„Man bricht ei­ne Tür

J und un­ab­hän­gi­ge Ju­gend­zen­tren. Es geht

Hannoversche Allgemeine - - HANNOVER - Von Gun­nar Men­kens

Na­tür­lich hat­ten sie ihr Ob­jekt aus­ge­späht. In back­stei­ner­ner Nüch­tern­heit lag der Kom­plex un­über­seh­bar an der Stra­ße, doch seit zehn Wo­chen wa­ren die Räu­me im Be­sitz der Klaus­ner AG ei­ne Hül­le oh­ne Le­ben. Nie­mand ar­bei­te­te in Bü­ros, kei­ne Men­schen spa­zier­ten über den In­nen­hof, La­ger blie­ben leer, Ein­gän­ge wa­ren ver­rie­gelt. Und das Bes­te: Un­be­wacht war es leich­te Beu­te für jun­ge Men­schen, die ent­schlos­sen wa­ren, an die­sem De­zem­be­r­a­bend 1971 auf ihr An­lie­gen mit Me­tho­den auf­merk­sam zu ma­chen, die kein Po­li­ti­ker in der Stadt län­ger über­se­hen konn­te. Hand­werk­lich be­gab­te Män­ner mach­ten sich mit Werk­zeug am Ein­gang zu schaf­fen, bis die Tü­ren of­fen stan­den. Dut­zen­de Men­schen folg­ten ih­nen hin­ein. Hun­der­te ka­men spä­ter aus dem Au­di­max der na­hen Uni­ver­si­tät hin­ter­her, wo die An­ar­cho-Band Ton, St­ei­ne, Scher­ben an­geb­lich ein Kon­zert ge­ben woll­te, schon nach we­ni­gen Stü­cken aber ihr Pu­bli­kum auf­for­der­te, den eben be­gon­ne­nen Kampf zu un­ter­stüt­zen. Bald war das Haus Arndt­stra­ße 20 be­setzt. Man ver­bar­ri­ka­dier­te sich und reich­te Ma­trat­zen und De­cken hin­ein. Die Näch­te wa­ren kalt, man woll­te vor­be­rei­tet sein für ei­nen län­ge­ren Auf­ent­halt.

In zwei­ter Rei­he er­leb­te die Schü­le­rin Han­na Le­ga­tis die­sen auf­re­gen­den Mo­ment der Grenz­über­schrei­tung, um sie her­um Freun­de und Leu­te, de­nen sie sich ver­bun­den fühl­te. Der Schritt ins Ge­bäu­de hin­ein fiel ihr leicht, auch wenn ab­seh­bar war, was bald da­nach pas­sie­ren wür­de. „Man bricht ei­ne Tür auf und geht rein, wir gu­cken uns drin­nen um, biss­chen lang­wei­lig al­les. Aber es war klar, dass wir mit Po­li­zei­ge­walt kon­fron­tiert wer­den. Wer frem­des Ei­gen­tum be­setzt, macht sich straf­bar.“Man­che tru­gen Zet­tel mit Te­le­fon­num­mern von An­wäl­ten und Ärz­ten da­bei. Der Staat er­schien als Geg­ner, dem man ei­ni­ges zu­trau­te.

Sie war 18, und man muss sich Han­na Le­ga­tis wohl als auf­müp­fi­ge, selbst­be­wuss­te jun­ge Frau vol­ler Ener­gie vor­stel­len. Von zu Hau­se war sie ab­ge­hau­en, weil sie El­tern­haus und Mäd­chen­gym­na­si­um als be­en­gend emp­fand. Sie reis­te nach Af­gha­nis­tan und Ams­ter­dam, ließ Va­ter und Mut­ter in Sor­ge zu­rück und kam spä­ter wie­der zu­rück nach Han­no­ver. Ih­re Hal­tung än­der­te sich nicht: „Ich woll­te frei sein und al­lein ent­schei­den. Un­se­re Fra­gen wa­ren: Wie kann man die Ge­sell­schaft ver­än­dern? Wie kann man le­ben?“Fast fünf Jahr­zehn­te ist die­se Be­set­zung her, sie war ei­ner der An­fangs­grün­de lin­ker Al­ter­na­tiv­kul­tur

Han­na Le­ga­tis,

Jour­na­lis­tin

in Han­no­ver und prä­gend für Han­na Le­ga­tis. Wenn sie heu­te über die­se Jah­re spricht, re­det sie stets von „un­se­rer Be­we­gung“.

