An­kunft in Mos­kau

Wie Franz Be­cken­bau­ers Är­ger 1990 im Vier­tel­fi­na­le den Weg zum drit­ten Ti­tel eb­net WM-Schlüs­sel­mo­men­te – Fol­ge III:

Hannoversche Allgemeine - - VORDERSEITE - Von Se­bas­ti­an Harfst

Für Joa­chim Löw und das Na­tio­nal­team be­ginnt das Er­leb­nis WM

Ita­lia 90 – ei­ne Welt­meis­ter­schaft wie im Rausch für das Team des DFB: Beim Blick auf die End­run­de 1990 wer­den Er­in­ne­run­gen wach an den auf Welt­ni­veau agie­ren­den Lothar Mat­thä­us, der sich in sei­ner sport­li­chen Hei­mat Ita­li­en (er steht bei In­ter Mai­land un­ter Ver­trag) in der Form sei­nes Le­bens prä­sen­tiert. Da den­ken wir zu­rück an Ru­di Völ­ler, der sich im Ach­tel­fi­na­le vom Nie­der­län­der Frank Ri­j­ka­ard be­spu­cken las­sen muss, an sei­ne Fas­sungs­lo­sig­keit, als bei­de da­für die Ro­te Kar­te von Schieds­rich­ter Juan Car­los Loustau aus Ar­gen­ti­ni­en se­hen. Wir se­hen die we­hen­den blon­den Haa­re Jür­gen Klins­manns vor un­se­rem in­ne­ren Au­ge, der nach Völ­lers Her­aus­stel­lung als Al­lein­un­ter­hal­ter im deut­schen Sturm das Spiel sei­nes Le­bens spielt. Wir durch­le­ben das Elf­me­ter- schie­ßen im Halb­fi­na­le ge­gen En­g­land, ein Spek­ta­kel, das die Le­gen­de von den deut­schen Elf­me­ter­spe­zia­lis­ten und den eng­li­schen Elf­me­ter­ver­sa­gern be­grün­det. Wir zit­tern noch ein­mal mit Andre­as Breh­me, als der in der 85. Mi­nu­te des Fi­na­les von auf­ge­brach­ten Ar­gen­ti­ni­ern Ewig­kei­ten wäh­ren­de Se­kun­den an der Aus­füh­rung des letzt­lich sieg­brin­gen­den Elf­me­ters ge­hin­dert wird.

Und dann schlen­dern wir nach der Po­kal­über­ga­be im Au­gen­blick des größ­ten Er­fol­ges in Ge­dan­ken an der Sei­te von Te­am­chef Franz Be­cken­bau­er ge­dan­ken­ver­lo­ren über den Ra­sen des Olym­pia­sta­di­ons von Rom, er­le­ben die Mi­nu­ten mit, an die sich der „Kai­ser“selbst nicht er­in­nern kann. Auch hö­ren wir Be­cken­bau­ers im Über­schwang der Ge­füh­le auf der an­schlie­ßen­den Pres­se­kon­fe­renz her­aus­po­saun­te An­kün­di­gung, durch die Spie­ler aus Ost­deut­schim land wer­de „die deut­sche Mann­schaft über Jah­re hin­aus nicht zu be­sie­gen sein. Das tut mir leid für den Rest der Welt.“

Ver­ges­sen wird beim Blick auf die­se WM, die der DFB-Aus­wahl den drit­ten WM-Ti­tel ein­bringt, oft, wie je­ner Franz Be­cken­bau­er beim 1:0 Vier­tel­fi­na­le ge­gen die CSFR ganz „unkai­ser­lich“zum Wü­te­rich an der Sei­ten­li­nie wird. Da­bei war al­les nach Maß ge­lau­fen. Klar, über­ra­gend wie zum Teil in der Vor­run­de und im Skan­dal­spiel ge­gen die Nie­der­län­der ist die Leis­tung von Mat­thä­us, Litt­bar­ski und Co. nicht an die­sem 1. Ju­li 1990 im Mai­län­der Gi­u­sep­pe-Meaz­za-Sta­di­on. Aber die ganz gro­ße Ge­fahr strahlt auch der Geg­ner nach Mat­thä­us’ Elf­me­ter zum 1:0 in der 25. Mi­nu­te nicht aus. Die Tsche­cho­slo­wa­ken müs­sen die letz­ten 20 Mi­nu­ten nach Lu­bo­mir Mora­vciks Ro­ter Kar­te so­gar in Un­ter­zahl be­strei­ten. Trotz­dem ras­tet der „Kai­ser“aus, wird zum Te­am­chef-Vul­kan. Als Hö­he­punkt weist er ei­nen Ball­jun­gen an, sich warm zu ma­chen, weil es ja nicht mehr schlim­mer kom­men kann. Glück­wün­sche nach Spiel­schluss schlägt er aus, schimpft „Ach, hört’s mir auf“. Ei­ne Was­ser­kis­te macht mit sei­nem Fuß Be­kannt­schaft.

Die Er­klä­rung: Vor al­lem die 20 Mi­nu­ten nach dem Platz­ver­weis des Geg­ners er­zür­nen den Te­am­chef. Die Mann­schaft ha­be sich kom­plett falsch ver­hal­ten, ana­ly­siert er. Statt „den Ball zu hal­ten, den Geg­ner zu ja­gen, fan­gen sie mit Ein­zel­ak­tio­nen an“. Des „Kai­sers“Re­gel: „Wenn ich in Über­zahl bin, ver­su­che ich, den Geg­ner aus­zu­spie­len, in Ball­be­sitz zu blei­ben.“Sei­nem Team spricht er die In­tel­li­genz ab, der ge­gen die Nie­der­lan­de bril­lan­te Klins­mann be­kommt in ei­nem Kri­sen­ge­spräch sein Fett weg. Be­cken­bau­er: „Es wa­ren ei­ni­ge har­te Wor­te da­bei, die ich nicht wie­der­ho­len möch­te.“Breh­me er­in­nert sich in ei­nem In­ter­view für Spox.com: „Da ging’s rich­tig rund. Ui, war da Thea­ter. Mam­ma mia! Er war nicht be­lei­di­gend, aber er hat uns or­dent­lich an­ge­pfif­fen. ‚Ihr könnt doch nix‘ und so Zeug. Da hat er so ge­tobt, wie ich ihn sel­ten er­lebt ha­be.“

Li­be­ro Klaus Au­gen­tha­ler sagt: „Das war ei­ne Stim­mung, als ob wir aus­ge­schie­den wä­ren.“Da­bei steht die Mann­schaft im Halb­fi­na­le. Be­sitzt nun aber die rich­ti­ge Ein­stel­lung, um En­g­land im Elf­me­ter­kri­mi nie­der­zu­rin­gen und an­schlie­ßend das Fi­na­le zu ge­win­nen – Be­cken­bau­ers auf­rüt­teln­den Wut­an­fäl­len sei Dank. „Wir Spie­ler ha­ben Franz al­les ge­glaubt“, gibt Ka­pi­tän Mat­thä­us zu. Fi­nal­tor­schüt­ze Breh­me sagt: „Was er ge­sagt hat, hat sich je­der zu Her­zen ge­nom­men.“

Be­cken­bau­er muss­te al­so wohl zum Wü­te­rich wer­den, da­mit es für den drit­ten Stern reich­te.

FO­TO: IMAGO

Te­am­chef-Vul­kan: Be­cken­bau­er (rechts) und As­sis­tent Hol­ger Osieck im Vier­tel­fi­na­le 1990.

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