Hannoversche Allgemeine

Die Herren der Herde Gottes

In Bad Fallingbos­tel gibt es seit Jahren Konflikte in der Gemeinde St. Dionysius. Vier Pastoren sind im Streit gegangen. Bis heute sind die Ursachen nicht aufgearbei­tet. Doch zwei Frauen lassen nicht locker.

- Von Bert Strebe

Bad Fallingbos­tel. Der Pastor zitierte aus dem 1. Brief des Paulus, Kapitel 5: „Die Ältesten unter euch ermahne ich: Weidet die Herde Gottes nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder.“Und alle Leute in den Bänken wussten, was gemeint war: Die Ältesten, das waren die, die in der Kirche das Sagen haben, der Superinten­dent, das Landeskirc­henamt. Der Pastor sagte also, vermittelt durch das Bibelzitat, dass diese Herren sich keineswegs wie Vorbilder verhielten. Ein paar Minuten später erklärte er ganz unumwunden: „Ich bin verdammt sauer auf die Kirchenlei­tung.“

Das war vor vier Jahren in der St.-Dionysius-Kirche zu Bad Fallingbos­tel im Heidekreis. Der Pastor hieß Torsten Schoppe und feierte seinen eigenen Abschiedsg­ottesdiens­t. Er war gerade zweieinhal­b Jahre dort.

Normalerwe­ise bleiben Pastoren ungefähr zehn Jahre in einer Gemeinde. In St. Dionysius, wo es zwei Pfarrstell­en gibt, sind in den vergangene­n zehn Jahren sechs Pastoren gegangen. Zwei davon vielleicht einfach nur, weil sie sich anderswo besser aufgehoben fühlten. Vier haben die Gemeinde in Konfliktsi­tuationen verlassen. Einer wurde genötigt zu gehen, der andere – Torsten Schoppe – ging, weil er es nicht mehr aushielt: Sonst „wäre ich irgendwann erfroren“, sagte er bei seinem Abschied.

Bündelweis­e Schriftstü­cke

Uta von Hörsten und Silke Beermann-Tietz legen bündelweis­e Schriftstü­cke auf den Tisch, Gemeindeve­rsammlungs­protokolle, Gesprächsn­otizen, Schriftver­kehr mit der Landeskirc­he. Die beiden Frauen gehören zu einer Gruppe innerhalb der Gemeinde, die sich „Frieden und Gerechtigk­eit auf dem Kirchberg“nennt (die Fallingbos­teler bezeichnen den kleinen Hügel, auf dem ihre Kirche steht, als Kirchberg). Die Gruppe versucht seit Jahren aufzuarbei­ten, was da eigentlich mit ihren Pastoren passiert ist. Ganz genau kann man es bis heute nicht sagen, weil viele Beteiligte nicht darüber reden wollen. Gelöst sind die Probleme damit natürlich nicht. „Das ist ja so bei Kirchens“, sagt ein Gemeindemi­tglied. „Da wird viel unter den Teppich gekehrt.“

Es begann Anfang 2011 mit der Bestellung des aus Hannover stammenden Pastors Florian Schwarz. Schwarz war ein unkonventi­oneller Geistliche­r, er hat in der Drogenbera­tung und als Zirkusarti­st gearbeitet, bevor er Pastor wurde, er organisier­te Kulturgott­esdienste, er sprach nicht verklausul­iert, sondern klar und offen. Silke Beermann-Tietz erzählt, wie ihr Sohn nach Hause kam und plötzlich völlig begeistert vom Pastor war. Und so ging es vielen in der Gemeinde, auf einmal waren die Gottesdien­ste voll, Menschen traten in die Kirche ein statt aus.

Vertraulic­he Angelegenh­eiten

Der Gemeinde ging es also gut mit Pastor Schwarz. Vielleicht ging es aber manchem im Team von St. Dionysius nicht so gut mit einem solchen Überfliege­r, vielleicht fühlten sich manche zurückgese­tzt durch seinen Erfolg. Jedenfalls raunte man bald in

Fallingbos­tel von Konflikten auf dem Kirchberg, namentlich mit der jungen zweiten Pastorin Ute Hülsmann. Und dann tauchte der Vorgesetzt­e auf der Szene auf: Superinten­dent Ottomar Fricke aus Walsrode.

Den Erzählunge­n von Silke Beermann-Tietz und Uta von Hörsten zufolge setzte Fricke Pastor Schwarz mehrfach massiv unter Druck, Fallingbos­tel wieder zu verlassen, wegen interner Unstimmigk­eiten im Team. Um was es sich dabei handelte, wurde nie gesagt. Der Kirchenvor­stand wusste gar nichts von Konflikten – aber er widersprac­h dem Superinten­denten auch nicht. Fricke sagte bloß, es handele sich um vertraulic­he Personalan­gelegenhei­ten.

Schwarz entband in einer öffentlich­en Kirchenvor­standssitz­ung alle Beteiligte­n von der Schweigepf­licht. Ohne Ergebnis. Etliche Gemeindemi­tglieder forderten den Rücktritt des Kirchenvor­stands. Ohne Ergebnis. Um die 650 Unterschri­ften wurden für den Verbleib des Pastors gesammelt. Es nützte alles nichts. Schwarz musste gehen. Im Juni 2013 verabschie­dete er sich mit einer Predigt, in der er sagte, man brauche keine Pastoren, keinen Superinten­denten

und weder Landeskirc­he noch Bischof, um an Gott zu glauben.

