Hannoversche Allgemeine

Große Stadt der kleinen Träume

„In the Heights“ist ein New-York-Musical, das bei allem Ernst gute Laune versprüht

- Von Margret Köhler

Usnavi de la Vega (Anthony Ramos) betreibt in Washington Heights eine Bodega, ein Lebensmitt­elgeschäft mit Kaffeebar, Treffpunkt der Nachbarsch­aft. Die Herkunft seines seltsamen Vornamens ist skurril. Als sein Vater aus der Dominikani­schen Republik übers Meer Amerika erreichte, sah er ein Schiff mit den Lettern „U.S.Navy“, seitdem heißt der Sohn lautmaleri­sch Usnavi. Der junge Mann verfolgt den „american dream“vom Aufstieg, sehnt sich aber gleichzeit­ig ins Palmenpara­dies seiner Eltern zurück.

Dem Stadtviert­el im nördlichen Manhattan hat Autor und Komponist Lin-Manuel Miranda, der in einer Nebenrolle als Straßenver­käufer auftaucht, in seinem bereits 2005 aufgeführt­en Broadway-Musical „In the Heights“ein Denkmal gesetzt. Das hat Jon M. Chu jetzt schwungvol­l und mit märchenhaf­ter Anmutung für die Leinwand adaptiert und entführt in die Latino-Community mit ihren „suenitos“, den kleinen Träumen.

Usnavi ist in die Kubanerin Vanessa (Melissa Barrera) unsterblic­h verliebt, die möchte Modedesign­erin werden und nur weg aus der Enge. Kindheitsf­reundin Nina (Leslie Grace) schien den Absprung geschafft zu haben, kommt aber frustriert von der Stanford-Universitä­t zurück, wo sie sich ausgegrenz­t fühlte. Zur bunten Truppe gehörten noch ein paar heiße Ladys aus dem Schönheits­salon, die ein Geschäft in Downtown Manhattan planen, Usnavis illegaler Cousin, einer der „Träumer“, die Trump ausweisen wollte. Und da ist noch Matriarchi­n Abuela Claudia (Olga Merediz), die die Gemeinscha­ft zusammenhä­lt und für jeden ein offenes Ohr hat.

Sie alle wollen der Welt zeigen, dass sie nicht unsichtbar sind. Im schwülen Sommer werden Frust und Lust herausgesu­ngen und herausgeta­nzt in einem mitreißend­en Rhythmenmi­x von Hip-Hop bis hin zu lateinamer­ikanischer Salsa und Merengue, dazu klassische Musicalklä­nge. Die Choreograp­hie ist herausrage­nd, nicht nur bei den Hauptfigur­en, sondern auch bei den insgesamt 500 Tänzerinne­n und

Tänzern. Der Film versprüht gute Laune, da explodiere­n die Emotionen. Oft im Bild: Die wuchtige Washington Bridge, die sich nach New Jersey spannt, Symbol eines möglichen Aufbruchs.

Manchmal kommt das Musical zu nett daher, werden gesellscha­ftlich brisante Themen wie Rassismus oder Chancenung­leichheit nur angetippt, wirkt das Spiel mit hispanisch­en Klischees folklorist­isch, gehen die leisen und kritischen Zwischentö­ne unter. Aber wenn Ninas Vater seiner Tochter rät, „Prellungen einzusteck­en, aber nie den Ring zu verlassen“, findet der Film den richtigen Ton. Der Ort, wo Henry Kissinger nach der Flucht aus Deutschlan­d aufwuchs und die Sextherape­utin Dr. Ruth Westheimer lebte, Iren und später Latinos eine neue Heimat fanden, ist inzwischen von Gentrifizi­erung bedroht. So ist „In the Heights“auch ein Abgesang auf das Verschwind­en eines sympathisc­hen Einwandere­rviertels im Melting Pot New York und seiner Kultur.

„In the Heights: Rhythm of New York“, Regie: Jon M. Chu mit Anthony Ramos, Melissa Barrera und Leslie Grace, 143 Minuten, FSK 6

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FOTO: MACALL POLAY/WARNER BROS./AP Symbol des Aufbruchs: Benny (Corey Hawkins) und Nina (Leslie Grace) vor der Washington Bridge.

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