Ge­werk­schaf­ten wol­len Hartz IV den Schre­cken neh­men

DGB legt Re­form­kon­zept vor: 1,6 Mil­lio­nen Men­schen sol­len aus dem Sys­tem her­aus­ge­holt wer­den – Bis zu 34 Mo­na­te Ar­beits­lo­sen­geld I

Hannoversche Allgemeine - - POLITIK - Von Ras­mus Buchsteiner

Ber­lin. „Wir wer­den Hartz IV hin­ter uns las­sen“, hat­te Andrea Nah­les An­fang No­vem­ber bei ei­nem De­bat­ten­camp ih­rer Par­tei an­ge­kün­digt. Doch wie? Die SPD-Che­fin blieb va­ge. Ne­bu­lös kün­dig­te sie ein „Bür­ger­geld“als neue Grund­si­che­rung, Zu­schüs­se zu So­zi­al­ab­ga­ben und den weit­ge­hen­den Weg­fall von Sank­tio­nen an. Ein De­tail­kon­zept blieb sie schul­dig. Wenn der Par­tei­vor­stand der SPD am nächs­ten Frei­tag zu sei­ner Klau­sur­ta­gung zu­sam­men­kommt, wird die Zu­kunft von Hartz IV ein zen­tra­les The­ma sein.

In die­se De­bat­te hin­ein plat­zie­ren die Ge­werk­schaf­ten nun ein neu­es Re­form­kon­zept. Be­mer­kens­wert: Das Elf-Sei­ten-Pa­pier des Deut­schen Ge­werk­schafts­bun­des (DGB), das dem Re­dak­ti­ons­Netz­werk Deutsch­land (RND) vor­liegt, sieht kei­nes­falls die Ab­schaf­fung von Hartz IV vor. 1,6 Mil­lio­nen Men­schen sol­len je­doch dau­er­haft aus dem Sys­tem her­aus­ge­holt wer­den. Zu den mög­li­chen Kos­ten der Re­form gibt es in dem Pa­pier kei­ne An­ga­ben. Zen­tra­les Ziel des DGB ist es, Ab­stiegs­ängs­te zu neh­men. Un­ter an­de­rem wird ei­ne deut­lich ver­län­ger­te Be­zugs­dau­er beim Ar­beits­lo­sen­geld I ge­for­dert – bis zu 34 Mo­na­te. „Das Hartz-IV-Sys­tem wür­de sei­nen Schre­cken ver­lie­ren, und die so­zi­al­staat­li­chen Auf­fang­ver­spre­chen so­wie die Ver­bes­se­run­gen bei den vor­ge­la­ger­ten Si­che­rungs­sys­te­men wür­den die Ängs­te vie­ler Men­schen vor so­zia­lem Ab­stieg deut­lich mi­ni­mie­ren“, mei­nen die Ge­werk­schaf­ten.

Ar­beit­neh­mer mit min­des­tens zehn Be­schäf­ti­gungs­jah­ren sol­len laut dem Re­form­vor­schlag län­ger Ar­beits­lo­sen­geld I be­zie­hen – für je zwei Jah­re im Job wür­de dem­nach ein zu­sätz­li­cher Leis­tungs­mo­nat ge­währt. „Wer bei­spiels­wei­se ins­ge­samt 20 Jah­re so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig ge­ar­bei­tet hat, be­kä­me bis zu 10 Mo­na­te län­ger Ar­beits­lo­sen­geld“, heißt es in dem Pa­pier. Un­ter 50-Jäh­ri­ge er­hal­ten nach jet­zi­ger Rechts­la­ge Ar­beits­lo­sen­geld I höchs­tens für ein Jahr, über 50-Jäh­ri­ge ge­staf­felt nach dem Al­ter bis zu zwei Jah­re. Ex­per­ten war­nen je­doch, ei­ne ver­län­ger­te Be­zugs­dau­er kön­ne ein An­reiz sein, frü­her aus dem ak­ti­ven Be­rufs­le­ben aus­zu­stei­gen.

Geht es nach dem DGB, soll künf­tig kein Voll­zeit­be­schäf­tig­ter mehr auf die Grund­si­che­rung an­ge­wie­sen sein, nur weil er oder sie Kin­der hat. Da­zu wird ei­ne mas­si­ve Auf­sto­ckung von Wohn­geld und Kin­der­zu­schlag vor­ge­schla­gen. Zu­dem soll der Re­gel­satz von ak­tu­ell mo­nat­lich bis zu 416 Eu­ro neu be­rech­net und ein Recht auf Wei­ter­bil­dung so­wie ei­nen ge­för­der­ten Ar­beits­platz ein­ge­führt wer­den. Das be­ste­hen­de „Sank­ti­ons­re­gime“bei Hartz IV müs­se über­wun­den wer­den. Der Vor­stoß des DGB ist be­mer­kens­wert, weil des­sen Po­si­tio­nen zu­letzt im­mer wie­der mehr oder we­ni­ger di­rekt zu SPD-Po­li­tik ge­wor­den wa­ren – et­wa in der Ren­ten­po­li­tik.

Mit­te No­vem­ber hat­te Grü­nen­Par­tei­chef Ro­bert Ha­beck vor­ge­schla­gen, Hartz IV durch ei­ne „Ga­ran­tie­si­che­rung“zu er­set­zen, mit der ein Zwang zur Ar­beits­auf­nah­me und Sank­tio­nen ent­fie­len. Er rech­ne­te selbst mit Kos­ten von 30 Mil­li­ar­den Eu­ro, blieb bei der Ge­gen­fi­nan­zie­rung aber ähn­lich va­ge wie Nah­les – die­se müs­se „aus ei­ner ge­rech­te­ren Ver­tei­lung der Wohl­stands­ge­win­ne die­ses Lan­des er­fol­gen“, schrieb er.

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