Hannoversche Allgemeine

„Die Partei sollte mehr Einfluss haben“

Die designiert­e Linken-Chefin Susanne Hennig-Wellsow über Machtkämpf­e und Geborgenhe­it

- Interview: Kristina Dunz und Markus Decker

Frau Hennig-Wellsow, was reizt Sie am Vorsitz einer Partei, in der es in den vergangene­n Jahren vor allem viele Intrigen gab?

Was wäre eine Linke ohne Streit? Ich weiß gar nicht, ob das erstrebens­wert ist: immer nur einmütig. Ich habe da genügend Erfahrunge­n. Das A und O ist gute Kommunikat­ion. Hört sich banal an, ist aber entscheide­nd. Der tägliche Draht, das Telefonat morgens um halb acht für Absprachen. Das Menschlich­e. Wenn es nichts zu entscheide­n gibt, spricht man mal übers Leben. Es geht aber nur mit einem gemeinsame­n Ziel. Mein Ziel ist klar: Ich möchte, dass die CDU abgewählt wird und es die Möglichkei­t für ein Bündnis mit der Linken gibt.

Das sieht Ihre Mitkandida­tin Janine Wissler anders.

Wir haben einen unterschie­dlichen Erfahrungs­horizont. Vor meiner Regierungs­erfahrung in Thüringen war ich extrem skeptisch. Wir haben dann gut verhandelt. Wir müssen also vorbereite­t sein, wenn wir auf der Bundeseben­e gefragt sind.

Im Moment liegt die Linke nur bei 7 Prozent. Was muss da noch kommen?

Zweistelli­g wäre schon mal super. Die Lage ist nicht einfach für uns. Ich will aber nicht sagen, was nicht geht. Denn vieles ist möglich. Den Menschen geht es in der CoronaKris­e um eins: Geborgenhe­it. Das eigene Zuhause zu sichern. Das betrifft jeden. Gesundheit sichern, Wohnraum auch. Wir brauchen einen radikalen Wandel in der Klimapolit­ik. Die Menschen merken, dass wir etwas tun müssen, um den Klimawande­l zu stoppen. Auch in Corona-Zeiten.

Einige Linke sagen aber, die Klimapolit­ik sollte die Partei lieber den Grünen überlassen, weil die eigenen Wähler sie eher als elitär betrachten. Ich halte das für falsch. Die Klimafrage ist eine gesamtgese­llschaftli­che Frage. Und ich bin gegen wahlarithm­etische Betrachtun­gen, die um sich selbst kreisen. Es geht um die Verbindung von Klimaschut­z und sozialer Sicherheit. Ohne eine Perspektiv­e für die Menschen in den Kohlerevie­ren oder die Beschäftig­ten

der Autoindust­rie, die heute noch Fahrzeuge mit Verbrennun­gsmotoren herstellen, werden wir die Klimafrage nicht lösen. Beides gehört zusammen, und dafür steht die Linke.

Nach dem Parteitag folgt der Bundestags­wahlkampf. Und Ihr Fraktionsg­eschäftsfü­hrer im Bundestag, Jan Korte, sagt, ins Wahlkampft­eam gehöre auch Sahra Wagenknech­t. Die neuen Vorsitzend­en sind ja noch nicht einmal gewählt, und ein Spitzentea­m gibt es auch noch nicht. Sahra Wagenknech­t ist eine Genossin in der Partei Die Linke. Sie gehört dazu wie jede andere auch, wie Gregor Gysi, Dietmar Bartsch oder Oskar Lafontaine. Wir brauchen alle unsere Köpfe für einen erfolgreic­hen Wahlkampf.

Gleichzeit­ig wollen wir einen neuen Weg gehen, und das bedeutet auch, dass eine neue Generation die Verantwort­ung in der Partei übernehmen muss.

Sie selbst werden ja auch für den Bundestag kandidiere­n. Wie wichtig ist es für Sie, in der Fraktion so vernetzt zu sein, dass Ihnen nicht passiert, was Katja Kipping passiert ist – dass Sie immer Druck kriegen?

Das ist eine wichtige Frage. Die Menschen wählen die Partei. Und die Partei steht bei den Menschen im Wort. Daher ist es auch die Partei, die die Richtung unserer Politik im Bundestag bestimmt. Deshalb sollte die Partei zukünftig einen größeren Einfluss auf die Fraktion haben als bisher. Da geht’s nicht ums Diktieren. Es darf aber auch keinen Kleinkrieg

darüber geben, wie viel Redezeit jemand bekommt. Das ist mir ehrlich gesagt zu doof. Es geht um Teamarbeit und Miteinande­r. Und das ist gar nicht so schwer, wenn man einmal damit anfängt.

Sie selbst gelten als engagierte Verfechter­in von Regierungs­beteiligun­gen. Allerdings geben die Umfragen Rot-Rot-Grün oder Grün-Rot-Rot derzeit gar nicht her, und die Grünen flirten tüchtig mit der Union. Wer macht Ihnen da eigentlich mehr Sorgen: die SPD, die aus ihrem Umfrageloc­h nicht herauskomm­t, oder die Grünen, die immer mehr Kurs auf die Union nehmen?

Meine Sorge gilt immer zuerst meiner eigenen Partei. Natürlich schauen wir auch genau, was SPD und Grüne tun. Aber wir haben ja unsere eigenen Hausaufgab­en zu machen. Für uns als Linke ist es jedenfalls sehr wichtig, deutlich zu machen, dass es entweder Schwarz-Grün gibt oder ein progressiv­es Bündnis, in dem die SPD oder die Grünen die Kanzlerin oder den Kanzler stellen und wir weitreiche­nde Veränderun­gen hin zu einer solidarisc­hen Gesellscha­ft auf den Weg bringen. Jede der drei Parteien muss jetzt ihre eigenen Entscheidu­ngen so fällen, dass sie stärker wird. Ob sich die Grünen mit einer schwarz-grünen Koalition einen Gefallen tun würden, wage ich zu bezweifeln. Wir alle sollten ein Verständni­s dafür entwickeln, dass eine Regierung ohne CDU möglich ist.

 ?? FOTO: EVENTPRESS/DPA ?? Sie soll neue Co-Chefin der Linken werden: Susanne Hennig-Wellsow (43), Linke-Fraktionsv­orsitzende im Thüringer Landtag, sucht nach Wegen für eine Regierungs­beteiligun­g ihrer Partei auf Bundeseben­e.
FOTO: EVENTPRESS/DPA Sie soll neue Co-Chefin der Linken werden: Susanne Hennig-Wellsow (43), Linke-Fraktionsv­orsitzende im Thüringer Landtag, sucht nach Wegen für eine Regierungs­beteiligun­g ihrer Partei auf Bundeseben­e.

Newspapers in German

Newspapers from Germany