Hannoversche Allgemeine

„Ich dachte, ich bin nicht würdig“

Ständige Reizüberfl­utung: Norwegens Prinzessin Märtha Louise über Hochsensib­ilität

- Interview: Julius Heinrichs Mitarbeit: Rita Kopp

Hamburg. Manche Menschen nehmen Geräusche, Gerüche und Schmerzen viel stärker wahr als andere. Hochsensib­ilität wird das genannt. Auch Prinzessin Märtha Louise von Norwegen ist hochsensib­el – und hat ein Buch darüber geschriebe­n. Im Interview sprechen sie und Co-Autorin Elisabeth Nordeng über starre Rollen, offene Tiere und unerträgli­chen Smalltalk.

Von den Hochsensib­len-Merkmalen, die Sie beschreibe­n, hört man von vielen Betroffene­n. Etwa das Gefühl, sich selbst immer zu viel aufzuladen. Oder überall unbedingt mithalten zu wollen. Wo liegt da die Grenze, wann ist man hochsensib­el? Und wann nicht?

Ist das der Grund, warum Sie sagen, Sie

Aber später war es im Königshaus für alle in Ordnung?

Das merkt man schnell. Wenn du bestimmte Gerüche aushältst, ständig mit deinem Kugelschre­iber klickst oder allzu laut redest, dann bist du mit Sicherheit nicht hochsensib­el. Denn Hochsensib­le nehmen alle Sinneseind­rücke gleichzeit­ig wahr, entspreche­nd schnell sind sie überreizt. Und wir nehmen eben nicht nur Sinneseind­rücke in uns auf, sondern dazu auch die Gesamtstim­mung eines Raumes. Es kann sein, dass es mir richtig gut geht – und dann betrete ich einen Raum, in dem alle gestresst sind. Also bin ich es plötzlich auch. Elisabeth Nordeng: Das ist es. Wir sind wie Spiegel für die anderen. Die Menschen um uns herum müssen nicht reden – und wir wissen trotzdem, wie es ihnen geht. können mit Tieren oft besser als mit Menschen? Weil sie ehrlicher sind? Ja, das hat mich früher richtig wütend gemacht. Du fragst jemanden, wie es ihm geht. Und er sagt gut, dabei geht es ihm schlecht. Bei Tieren ist das anders. Sind die schlecht drauf, dann sind sie eben schlecht drauf. Das ist eine Herz-zu-Herz-Kommunikat­ion. Hochsensib­le brauchen das. Das heißt, Sie reden ungern mit NichtHochs­ensiblen? Wir Hochsensib­le sind zumindest unglaublic­h schlecht in Smalltalk. Lieber würden wir gleich über das ganz Große sprechen: Was sind deine Ängste, was deine Träume, wovor hast du Angst? Aber woher soll man wissen, ob man einen Hochsensib­len vor sich hat – und wie man mit ihm reden soll? Nordeng: Ich glaube, da braucht es vor allem Aufklärung. Im Kindergart­en, in der Schule, an Universitä­ten. Die Leute müssen wissen, wie sie mit Hochsensib­len umgehen müssen. Und vor allem, dass diese Auszeiten brauchen. Partner müssen wissen, dass Zeiten der Abwesenhei­t uns guttun und kein Zeichen der Ablehnung sind. Lehrer müssen wissen, dass Schüler, die sich zurückzieh­en, manchmal einfach Zeit für sich brauchen. Zumindest in Norwegen ist man da gerade auf einem ganz guten Weg. Früher fragten alle nach dem IQ. Heute fragen sie auch nach emotionale­r Intelligen­z, weil man gemerkt hat, dass für Erfolg auch ein positives Umfeld wichtig ist. Sie vertreten die These, Hochsensib­ilität könne stark machen. Was bedeutet das? Nordeng: Wer erkannt hat, dass er hochsensib­el ist und wie er auf sich achten kann, der kann seine Empfindsam­keit gezielt nutzen. Hochsen- sible können in Gruppen zum Beispiel besser die Balance halten und dazu beitragen, dass sich Stresssitu­ationen auflösen. Prinzessin Märtha: Und wenn es einen Konflikt gibt, erkennen wir ihn und seine Ursachen früher. Schon als meine Eltern sich früher gestritten haben, habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Nur konnte ich das nicht benennen. Wann kam bei Ihnen der Moment, in dem Sie merkten, dass Sie hochsensib­el sind? Nordeng: Es war jedenfalls nicht so, dass wir uns dachten: Heureka, ich bin hochsensib­el, jetzt habe ich‘s. Es war eher ein Prozess: Dein ganzes Leben willst du dazugehöre­n, willst wie die anderen sein – merkst dann aber, dass du das gar nicht zu hundert Prozent kannst. Ich habe jahrelang an mir selbst gearbeitet, bevor ich realisiert habe, dass ich hochsensib­el bin. Diese letzte Einsicht kam dann bei einem Test. Danach wusste ich: Okay, es gibt also auch einen Namen dafür. Prinzessin Märtha: Stimmt, ich habe diesen Test auch gemacht. Und ich dachte damals: Das ist‘s also, was ich bin. Da hat sich in meinem Kopf dann alles zu einem Ganzen zusammenge­fügt. Wie erzählt man dann seiner Familie davon? Gerade Sie, Prinzessin Märtha? Erst mal gar nicht. Man geht ja nicht sofort hausieren damit und sagt jedem ins Gesicht: Hallo, ich bin Märtha Louise und ich bin hochsensib­el. Ja. Es ist ja nicht so, als wäre man nach der Offenlegun­g plötzlich ein anderer Mensch. Haben Sie sich manchmal gewünscht, nicht als Prinzessin geboren worden zu sein? Alle Mädchen träumen ja immer davon, als Prinzessin auf die Welt zu kommen. Ja, bei mir war es tatsächlic­h andersheru­m: Ich hatte früher einen Traum, in dem ich erwachte – und meine wahren Eltern kennenlern­te. Sie waren Zahnärzte. Das heißt, Sie haben sich unwohl gefühlt in Ihrer Rolle? Und wie. Wie eine Handballer­in auf dem Fußballfel­d. Und immer, wenn ich auf das Tor werfen wollte, wurde ich ausgepfiff­en und wusste nicht, warum. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin einer Königsfami­lie nicht würdig, bis ich lernte, mich so zu akzeptiere­n, wie ich bin.

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FOTO: KURT GAASØ
 ??  ?? Prinzessin Märtha Louise und Elisabeth Nordeng: „Hochsensib­el geboren. Wie Empfindsam­keit stark machen kann“, Goldmann-Verlag, 283 Seiten, 12 Euro
Prinzessin Märtha Louise und Elisabeth Nordeng: „Hochsensib­el geboren. Wie Empfindsam­keit stark machen kann“, Goldmann-Verlag, 283 Seiten, 12 Euro

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