Durch die Nacht mit ...

Als Youtuber ist Fynn Klie­mann ein lus­ti­ger As­tro­naut, als Mu­si­ker ein be­sorg­ter Clown. Auf sei­nem zwei­ten Al­bum „Pop“singt der 32-jäh­ri­ge Haus­boot­be­sit­zer jetzt über Din­ge, über die er nie­mals spre­chen wür­de.

Hannoversche Allgemeine - - WAHRES, SCHÖNES, GUTES - Von Ma­thi­as Be­gal­ke

Was ist ei­gent­lich aus Gun­ter Ga­b­ri­els Haus­boot ge­wor­den? „Ich bin ge­ra­de auf dem Weg dort­hin“, ant­wor­tet Fynn Klie­mann am Te­le­fon. Die Frei­sprech­an­la­ge in sei­nem Au­to zer­knis­tert sei­ne nord­deut­sche Stim­me. Dann hupt je­mand. Es ist Klie­mann selbst. Aus Ver­se­hen. Der Youtuber und Sin­ger-Song­wri­ter hat die frü­he­re Be­hau­sung des 2017 ge­stor­be­nen Sän­gers ge­mein­sam mit sei­nem Kum­pel und Kol­le­gen Ol­li Schulz ge­kauft. Die bei­den sind zur­zeit da­bei, sie in ei­ner Werft im Har­bur­ger Bin­nen­ha­fen zu ei­nem schwim­men­den Ton­stu­dio um­zu­bau­en. Spä­tes­tens im Ju­li wol­len sie fer­tig sein.

Es soll ein Re­fu­gi­um wer­den, er­zählt Klie­mann, ein Rück­zugs­ort, der Mu­si­ker zu „ver­rück­ten, krea­ti­ven Spin­ne­rei­en“in­spi­riert. „Drei Schlaf­zim­mer, ei­ne Dach­ter­ras­se mit Büh­ne, ein rie­sen­gro­ßes, voll gei­les Stu­dio mit fet­ter Fens­ter­front. Das gan­ze Boot ist ver­ka­belt. Du kannst auf dem Klo dei­ne Gi­tar­re ein­stöp­seln, wenn du willst.“

Schwer vor­stell­bar, dass Klie­mann, die­ser Skate­board­typ vol­ler Ge­schäfts­ide­en, ein glü­hen­der Gun­ter-Ga­bri­el-Fan ist, dass er auf al­te Schla­ger-So­cken wie „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“oder „Komm’ un­ter mei­ne De­cke“steht. „Nee“, sagt er. „Ich kann­te den gar nicht. Ol­li kann­te den.“

Es ist ein ty­pi­sches Klie­mann-Pro­jekt. Der Zu­stand des Schif­fes stell­te sich bei ge­naue­rem Hin­se­hen als sehr schlecht her­aus. Zu glau­ben, die Sa­nie­rung wür­de un­kom­pli­ziert und gar nicht teu­er wer­den, sei ein gro­ßer Feh­ler ge­we­sen, sagt der 32-Jäh­ri­ge. Gu­te Ide­en zieht er trotz­dem durch.

Klie­mann denkt ein biss­chen an­ders als al­le an­de­ren, Schwie­rig­kei­ten schre­cken ihn sel­ten ab, er agiert weit­ge­hend un­ab­hän­gig. Er scheint auch nie zu zau­dern oder zu zö­gern. Ver­mut­lich be­wun­dern ihn die Fans sei­ner Youtube-Sen­dung „Klie­manns­land“ge­nau des­halb: weil er den Mut hat, die Din­ge, die ihm in den Sinn kom­men, ein­fach an­zu­ge­hen. So wie zu Be­ginn der Co­ro­na­Kri­se. Als es in Kran­ken­häu­sern und Pfle­ge­hei­men an Atem­schutz­mas­ken man­gel­te, sorg­te er für Nach­schub. Er ließ die Fir­ma, die nor­ma­ler­wei­se T-Shirts für ihn und an­de­re Künst­ler fer­tigt, Mund-Na­senBe­de­ckun­gen in ho­her Stück­zahl pro­du­zie­ren.

„Wir sind so ein klei­nes, schnel­les, wen­di­ges Bei­boot“, sagt er. Der ge­lern­te Web­de­si­gner und Mit­in­ha­ber ei­ner Wer­be­agen­tur weiß sich gut in Sze­ne zu set­zen.

