Al­ter Glanz und neu­er Mut

Tschai­kow­sky im Kup­pel­saal

Hannoversche Allgemeine - - KULTUR & LEBEN - Von Ste­fan Arndt

Ist das die rus­si­sche See­le? Mit hei­li­gem Ernst sit­zen die Strei­cher auch dann ker­zen­ge­ra­de auf ih­ren Stüh­len im Kup­pel­saal, wenn sie ge­ra­de nichts zu spie­len ha­ben: Man kann schon se­hen, dass die­ser Pro-Mu­si­ca-Auf­tritt eher ei­ne Mis­si­on als ein Kon­zert ist. Die Strei­cher der Rus­si­schen Na­tio­nalphil­har­mo­nie spie­len mit viel En­er­gie und noch mehr Ge­fühl. Bö­gen wer­den en­er­gisch ge­stri­chen, kraft­voll si­che­re Fin­ger brin­gen die Sai­ten in al­len La­gen zum Vi­brie­ren, al­les tönt je­der­zeit un­fass­bar voll und groß und rund. Es ist ein Klang wie aus ei­ner an­de­ren Zeit – kaum zu glau­ben, dass die Na­tio­nalphil­har­mo­nie erst vor 15 Jah­ren ge­grün­det wur­de.

Obers­ter Grals­hü­ter ist da­bei der 74-jäh­ri­ge Gei­ger und Di­ri­gent Vla­di­mir Spiva­kov, der das Orches­ter seit sei­ner Grün­dung lei­tet. Die Ver­traut­heit zwi­schen Mu­si­kern und Di­ri­gent ist in Tschai­kow­skys „Dorn­rös­chen“-Sui­te eben­so zu grei­fen wie in Stra­wins­kys Tschai­kow­sky-Hom­mage „Der Kuss der Fee“: Hier wird oh­ne je­des Wan­ken so ge­spielt, wie man es zu­vor ein­stu­diert hat. Per­fekt funk­tio­niert das auch in den Zu­ga­ben von Schnitt­ke, Schosta­ko­witsch und Chat­scha­tur­jan.

Um­so er­staun­li­cher, wie weit der ers­te Kon­zert­teil mit Tschai­kow­skys ers­tem Kla­vier­kon­zert von der­art gold­ge­rahm­ter Rou­ti­ne ent­fernt war. Der Pia­nist Lu­cas De­bar­gue, 1990 in Pa­ris ge­bo­ren, hat erst mit 20 Jah­ren be­gon­nen, Kla­vier zu spie­len, und ka­ta­pul­tier­te sich nach ei­nem Über­ra­schungs­er­folg beim Tschai­kow­sky-Wett­be­werb bald an die Spit­ze der jun­gen Pia­nis­ten­ge­ne­ra­ti­on. Un­kon­ven­tio­nell ist auch sein Spiel: De­bar­gue pflegt ei­nen fast im­pro­vi­sa­to­ri­schen Ton­fall, än­dert gern Rich­tun­gen und Tem­pi und bringt da­mit Spiva­kov am Di­ri­gen­ten­pult mehr als ein­mal in Schwie­rig­kei­ten.

Will­kür­lich er­scheint De­bar­gues Tschai­kow­sky-Sicht aber kei­nes­wegs. Und sein dunk­ler, aber sehr of­fe­ner Kla­vier­klang ist un­ge­wöhn­lich für ei­nen St­ein­way, passt aber per­fekt zu dem rus­si­schen Kom­po­nis­ten, der fast auf den Tag ge­nau vor 125 Jah­ren starb. So ver­bün­den sich ein al­ter Meis­ter und ein jun­ger Wil­der im Kup­pel­saal zur rech­ten Zeit zu ei­nem fas­zi­nie­rend-über­zeit­li­chen Tschai­kow­sky-Bild.

In­fo Am 20. De­zem­ber spielt die Cel­lis­tin Sol Ga­bet­ta bei Pro Mu­si­ca im Kup­pel­saal.

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