Das Run­de im Ecki­gen

Ab Don­ners­tag rollt der Ball: Fra­gen und Ant­wor­ten zur Fuß­ball-WM im Fern­se­hen

Hannoversche Allgemeine - - MEDIEN & WETTER - Von Im­re Grimm

Han­no­ver. So. Der ärgs­te Un­sinn ist ge­schafft. Die Tief­punk­te des WMVor­ge­plän­kels lie­gen hin­ter uns, dar­un­ter Lu­ke Mock­ridges ent­hirn­te Sat.1-Halb­pro­mi­sau­se „Die WM und ich“. Schwamm drü­ber. Mor­gen rollt der Ball. Es wird ernst. Bis zum 15. Ju­li ha­ben dann die Non­nen, Zahn­ärz­te, Zoo­tier­chen, Kran­ken­schwes­tern, Ho­tel-Er­bin­nen, Kreuz­fah­rer und Mor­der­mitt­ler bei ARD und ZDF spiel­frei. Es über­nimmt: der Sport. Fra­gen und Ant­wor­ten zum Me­die­ner­eig­nis des Jah­res.

Wer zeigt die WM-Spie­le? ARD und ZDF über­tra­gen al­le 64 Spie­le. Par­al­lel­be­geg­nun­gen wan­dern zu Zwerg­schwes­tern wie One. Auch der Pay-TV-Sen­der Sky hat sich ein paar Bro­sa­men ge­schnappt und zeigt 25 Par­ti­en, dar­un­ter die Halb­fi­nals und das Fi­na­le in Mos­kau – aber nie mehr als ein Spiel pro Tag. Sämt­li­che Spie­le kom­men­tiert der un­er­müd­li­che Wolff Fuss. Das Er­öff­nungs­spiel Russ­land ge­gen Sau­diA­ra­bi­en am Frei­tag um 17 Uhr läuft in der ARD und bei Sky.

Wie ha­ben sich ARD und ZDF bei der WM auf­ge­teilt? In der Vor­run­de zei­gen bei­de je 24 Spie­le. Das ZDF über­trägt das ers­te deut­sche Spiel ge­gen Me­xi­ko am Sonn­tag um 17 Uhr – nicht mit Bé­la Ré­thy, son­dern mit Oli­ver Schmidt als Kom­men­ta­tor. Die ARD über­trägt die zwei­te deut­sche Par­tie ge­gen Schwe­den am 23. Ju­ni um 20 Uhr (Kom­men­ta­tor: Tom Bar­tels). Und beim drit­ten deut­schen Vor­run­den­spiel am 27. Ju­ni um 16 Uhr ge­gen Süd­ko­rea ist dann wie­der das ZDF im Di­enst, dies­mal mit Bé­la Ré­thy. In der K.-o.-Pha­se über­trägt das Ers­te ein mög­li­ches Ach­tel- und Halb­fi­na­le mit deut­scher Be­tei­li­gung, das Zwei­te zeigt ein mög­li­ches Vier­tel­fi­na­le so­wie das End­spiel am 15. Ju­li um 17 Uhr.

Wer ist als WM-Ex­per­te im ZDF im Ein­satz? Im ZDF geht wie schon 2014 und 2016 nichts oh­ne Oli­ver Kahn. Bö­se Zun­gen be­haup­ten, es ha­be sich bloß nie­mand beim Sen­der ge­traut, ihm un­ter Le­bens­ge­fahr die Kün­di­gung zu über­rei­chen. In Wahr­heit sind Ol­li & Ol­li (Wel­ke & Kahn) ein­fach noch im­mer das ball­si­chers­te Team im deut­schen Fuß­ball­fern­se­hen – so­lan­ge der ge­stren­ge Ti­tan nicht un­ter­zu­ckert ist. Eben­falls zu­rück im Zwei­ten: Tak­tik­ta­fel­fuchs Hol­ger Sta­nislaw­ski und der schwei­ze­ri­sche Re­gel­kund­ler und Ge­mäch­lich­keits­ex­per­te Urs Mei­er („Du musst auch mal was pfei­fen, was du nicht ge­se­hen hast“). Als Nach­rü­cker für Se­bas­ti­an Kehl – der bei Bo­rus­sia Dortmund ei­nen Job als Lei­ter der Li­zenz­spie­ler­ab­tei­lung an­trat – kommt Welt­meis­ter Chris­toph Kra­mer zum Ein­satz, des­sen Ge­hirn­er­schüt­te­rung im WM-Fi­na­le 2014 mit an­schlie­ßen­der Ge­dächt­nis­lü­cke („Schi­ri, ist das das Fi­na­le?“) bei al­len au­ßer ihm selbst un­ver­ges­sen ist. Sei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on als Ex­per­te be­schrieb er jüngst so: „Ich gu­cke halt un­heim­lich gern die WM.“Süf­fi­ge An­ek­do­ten vom WM-Fi­na­le sind von Kra­mer nicht zu er­war­ten.

Und wen hat die ARD ver­pflich­tet? Im Ers­ten sucht man nach dem Ab­gang von Meh­met Scholl noch nach ad­äqua­tem Er­satz. Tho­mas Hitzlsper­ger, U21-Na­tio­nal­trai­ner Ste­fan Kuntz und der frü­he­re Stutt­gart- Coach Han­nes Wolf sind al­le­samt sehr net­te Leu­te, aber ihr Kult­po­ten­zi­al ist über­schau­bar. Da­zu mel­det sich di­rekt vom Te­gern­see Philipp Lahm – in ei­nem neu­en For­mat, das kon­zep­tio­nell schwer nach „Fens­ter­rent­ner mit Sport­in­ter­es­se sucht An­schluss“klingt: „Welt­meis­ter im Ge­spräch“. Alex­an­der Bom­mes und Mat­thi­as Op­den­hö­vel mo­de­rie­ren ge­mein­sam – ein ex­plo­si­ves Ge­spann zwei­er Mo­de­ra­ti­ons­ma­chos, die oh­ne Zwei­fel mö­gen, was sie tun.