Das „Klie­manns­land“ist ein al­ter Bau­ern­hof in Els­dorf, Orts­teil Rüs­pel, in der Nord­hei­de, den Klie­mann vor vier Jah­ren ge­kauft hat. Dort baut er mit Gleich­ge­sinn­ten skur­ri­le, bis­wei­len so­gar nütz­li­che Din­ge al­ler Art: ein Grill­m­o­ped zum Bei­spiel, ei­ne Wa­ke­boar­d­an­la­ge im ei­ge­nen Gar­ten­teich oder ein Ka­rus­sell aus vier Fahr­rä­dern. Es ist ein fröh­li­ches Schwei­ßen, Fle­xen und Pfu­schen. Die Vi­deo­clips, die er für Funk, den Ju­gend­ka­nal von ARD und ZDF dreht, sind In­ter­nethits. Für ihn ist das „Klie­manns­land“je­doch weit mehr. Es ist ein „be­frei­ter Ort“, wie er sagt.

Um Be­frei­ung geht es ihm auch in sei­ner Mu­sik. Vie­le sei­ner Songs spie­len in der Nacht. „Schlaf end­lich ein“, singt er, „weil die Nacht heilt.“Er stellt gro­ße Fra­gen: Wo kann man sein, so wie man ist? Wo ist man zu Hau­se? Soll man ge­hen oder blei­ben? Wie­so merkt man nie, wenn der Schmerz weg ist, nur wenn er kommt?

Sein ers­tes Al­bum

„Nie“, das er 2018 oh­ne Plat­ten­fir­ma ver­öf­fent­lich­te, ver­kauf­te sich 134 000-mal. In die Al­bum­charts kam es aber nicht, denn Klie­mann zahl­te kein Geld für die Aus­wer­tung. „Wir char­ten nicht, um ein Zei­chen zu set­zen, da­für, dass die Charts ein ir­re­le­van­ter Scheiß sind“, sag­te er da­mals. Das sei nur et­was für An­ge­ber.

Die Mu­sik­in­dus­trie, von der er sich dis­tan­ziert, ver­lieh ihm trotz­dem ei­ne gol­de­ne Schall­plat­te für mehr als 100 000 ver­kauf­te Ein­hei­ten. „Der Witz ist“, sagt er, „man kämpft ge­gen das Sys­tem und wird dann ge­nau von die­sem Sys­tem aus­ge­zeich­net.“Dies hat ihn nur be­stä­tigt: Man muss nicht un­be­dingt nach den Re­geln der an­de­ren spie­len, um er­folg­reich zu sein. Bei Ins­ta­gram und Youtube fol­gen ihm je­weils weit mehr als ei­ne hal­be Mil­li­on Fans. Dort kann er sei­ne Ziel­grup­pe di­rekt an­spre­chen.

Wie auf „Nie“singt Klie­mann auch auf sei­nem zwei­ten Al­bum „Pop“über in­ne­re An­ge­le­gen­hei­ten, über die er nie­mals spre­chen wür­de. Über die ei­ge­ne Dun­kel­heit und sei­ne Selbst­zwei­fel, auch über sei­nen Va­ter, der vor ei­ni­gen Jah­ren starb. „Fri­sches Holz er­in­nert mich an Pa­pa, Me­tall­spä­ne auch.“Sei­ner Freun­din Fran­zi wid­met er das Lied „War­ten“. „Was mir Angst macht sind die Jah­re, seit de­nen du sagst, du kannst war­ten“, heißt es da, als wür­de sie für ihn mit­war­ten, wäh­rend er Pro­jekt nach Pro­jekt in ei­nem Af­fen­zahn ver­wirk­licht. Für Fran­zi hat­te er schon vor zwei Jah­ren „Zu­hau­se“ge­sun­gen, das schöns­te Lie­bes­lied der Sai­son. „Ich den­ke in Far­ben, du be­malst je­de Wand.“

War­tet er denn nie? „Nee“, ant­wor­tet Klie­mann. „Wer war­tet schon gern?“Hat er nie Be­den­ken, die ihn brem­sen? Fürch­tet er sich nie da­vor, schei­tern zu kön­nen? Wie­so fällt ihm die­ses Los­le­gen so leicht? „Ir­gend­wann ha­be ich mal ent­schie­den: Ich ha­be kei­ne Angst mehr. Ich ma­che das jetzt ein­fach. Was soll schon pas­sie­ren?“