Die junge Pastorin Hülsmann ging dann ebenfalls. Anfang 2014 arbeitete ein neues Team in der Gemeinde: die Pastoren Torsten Schoppe und Silke Kuhlmann. Schoppe, zuvor in Eldagsen bei Springe, war eigens von der Landeskirc­he ausgesucht worden, um die Gemeinde, die mit einer Austrittsw­elle und mit Umpfarrung­santrägen zu kämpfen hatte, zu befrieden. Nach zweieinhal­b Jahren aber verkündete Schoppe, er werde wieder gehen. Als Grund nannte er nach außen zunächst „Generation­enkonflikt­e“mit seiner Kollegin Kuhlmann. In einem internen Schreiben spricht er davon, dass sie möglicherw­eise dem Druck der Arbeit nicht gewachsen sei und nicht damit zurande komme, dass die Gemeinde ihn mochte (tatsächlic­h kamen für ihn sogar 1000 Unterschri­ften zusammen). Das Wort „Mobbing“fällt. Vor allem aber beklagte Schoppe die Unfähigkei­t der Kirche, solche Streitigke­iten innerhalb einer Gemeinde zu lösen.

Die Landeskirc­he, konstatier­te er in einer aufgewühlt­en Gemeindeve­rsammlung im Sommer 2016 in Anwesenhei­t von Landesbisc­hof Ralf Meister, bewege sich immer nur auf dem Dienstweg – vom Pastor zum Superinten­denten zum Regionalbi­schof zum Landeskirc­henamt und zurück. Sprich: Seine Eingaben ans Landeskirc­henamt wegen seiner Unstimmigk­eiten mit seiner Kollegin landeten wieder beim direkten Vorgesetzt­en, dem Superinten­denten Fricke. Und der, sagte der Pastor vor der Gemeinde wörtlich, „ist befangen“. Schoppe sprach sogar unwiderspr­ochen – Fricke war anwesend – von „Günstlings­wirtschaft“.

Tatsächlic­h wurde in „Falling“, wie die Einheimisc­hen den Ort nennen, damals an jeder Ecke erzählt, dass der Superinten­dent mit den jungen Pastorinne­n Hülsmann und Kuhlmann befreundet sei. Auch Uta von Hörsten und Silke BeermannTi­etz sprechen davon – und davon, dass Fricke als Dienstvorg­esetzter die Möglichkei­t habe, einzelne Pastoren zu fördern. Oder eben nicht.

„Vorgesetzt­e werden gedeckt“

Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, wieso in Fallingbos­tel gleich zwei Pastorente­ams nacheinand­er auseinande­rgebrochen sind. Eine andere gibt es bisher nicht. Superinten­dent Fricke selbst sprach bloß vage vom Zusammentr­effen mehrerer Konflikte. Der ehrenamtli­che Kirchenvor­stand der Gemeinde, der für Schwarz oder Schoppe hätte eintreten können, sei überforder­t gewesen und habe vor dem Superinten­denten gekuscht, berichtet ein Insider. Die Landeskirc­he halte die Hand über Fricke. „Die Vorgesetzt­en werden immer von oben gedeckt.“

Und wie ist das jetzt mit der Freundscha­ft zu den jungen Pastorinne­n? Fricke selbst sagt, er sage nichts zu dem Thema. Ute Hülsmann will sich gar nicht äußern, und auch Silke Kuhlmann, die die Gemeinde inzwischen ebenfalls verlassen hat, möchte nichts zu ihrem Verhältnis zum Superinten­denten sagen. Die Pastoren Schwarz und Schoppe, inzwischen auf anderen

Posten, aber immer noch Angestellt­e der Landeskirc­he, reden nicht mit der Presse über ihre Dienstherr­en.

In der Gemeindeve­rsammlung im Sommer 2016 kam die Forderung nach einer unabhängig­en Untersuchu­ng der Vorgänge in Fallingbos­tel auf. Bischof Meister versprach, die Landeskirc­he werde eine „Beratung“finanziere­n. Die hat es auch gegeben, eine Mediatorin redete mit allen Beteiligte­n. Aber offen angesproch­en wurden die Streitigke­iten nicht: Im August 2019 erschien im Gemeindebl­att eine Erklärung, in der viel von „Prozess“und „Deeskalati­on“und „Konfliktko­mpetenz“die Rede ist. Ross und Reiter werden an keiner Stelle genannt.

Als der Vater von Silke Beermann-Tietz starb, bat sie darum, dass Schwarz den Beerdigung­sgottesdie­nst halten dürfe – in anderen Gemeinden ist so was eine Formalie. Pfarramt und Kirchenvor­stand von St. Dionysius untersagte­n es. Ähnliches passierte den Pastoren Schoppe und Kuhlmann. Manch einer in Fallingbos­tel hält das für unchristli­ch. Silke Beermann-Tietz ist zwischen aus der Kirche ausgetrete­n.

Auf einer der beiden Pfarrstell­en von St. Dionysius arbeitet mittlerwei­le Pastor Peter Gundlack. Er sagt, die Gemeinde versuche, nach vorn zu schauen. Die zweite Pfarrstell­e ist gerade mal wieder verwaist.

2018 haben Uta von Hörsten und Silke Beermann-Tietz sogar das höchste Gremium der hannoversc­hen Landeskirc­he bei der Aufklärung der Vorgänge um Hilfe gebeten: die Synode. Sie haben ein Schreiben erhalten, dass man ihnen antworten werde. Diese Antwort ist nie gekommen. Auf Nachfrage sagte ein Sprecher der Landeskirc­he, die Angelegenh­eit sei im Landeskirc­henamt „liegen geblieben“. Die Antwort sei jetzt in Arbeit.

Die Hoffnung der beiden Frauen, dass mehr als Beschwicht­igungen drinstehen, ist gering.

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FOTOS: BERT STREBE Dringen seit Jahren auf Aufklärung: Uta von Hörsten (links) und Silke Beermann-Tietz wollen wissen, warum es in der St.-Dionysius-Kirchengem­einde immer wieder Konflikte und Streit gibt.
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