Ein biss­chen Maß muss sein

Tailo­ring ist der­zeit ei­nes der an­ge­sag­tes­ten Mo­de­the­men. Was macht ei­nen gut sit­zen­den An­zug aus? Ein Be­such in der Sa­vi­le Row in Lon­don, ei­ne der welt­weit bes­ten Adres­sen für Maß­schnei­de­rei – auch für Frau­en.

Hannoversche Allgemeine - - STILFRAGEN - Von Micha­el Pohl

Zwi­schen Mas­sen­wa­re und Ex­klu­si­vi­tät ist es oft nur ein klei­ner Schritt. Wäh­rend sich auf der Lon­do­ner Re­gent Street zu­min­dest in pan­de­mie­frei­en Zei­ten die Fuß­gän­ger­mas­sen drän­gen, vor­bei an im­mer neu­en Flagship-Sto­res be­kann­ter Mar­ken wie App­le oder Hol­lis­ter, ist es nur ei­ne Qu­er­stra­ße ent­fernt deut­lich ru­hi­ger: Die Sa­vi­le Row, ei­ne von En­g­lands no­bels­ten Adres­sen, bie­tet im Ver­gleich zum Tru­bel üb­li­cher Ein­kaufs­mei­len die eher ent­spann­te Form des Shop­pings. Und das schon seit Jahr­hun­der­ten.

Das liegt nicht nur an der La­ge jen­seits des Fuß­gän­ger­stroms – wer hier ein­kauft, soll­te vor al­lem gut ver­die­nen. Die Sa­vi­le Row ist die be­kann­tes­te Stra­ße des Lan­des für Her­ren­mo­de und Hei­mat von En­g­lands bes­ten Her­ren­schnei­dern. Prinz Charles et­wa kauft hier ein, Wins­ton Chur­chill tat es, eben­so wie Ja­mes-Bond-Er­fin­der Ian Flem­ming und Rol­ling-Sto­nes-Schlag­zeu­ger Char­lie Watts. „Bes­po­ke Tailo­ring“, die be­son­de­re Form der Maß­schnei­de­rei, ent­stand ge­nau hier: Je­des De­tail ei­nes Klei­dungs­stücks, das in den der­zeit rund 15 Be­trie­ben der Stra­ße nach den ex­ak­ten Ma­ßen des Kun­den ent­steht, wird zu­vor ganz ge­nau mit die­sem be­spro­chen. Das hat frei­lich sei­nen Preis: „Die Prei­se für ei­nen An­zug star­ten bei 5000 bis 6000 Pfund“, sagt Wal­ker Drum­mond von der Agen­tur Al­pha Ki­lo Crea­ti­ve, die die Sa­vi­le Row ver­mark­tet. Da­für gibt es für je­des dort ge­fer­tig­te Klei­dungs­stück so et­was wie ei­ne le­bens­lan­ge Ga­ran­tie: Es ist für die Ewig­keit ge­macht.

Ein Re­port der Ci­ty of West­mins­ter ging vor gut zehn Jah­ren da­von aus, dass hier Jahr für Jahr zwi­schen 6000 und 7000 An­zü­ge von Hand ent­ste­hen. 30 bis 35 Mil­lio­nen Pfund sol­len hier Me­dien­be­rich­ten zu­fol­ge jähr­lich um­ge­setzt wer­den. Die un­auf­fäl­li­ge, ru­hi­ge Sa­vi­le Row ist längst ein klei­ner Wirt­schafts­fak­tor für En­g­land ge­wor­den.

Das könn­te auch Fol­ge ei­ner der jün­ge­ren Ent­wick­lun­gen sein: Zur Kund­schaft zäh­len mitt­ler­wei­le auch im­mer mehr Frau­en. Der Grund da­für liegt na­he: Fei­ne Stof­fe mit viel Lie­be zum De­tail zu ver­ar­bei­ten und ele­gan­te Bu­si­ness­mo­de dar­aus zu kre­ieren, kommt nicht nur bei Män­nern an. Die Sa­vi­le Row war die längs­te Zeit ei­ne Män­ner­do­mä­ne. Nun öff­net sie sich zu­neh­mend für Da­men­mo­de.

Be­gon­nen hat es mit Ka­thryn Sar­gent, ei­ner am­bi­tio­nier­ten Frau aus Leeds, die sich bei ei­nem der re­nom­mier­tes­ten Be­trie­be der Sa­vi­le Row, Gie­ves & Haw­kes, bis zur Chef­schnei­de­rin hoch­ar­bei­te­te – als ers­te Frau über­haupt. Und dort wag­te sie sich eben­falls als Ers­te in ei­nen für die dor­ti­ge Bran­che bis da­hin un­be­ach­te­ten Be­reich vor, der Da­men­mo­de. In­zwi­schen hat sich Ka­thryn Sar­gent selbst­stän­dig ge­macht, zu­nächst in der Sa­vi­le Row selbst, in­zwi­schen un­weit ent­fernt in der Brook Street. Dort be­treibt sie ihr ei­ge­nes Ate­lier – für Her­ren und Da­men. Die ed­le Bu­si­ness­mo­de aus feins­tem schot­ti­schen Har­ris-Tweed kommt an. „Zu un­se­ren Kun­den zäh­len ei­ni­ge der ein­fluss­reichs­ten Frau­en in Lon­don“, heißt es beim Un­ter­neh­men nicht oh­ne Stolz.

