und Joa­chim Rad­kau spre­chen im Li­te­ra­ri­schen Sa­lon über die „Ge­schich­te der Zu­kunft“

Hannoversche Allgemeine - - KULTUR & LEBEN - Von Da­ni­el Alex­an­der Schacht

Um die Zu­kunft ist es nicht gut be­stellt, wenn schon im Ge­spräch dar­über straf­fes Fra­ge­kor­sett und ge­dank­li­ches Va­ga­bun­die­ren in Wi­der­streit ge­ra­ten. Das straf­fe Re­gi­ment führt auf dem Po­di­um Jens Mey­er-Ko­vac, für den „va­ga­bun­die­ren­den Blick“plä­diert Joa­chim Rad­kau als Gast des Li­te­ra­ri­schen Sa­lons. Doch wann im­mer der al­te Herr zu va­ga­bun­die­ren be­ginnt, geht der Mo­de­ra­tor mit ei­nem „Da­zu kom­men wir spä­ter“da­zwi­schen.

Vie­le Fra­gen blei­ben of­fen Vie­le Er­ör­te­run­gen blei­ben auf die­se Wei­se Zu­kunfts­pro­jek­te, da­bei soll es ge­nau dar­um ge­hen: Im­mer­hin hat der Bie­le­fel­der His­to­ri­ker ein Buch über die „Ge­schich­te der Zu­kunft“(Han­serVer­lag, 544 Sei­ten, 28 Eu­ro) ge­schrie­ben. Der Ti­tel klingt grund­sätz­li­cher als es der Nach­kriegs­zeit­rah­men die­ses Wer­kes ei­gent­lich er­laubt. Das Buch greift da­her nicht auf die so­zia­len Uto­pi­en seit dem Frei­heits­ver­spre­chen der Auf­klä­rung zu­rück, son­dern be­schränkt sich weit­ge­hend auf die eher tech­ni­schen Vi­sio­nen der Jah­re seit 1945. Da­mals ist nach Rad­kau ein „An­ti­uto­pis­mus“rück­keh­ren­der Exi­lan­ten auf ei­nen aus der Hit­lerEr­fah­rung er­wach­se­nen „An­ti­uto­pis­mus“der Da­ge­blie­be­nen ge­trof­fen. Ent­täusch­te Uto­pis­ten al­lent­hal­ben? Müss­te man hier nicht zwi­schen Uto­pie und Ideo­lo­gie un­ter­schei­den? Doch die­se Dif­fe­ren­zie­rung ge­hört of­fen­bar nicht zu Rad­kaus Be­griffs­werk­zeug­kas­ten. Und Mey­er-Ko­vac ist so­wie­so we­ni­ger bei sei­nem Ge­spräch­part­ner als bei sei­nem Fra­ge­kor­sett.

So blei­ben auch an­de­re Fra­gen of­fen – und selt­sa­me Be­haup­tun­gen im Raum ste­hen. „Man weiß we­nig über die Zu­kunfts­ide­en der 68er“, be­haup­tet Rad­kau da. Und eben­so un­wi­der­spro­chen bleibt der er­ra­ti­sche Satz: „Ei­ne wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Zu­kunfts­for­schung kann es nicht ge­ben.“Ist es ein Zu­fall, dass Den­nis Mea­dows, der Au­tor der ers­ten com­pu­ter­ge­stütz­ten Zu­kunfts­stu­die „Gren­zen des Wachs­tums“, im Re­gis­ter von Rad­kaus Buch un­er­wähnt bleibt?

Statt­des­sen gibt es an die­sem Abend ei­ni­ges von je­ner „hä­mi­schen Bes­ser­wis­se­rei aus der Rück­schau“, die Rad­kau aus­drück­lich ver­mei­den zu wol­len vor­gibt. Doch er bie­tet Spott über ei­ne ei­gens mit­ge­brach­te Vi­si­on von 1910, nach der man Lie­be einst wie Ra­dio­ak­ti­vi­tät wer­de mes­sen kön­nen. Ge­nüss­lich zi­tiert er Ernst Blochs Il­lu­sio­nen über die Atom­kraft aus den Vier­zi­ger­jah­ren. Und Wal­ter Ul­brichts Glau­ben an die Be­deu­tung von ex­klu­si­ven Groß­rech­nern, die sich nur we­ni­ge wer­den leis­ten kön­nen. „Ul­bricht wuss­te eben nichts von den iPads und Smart­pho­nes, die heu­te je­der hat“, sagt Rad­kau mit ge­nüss­li­chem Lä­cheln. Glaubt der Bie­le­fel­der His­to­ri­ker, dass Goog­le und Co. die Da­ten der Ta­blet- und Smart­pho­ne-Nut­zer mit Smart­pho­nes ver­wal­ten?

Nichts als Pro­phe­tie? Was die Gäs­te im nach der Pau­se merk­lich ge­leer­ten Con­ti-Foy­er mehr in­ter­es­siert als sein Zu­kunfts­buch, wird erst bei ih­ren Fra­gen am Schluss deut­lich. Weit­hin be­kannt ge­wor­den ist Rad­kau ja durch Bü­cher wie „Auf­stieg und Kri­se der deut­schen Atom­in­dus­trie“(1983), ei­ne Be­stands­auf­nah­me, die er in „Auf­stieg und Fall der deut­schen Atom­wirt­schaft“(2013) ak­tua­li­siert hat. Ob der Kri­tik an der Atom­kraft nicht ganz rea­lis­ti­sche Zu­kunfts­ängs­te zu­grun­de­lä­gen, will ei­ne Zu­hö­re­rin wis­sen. Ja, es feh­le noch das „gro­ße, wohl­ab­ge­wo­ge­ne Stan­dard­werk“zur An­tiAKW-Be­we­gung, sagt Rad­kau. Nur ein Gast will wis­sen, ob am En­de die Bi­bel recht be­hal­te, die als Zu­kunfts­vi­sio­nen ja die Apo­ka­lyp­se und das Pa­ra­dies zu bie­ten ha­be. Nein, räumt Rad­kau ein, als blo­ße Pro­phe­tie wol­le er die Zu­kunfts­ent­wür­fe doch nicht ab­kan­zeln. Na dann.

FO­TO: SCHACHT

Mit „va­ga­bun­die­ren­dem Blick“: Joa­chim Rad­kau (rechts) mit Jens Mey­er-Ko­vac.

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