Wo steht das WM-Stu­dio? Es gab Zei­ten, da hiel­ten sich mehr ARD- und ZDF-Mit­ar­bei­ter an WMStand­or­ten auf als deut­sche Fans. Das ist vor­bei. Die öf­fent­lich-recht­li­che WM-Zen­tra­le be­fin­det sich nicht in Mos­kau, son­dern in ei­nem Zweck­bau im Schwarz­wald. Im Ku­r­ort Ba­den-Ba­den, 2400 Ki­lo­me­ter vom WM-Gast­ge­ber­land ent­fernt, tei­len sich ARD und ZDF ein 670 Qua­drat­me­ter gro­ßes WM-Stu­dio samt Tech­nik und Per­so­nal. Nur ein ein­zi­ger ARD-Re­dak­teur ist im In­ter­na­tio­nal Broad­cas­ting Cen­ter (IBC) in Mos­kau sta­tio­niert. Die Ent­schei­dung für Ba­den-Ba­den de­mons­triert laut Süd­west­rund­funk „nicht nur räum­li­che Dis­tanz, son­dern sym­bo­li­siert auch den nö­ti­gen jour­na­lis­ti­schen Ab­stand“zum um­strit­te­nen Gast­ge­ber. So kann man ei­ne Spar­maß­nah­me auch pu­bli­zis­tisch ver­brä­men. Mo­de­ra­to­ren und Ex­per­ten sit­zen al­so in Ba­den-Würt­tem­berg – die Kom­men­ta­to­ren da­ge­gen in den Sta­di­en: Tom Bar­tels, Stef­fen Si­mon und Gerd Gott­lob im Ers­ten; Oli­ver Schmidt, Bé­la Re­thy (bei sei­ner sieb­ten WM), Martin Schnei­der und Claudia Ne­u­mann (bei ih­rer ers­ten WM) im ZDF. Auch Ger­hard Del­ling (ARD) und Katrin Mül­ler-Hohenstein (ZDF) sind in Russ­land vor Ort und be­glei­ten das DFB-Team im Trai­nings­camp in Wa­tu­tin­ki so­wie bei den WM-Spie­len. Vom Ra­sen­rand mel­den sich zu­dem als Sta­di­on­mo­de­ra­to­ren Sven Voss, Kat­ja St­re­so und Alex­an­der Ru­da für das ZDF so­wie Ju­lia Scharf und Ralf Scholt für die ARD.

Und wo bleibt das „Bun­te“? Ach je. Oh­ne völ­ker­kund­li­chen An­satz geht es nicht mehr bei sport­li­chen Groß­er­eig­nis­sen. Bei der WM in Russ­land wird Pa­li­na Ro­jin­ski, ge­bo­ren 1985 in St. Pe­ters­burg, für die ARD „die­ses ko­mi­sche Land“er­kun­den, das sie im Al­ter von sechs Jah­ren in Rich­tung Ber­lin ver­las­sen hat. In ei­ner Do­ku saß sie jüngst nass und skep­tisch in der Ba­de­wan­ne von Leo­nid Bre­schnew und guck­te spar­sam. So ist das eben, wenn man bei ei­ner Fuß­ball-WM zu­stän­dig ist für die Ab­tei­lung „Re­gio­na­les Flair, De­ko­ra­ti­on und Charme“. Da ba­det man auch schon mal im al­ten Zu­ber ei­nes kalten Krie­gers. Dan­kens­wer­ter­wei­se ge­stri­chen ist Rein­hold Beck­manns idio­ti­sches EM-Ex­pe­ri­ment „Beck­manns Sport­schu­le“. Statt­des­sen wa­gen sich Mi­cky Bei­sen­herz und Jörg Tha­de­usz in der ARD an ei­ne Art WM-La­te-Nigh­tShow live von der Ham­bur­ger Ree­per­bahn, de­ren Na­me „Kwar­ti­ra“al­ler­dings schon jetzt ei­ne ge­wis­se Zwangs­lo­cker­heit ver­strömt.

Die WM iW R:ss­lHWL – live H:s BHLeW-BHLeW: Blick iWs WM-St:Lio beiV SWR iV SchwHr­zwHlL.

Darf man denn wäh­rend der Ar­beit Fuß­ball gu­cken? Ja. Wenn Sie Schieds­rich­ter sind. Oder Trai­ner. Oder Ka­me­ra­mann. Für al­le an­de­ren gilt: nein. Ra­dio­hö­ren im Bü­ro dür­fen Chefs nicht grund­sätz­lich ver­bie­ten, Fern­se­hen da­ge­gen schon. Aber: Die Ku­lanz der deut­schen Vor­ge­setz­ten steigt. 38 Pro­zent der Chefs in Deutsch­land sind laut ei­ner Stu­die der Uni­ver­si­tät Ho­hen­heim da­mit ein­ver­stan­den, wenn ih­re Mit­ar­bei­ter wäh­rend der Ar­beits­zeit die Spie­le im Fern­se­hen gu­cken. Das sind 4 Pro­zent­punk­te mehr als vor der WM 2014. Al­so: bes­ser vor­her fra­gen.

Und gibt es sonst nichts im Fern­se­hen bis zum 15. Ju­li? Nein. Wirk­lich nicht.

FO­TO: DPA

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