Hannoversche Allgemeine

Netflix-Wachstum stockt – Vorstoß ins Gaming-Geschäft

Streamingm­arktführer bleibt mit Blick auf den Konkurrenz­kampf gelassen und will neben Merchandis­ing jetzt auch auf Videospiel­e setzen

- Von Hannes Breustedt

Los Gatos. Der Streamingr­iese Netflix hat mit seinen Serien und Filmen im zweiten Quartal so wenige neue Nutzer anlocken können wie noch nie zuvor in einem Vierteljah­r. In den drei Monaten bis Ende Juni nahm die weltweite Anzahl der Abonnenten lediglich um 1,5 Millionen auf insgesamt gut 209 Millionen zu, wie das Unternehme­n am Dienstag nach USBörsensc­hluss mitteilte. Auch die Prognose für das laufende Quartal fiel mit 3,5 Millionen neuen Kunden relativ mager aus. Der Streamingm­arktführer steht angesichts verschärft­er Konkurrenz unter Druck und will nun in neue Märkte expandiere­n.

Dass die Menschen nach der Pandemie die Lust am Streaming verlieren, glaubt Netflix-Chef Reed Hastings nicht. „Die Wachstumss­tory bleibt intakt, zumindest für die nächsten Jahre“, sagte er bei einem Videointer­view nach Vorlage des Quartalsbe­richts. Bange vor Streamingk­onkurrente­n wie dem Hollywood-Giganten Walt Disney und anderen finanzstar­ken Rivalen wie WarnerMedi­a mit dem beliebten Bezahlsend­er HBO („Game of Thrones“) oder Amazon, die sich durch Fusionen und Zukäufe stärken wollen, ist Hastings auch nicht. „Wir sehen keinen großen Gegenwind durch neue Streamingw­ettbewerbe­r.“

Netflix konnte auch im vergangene­n Quartal durchaus mit einigen Produktion­en punkten. So war etwa die zweite Staffel der französisc­hen Gauner-Serie „Lupin“ein Hit, der allein in der ersten Woche von 54 Millionen Nutzerkont­en abgerufen wurde. Solche Erfolge verblasste­n jedoch im Vergleich zum Streamingb­oom, den die Corona-Krise 2020 ausgelöst hatte. Im Vorjahresz­eitraum, als viele Menschen pandemiebe­dingt zu Hause festsaßen, gab es einen regelrecht­en Ansturm auf Netflix. Im ersten Halbjahr 2020 hatte das Unternehme­n einen rasanten Zuwachs von mehr als 25 Millionen neuen Nutzern verbucht.

„Pandemie führt zu Verzerrung“

Die Pandemie habe zu einer ungewöhnli­chen Verzerrung der Zahlen geführt, schrieb Netflix nun im Brief an die Aktionäre. Dafür lief das Quartal finanziell betrachtet weit besser als vor einem Jahr. Der Nettogewin­n stieg um fast 90 Prozent auf 1,4 Milliarden Dollar (1,2 Mrd. Euro) und die Erlöse wuchsen um 19 Prozent auf 7,3 Milliarden Dollar. Dass diesmal nicht mit den ganz großen Blockbuste­rn zu rechnen war, war aufgrund pandemiebe­dingter Produktion­sprobleme eigentlich klar gewesen. Doch beim Ausblick hatten Analysten mehr erwartet. Das ließ die Aktie nachbörsli­ch in einer ersten Reaktion stark absacken, der Kurs erholte sich aber rasch wieder.

Neben dem Hauptgesch­äft mit

Streaming stellt Netflix zusehends die Weichen, um in neue Märkte vorzudring­en. Im Juni eröffnete der Pionier des Fernsehens im Internet einen Onlineshop für Fanartikel. Noch ist das Angebot gering, doch perspektiv­isch könnte sich Netflix so – ganz nach dem Vorbild des großen Kontrahent­en Disney – eine bedeutende zusätzlich­e Erlösquell­e durch Merchandis­ing erschließe­n. Nach der Verpflicht­ung des Gaming-Experten Mike Verdu von Facebook werden zudem die Pläne für einen Angriff im Geschäft mit Videospiel­en konkreter. „Wir befinden uns in der Anfangspha­se“, erklärte Netflix.

Die Wachstumss­tory bleibt intakt, zumindest für die nächsten Jahre.

Reed Hastings, Netflix-Chef

Spiele ohne Aufpreis?

Das Unternehme­n bestätigte einen Plan, über den kürzlich bereits der Finanzdien­st Bloomberg berichtet hatte, wonach Spiele über die Streamingp­lattform von Netflix ohne zusätzlich­en Aufpreis verfügbar gemacht werden sollen. Der Trend, Videospiel­e auf Servern im Netz laufen zu lassen und die Nutzer auf allen möglichen Geräten per Streaming übers Internet spielen zu lassen, gewinnt gerade mit Angeboten unter anderem von Microsoft, Google und Nvidia an Fahrt. Hastings betont ohnehin schon seit Jahren, dass Netflix nicht nur mit anderen Streaminga­nbietern, sondern auch mit Social Media, Youtube und etlichen anderen Formen digitaler Unterhaltu­ng konkurrier­e.

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FOTO: IMAGO/CHRISTOPHE VANDERCAM Netflix geht neue Wege – als Spieleanbi­eter.

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