In der Do­ku­men­ta­ti­on „100 000 – Al­les, was ich nie woll­te“sagt er: „Die­ser blö­de Spruch, du kannst al­les wer­den, du kannst al­les ma­chen, ist kom­plett wahr. Das ist das Wich­tigs­te, was es gibt.“Im Song „Al­les was ich hab“for­mu­liert er es nun so: „Wer es nicht ver­sucht, ist ir­gend­wann ganz trau­rig, jau.“Wenn er singt, klingt sei­ne nord­deut­sche Stim­me hin- und her­ge­ris­sen, als emp­fin­de er gleich­zei­tig Fern­weh und Heim­weh.

Als Youtuber ist Klie­mann ein lus­ti­ger As­tro­naut, als Mu­si­ker wirkt er da­ge­gen wie ein be­sorg­ter Clown. „Doch eins muss ich noch ler­nen, glück­lich sein ist nicht ver­kehrt“, sang er auf „Nie“. Ist er in die­ser Hin­sicht in letz­ter Zeit vor­an­ge­kom­men? „Ich glau­be nicht, ehr­lich ge­sagt“, ant­wor­tet er. „Ich bin noch sehr in der Lern­pha­se.“Dann zählt er auf, was ihn ei­gent­lich glück­lich macht: „Das, was ich schon die gan­ze Zeit hat­te: mei­ne Freun­din, mein Zu­hau­se, mitt­ler­wei­le ha­ben wir ei­nen klei­nen Hund, mei­ne Kum­pels und ein biss­chen an Mo­tor­rä­dern schrau­ben.“

Die­ses Glück zu hun­dert Pro­zent zu ge­nie­ßen, dar­an hin­de­re er sich selbst, sagt er, als sei er ei­ne Art Ge­fan­ge­ner sei­nes ei­ge­nen Ta­ten­drangs, sei­ner Ener­gie, sei­nes Tem­pos. „Ich bin ges­tern auf­ge­wacht und hat­te ei­ne Idee, die ich als die bes­te Idee mei­nes Le­bens be­zeich­nen wür­de und die das Strea­m­ing­ver­hal­ten der Welt lang­fris­tig ver­än­dern könn­te. Was soll ich jetzt da­mit ma­chen? Kann ich sie ein­fach weg­schmei­ßen und mich dar­auf kon­zen­trie­ren, mit dem Hund Gas­si zu ge­hen?“, fragt er und ant­wor­tet selbst: „Nee! Al­so muss ich ei­ne neue Fir­ma grün­den und die nächs­ten Mo­na­te die­ses Ding an den Start brin­gen, weil ich da­nach süch­tig bin, weil ich es nicht ein­fach sein las­sen kann.“

Zu­letzt hat der 32-Jäh­ri­ge meh­re­re „Klie­manns­land“-Vi­de­os zu Hau­se ge­dreht. Man sieht ihn zum Bei­spiel, wie er mit sei­nem neu­en ro­ten Rad­la­der für sei­ne Freun­din im Gar­ten ein Beet an­legt. Fran­zi spielt in ei­ni­gen Spots mit. Er wol­le sich tat­säch­lich „nach dem gan­zen Bo­hei ein biss­chen zu­rück­zie­hen“, sagt er, als ver­spü­re er die Ge­fahr ei­nes stress­be­ding­ten Hör­stur­zes. Ei­nen hat­te er schon. „Ich ha­be jetzt Bock, im Hin­ter­grund et­was zu bas­teln.“

Viel­leicht baut er das schwim­men­de Ton­stu­dio vor al­lem für sich selbst, um dort, wie er mal schwärm­te, am En­de der Nacht nackt am Kla­vier sit­zen zu kön­nen. Dann blickt er durch die fet­te Fens­ter­front und sieht die Son­ne auf­ge­hen. Ei­ne Mö­we fliegt vor­bei.

Mög­li­cher­wei­se sind Klie­manns Ska­ter­jah­re ja vor­bei.

Ich ha­be kei­ne Angst mehr. Ich ma­che das jetzt ein­fach. Was soll schon pas­sie­ren?

Fynn Klie­mann, Tau­send­sas­sa

In­fo Fynn Klie­manns Al­bum „Pop“kann man bis zum 29. Mai als LP und CD vor­be­stel­len (www.oder­so.cool). Da­nach gibt es die Plat­te nur noch di­gi­tal.

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