Noch ein wei­te­rer Na­me ist eng mit der Eta­b­lie­rung von Da­men­mo­de

in der eins­ti­gen Män­ner­welt ver­bun­den: Pho­ebe Gorm­ley er­öff­ne­te im Al­ter von ge­ra­de ein­mal 21 Jah­ren ihr ei­ge­nes Ate­lier im Ober­ge­schoss von Cad & The Dan­dy, ei­nem der Platz­hir­schen der Sa­vi­le Row. In der bri­ti­schen Pres­se galt sie schnell als „new kid on the block“, als neu­es Kind im Vier­tel, hat­te sie sich in jun­gen Jah­ren doch mit gro­ßem Selbst­be­wusst­sein und ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Mut in die Selbst­stän­dig­keit ge­stürzt. Für ihr La­bel Gorm­ley and Gam­ble schmiss sie so­gar kur­zer­hand ihr Stu­di­um. „Ich ha­be vie­le Kun­den, die kei­ne An­zü­ge tra­gen wür­den, sich aber für Sei­den­hem­den in­ter­es­sie­ren oder die per­fek­te Ho­se oder den ul­ti­ma­ti­ven Kaschmir­man­tel“, sagt Gorm­ley, bis heu­te die ein­zi­ge Un­ter­neh­me­rin der Sa­vi­le Row, die sich aus­schließ­lich Be­klei­dung für Da­men wid­met – für sie im­mer wie­der ei­ne Her­aus­for­de­rung: „Man muss zu­sätz­li­che Ge­duld für Da­men­mo­de ha­ben, es ist schwie­ri­ger, aber ich fin­de es auch loh­nen­der.“An­de­re der tra­di­tio­nel­len Schnei­der ha­ben in­zwi­schen nach­ge­zo­gen: „Da­men­mo­de war in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein gro­ßer Trend in der Sa­vi­le Row“, sagt auch Mar­ke­ting­ex­per­te Drum­mond.

„Un­se­re durch­schnitt­li­che Kun­din ist zwi­schen 40 und 50 Jah­re alt“, hat Mag­da Hand­wer­ker be­ob­ach­tet, Chef­schnei­de­rin für Da­men­mo­de bei Hunt­s­man, ei­nem Un­ter­neh­men mit 170-jäh­ri­ger Ge­schich­te. „Aber es gibt ei­ne wach­sen­de An­zahl jün­ge­rer Kun­din­nen En­de 20, An­fang 30, die den klas­si­sche­ren Aspekt der Klei­dung er­for­schen möch­ten.“

Die Tra­di­ti­on schwingt bei vie­len Un­ter­neh­mern mit: „Mo­de spielt bei un­se­ren Mo­del­len kei­ne gro­ße Rol­le“, sagt Jo­seph Mor­gan, Mit­be­grün­der von Chitt­le­bo­rough & Mor­gan. „Sie kön­nen im­mer noch un­se­re frü­hen Ori­gi­nal­stü­cke tra­gen.“Ei­ne An­sicht, die auch Mag­da Hand­wer­ker teilt: „Da­men­mo­de der Sa­vi­le Row re­prä­sen­tiert ei­nen eher zeit­lo­sen und doch klas­si­schen Stil – fast ei­ne Art An­ti-Trend.“Es dre­he sich al­les um ei­nen State­ment-An­zug, der ein­fach die weib­li­che Form be­to­ne.

Dass die Da­men­mo­de die alt­ehr­wür­di­ge Sa­vi­le Row er­obert, ist ge­nau ge­nom­men die lo­gi­sche Kon­se­quenz aus ih­rer Ent­ste­hung: Das Ge­län­de der Stra­ße lag vor Jahr­hun­der­ten auf dem Land­gut des 3. Earl von Bur­ling­ton. Zwi­schen 1731 und 1735 wur­de sie er­baut und nach der Frau des Earls be­nannt, La­dy Do­ro­thy Sa­vi­le.

Ein lan­ger Weg bis zur Neu­aus­rich­tung – der heu­te um­so mehr zum Mar­ke­ting­fak­tor wer­den könn­te, wie auch Pio­nie­rin Gorm­ley sagt: „Der Er­folg mei­nes Ge­schäfts be­ruht auch auf der Über­ra­schung mei­ner Kun­din­nen dar­über, dass es 200 Jah­re ge­dau­ert hat, bis es auf die­ser pres­ti­ge­träch­ti­gen Stra­ße rei­ne Da­men­mo­de gab.“

Da­men­mo­de der Sa­vi­le Row re­prä­sen­tiert ei­nen eher zeit­lo­sen und doch klas­si­schen Stil.

Mag­da Hand­wer­ker, Chef­schnei­de­rin für Da­men­mo­de bei Hunt­s­man

Mo­de für je­de(n): Ka­thryn Sar­gent (links) galt als Vor­rei­te­rin der Da­men­kol­lek­tio­nen in der Sa­vi­le Row, ei­ner Stra­ße, die frü­her eher von be­kann­ten Män­nern wie Prinz Charles (klei­nes Bild un­ten) auf­ge­sucht wur­de. Be­reits 2018 stell­te Wil­li­am Hunt ei­ne Kol­lek­ti­on ge­mein­sam mit Ikea vor (oben).

FO­TO: MICHA­EL POHL

Ein ein­fa­ches Stra­ßen­schild mit gro­ßer Sym­bol­kraft: Die Sa­vi­le Row in Lon­don ist Aus­druck von Ex­klu­si­vi­tät.

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