Kant hat ver­lo­ren

Hannoversche Allgemeine - - POLITIK - Von Wla­di­mir Kaminer

Nun ist es amt­lich, der Flug­ha­fen Ka­li­nin­grad wird Im­ma­nu­el Kants Na­men nicht tra­gen. Die Flug­hä­fen in Russ­land wur­den tra­di­tio­nell nach den Dör­fern be­nannt, die beim Bau des je­wei­li­gen Flug­plat­zes ka­putt­gin­gen. In an­de­ren Län­dern tra­gen die Flug­hä­fen die Na­men von be­deu­ten­den Po­li­ti­kern. In Russ­land gibt es seit 20 Jah­ren nur ei­nen be­deu­ten­den Po­li­ti­ker und Prä­si­den­ten. Al­le sei­ne Vor­gän­ger wur­den von den Me­di­en dis­kre­di­tiert, neue Prä­si­den­ten sind nicht ge­plant. Die­ser Lo­gik fol­gend, soll­ten al­le Flug­hä­fen Russ­lands Pu­tins Na­men tra­gen, das könn­te aber zum Cha­os im Flug­ver­kehr füh­ren. Des­we­gen be­schloss die Füh­rung, das Volk über den Na­men ab­stim­men zu las­sen.

Die­se Ab­stim­mung ge­riet zu ei­ner gro­ßen Aus­ein­an­der­set­zung. Be­son­ders hef­tig wur­de in Ka­li­nin­grad ge­kämpft, für und ge­gen Kant. Sei­ne Gr­ab­stät­te wur­de ge­schän­det, im Fern­se­hen hetz­ten Par­la­ments­mit­glie­der und Mi­li­tärs ge­gen den Phi­lo­so­phen. Der Ober­be­fehls­ha­ber der bal­ti­schen Flot­te, ein Ad­mi­ral, be­zich­tig­te Kant des Ver­rats: Kein ech­ter Rus­se, ein hin­ter­häl­ti­ger Deut­scher sei er ge­we­sen, der un­ver­ständ­li­che Bü­cher schrieb, die nie­mand ge­le­sen hat.

Frü­her in der So­wjet­uni­on galt Kant als Vor­den­ker mar­xis­ti­scher Dia­lek­tik. Die So­wjet­uni­on war ei­ne Spät­ge­burt der eu­ro­päi­schen Auf­klä­rung, ge­tauft von deut­schen Phi­lo­so­phen. Marx nutz­te Kants Ideo­lo­gie, die in der So­wjet­uni­on als „Wis­sen­schaft“galt. Man könn­te sich un­mög­lich ei­nen so­wje­ti­schen Ad­mi­ral vor­stel­len, der ge­gen Kant hetzt. Im Fi­na­le un­ter­lag Kant der rus­si­schen Za­rin Eli­sa­beth, der Toch­ter von Pe­ter dem Gro­ßen, ih­re Mut­ter kam aus Meck­len­burg.

Wla­di­mir Kaminer leBt Als SChrift­stel­ler in Ber­lin.

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