In der Arndt­stra­ße mach­ten Be­set­zer mit Pla­ka­ten an der Fas­sa­de klar, was sie for­der­ten: ein un­ab­hän­gi­ges Ju­gend­zen­trum. Selbst ver­wal­tet, mit Räu­men für Mu­sik, Thea­ter, Kin­der­la­den mit Re­form­päd­ago­gik, Ca­fé und Voll­ver­samm­lun­gen. Keins die­ser spie­ßi­gen so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Frei­zeit­hei­me mit Haus­meis­tern, die über oh­ne­hin ein­ge­schränk­te Öff­nungs­zei­ten wach­ten. In den Mo­na­ten zu­vor hat­te ei­ne Initia­ti­ve mit Rat­haus­leu­ten ver­han­delt, aber die be­haup­te­ten, es ge­be lei­der kei­ne ge­eig­ne­ten Räu­me. Ir­gend­wann be­schlos­sen sie, dass mehr Druck nicht scha­den kön­ne. In Frank­furt mach­ten sie es ja seit ei­nem Jahr vor, Haus­be­set­zun­gen wur­den dort an­er­kann­tes Mit­tel au­to­no­mer Po­li­tik ge­gen das Sys­tem. Den ei­nen gal­ten sie als le­gi­ti­mes Mit­tel, auf Not­stän­de auf­merk­sam zu ma­chen, und da­bei auf recht harm­lo­se Wei­se Ge­set­ze zu über­tre­ten. Po­li­ti­ker wie der nie­der­säch­si­sche So­zi­al­de­mo­krat Hel­mut Ka­si­mier woll­ten da­ge­gen von die­ser Art un­kon­trol­lier­ba­rer Ju­gend­kul­tur nichts wis­sen und be­ton­ten, der Staat wä­re schlecht be­ra­ten, wür­de er ideo­lo­gisch be­grün­de­te Be­set­zun­gen dul­den. Die Ge­walt­fra­ge wur­de in der Sze­ne im­mer wie­der neu dis­ku­tiert, man un­ter­schied, ob es ge­gen Sa­chen oder Po­li­zis­ten ge­hen soll­te, die vie­len als Ver­tre­ter des Schwei­ne­sys­tems gal­ten. „Schmei­ßen wir St­ei­ne, schmei­ßen wir Mo­lo­tow­cock­tails? Ei­ni­ge fan­den das rich­tig, ich ge­hör­te nicht zu de­nen. St­ei­ne kön­nen Men­schen ver­let­zen“, sagt Han­na Le­ga­tis. Als die Po­li­zei nach drei Ta­gen Be­set­zung nicht mehr nur zu­schau­te, rück­te sie mit 400 Mann an. Was­ser­wer­fer brach­ten Un­ter­stüt­zung, Ramm­fahr­zeu­ge walz­ten Fir­men­tor und Bar­ri­ka­den nie­der, Be­reit­schafts­po­li­zis­ten rü­cken un­ter dem Schutz von Schil­den ins Haus. Der Groß­teil der Be­set­zer hat­te sich un­ter­des­sen auf pas­si­ven Wi­der­stand ver­stän­digt, was be­deu­te­te, sich weg­tra­gen zu las­sen.

Die HAZ schrieb von ei­nem der größ­ten Po­li­zei­ein­sät­ze der han­no­ver­schen Nach­kriegs­zeit und be­ob­ach­te­te den Kampf­schau­platz im De­tail: Der Ka­me­ra­mann ei­nes Fern­seh­teams wur­de von ei­nem St­ein ge­trof­fen und ver­lor ei­nen Fin­ger. Als sich schon nie­mand mehr wehr­te, ver­setz­te ein Po­li­zist ei­nem be­reits ab­ge­führ­ten Mann mit der Faust ei­nen Schlag in den Rü­cken.

Ich woll­te frei sein und al­lein ent­schei­den.

Spek­ta­ku­lär be­setzt, spek­ta­ku­lär ge­räumt: Drei Ta­ge lang hiel­ten 300 jun­ge Leu­te das l schritt die Po­li­zei ein.

FO­TO: HAZ-ARCHIV, HAUSCHILD

Pas­si­ver Wi­der­stand hieß, dass Po­li­zis­ten Be­set­zer aus dem Haus Arndt­stra­ße hin­aus­tra­gen muss­ten.

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