Hannoversche Allgemeine

Stadt in China unter Wasser

In drei Tagen fällt in der Provinz Henan so viel Regen wie sonst in einem ganzen Jahr

- Von Fabian Kretschmer

Die Bundesregi­erung beschloss gestern eine Soforthilf­e von zunächst 200 Millionen Euro. Mittel in derselben Höhe sollen die betroffene­n Länder beisteuern, so dass insgesamt bis zu 400 Millionen Euro bereit stehen. Da Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern zusammen bereits 300 Millionen versprache­n, dürfte die Gesamtsumm­e auf mindestens 600 Millionen Euro anwachsen. Denn der Finanzmini­ster kündigte an, stets so viel Geld bereit zu stellen, wie auch von den Ländern komme. „An Geld wird es nicht scheitern“, betonte Innenminis­ter Horst Seehofer (CSU). „Dafür zahlen die Leute ja Steuern, dass ihnen in solchen Situatione­n geholfen wird.“

Seehofer sagte überdies, dass Kräfte des Bundes – also der Bundeswehr, der Bundespoli­zei und des Technische­n Hilfswerks – kostenlos und „so lange es notwendig ist“in den betroffene­n Regionen bleiben würden. Derzeit sind es 8000 Frauen und Männer. Geplant ist zudem ein milliarden­schwerer Aufbaufond­s. Über die genaue Höhe soll erst entschiede­n werden, wenn das Ausmaß der Schäden absehbar ist.

In den Katastroph­engebieten schwinden die Hoffnungen, noch Überlebend­e zu finden. Nach bisherigen Erkenntnis­sen kamen mindestens 169 Menschen ums Leben. Noch immer wurden Menschen vermisst – 155 von ihnen im besonders betroffene­n Kreis Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz.

Nach Einschätzu­ng des Deutschen Roten Kreuzes in RheinlandP­falz rückt nun im Katastroph­engebiet auch die psychologi­sche Betreuung in den Vordergrun­d. Mehr als 160 Fachkräfte unter den rund 3000 DRK-Einsatzkrä­ften kümmern sich in Rheinland-Pfalz zurzeit um die psychosozi­ale Notfallver­sorgung, wie der Vorstand des DRK

Landesverb­ands, Manuel Gonzalez, mitteilte. Unterstütz­t werden sie von kirchliche­n Seelsorger­n.

Es gebe ein großes Bedürfnis der Menschen, über das erfahrene Leid zu sprechen, sagte der RotkreuzHe­lfer Dietmar Breininger aus Ludwigshaf­en. „Vor Ort treffen wir auf Menschen, die alles verloren haben.“Die Kräfte begleiten auch Menschen zur Identifizi­erung von Angehörige­n und zeigen Möglichkei­ten

Zhengzhou. Wer die schockiere­nden Videos auf Chinas sozialen Medien gesehen hat, kann nur darüber staunen, dass die Behörden bislang lediglich 25 Tote bestätigt haben: Im zentralchi­nesischen Zhengzhou haben sich die Straßen zu reißenden Fluten verwandelt, ganze Bezirke waren vom Stromnetz abgeschnit­ten, darunter auch ein Krankenhau­s. Ein Fernzug steckte 40 Stunden lang auf einer Strecke fest.

Die tragischst­en Szenen jedoch ereigneten sich unter der Erde: Am Dienstagab­end fluteten die Rekordnied­erschläge zunächst eine UBahnstati­on im Nordwesten der Fünf-Millionen-Metropole – und wenig später auch mehrere Züge der erst vor wenigen Jahren errichtete­n Linie 5. Die Wassermass­en reichten den eingeschlo­ssenen Fahrgästen bis zur Brust.Eine Überlebend­e schildert auf dem sozialen

zum Abschiedne­hmen auf. „Ich bin über 30 Jahre beim Roten Kreuz“, sagte Breininger. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass so etwas in Deutschlan­d passiert.“

Auch die Infrastruk­tur ist vielerorts zerstört: Straßen, Bahngleise, Brücken, Mobilfunkm­asten, Strom-, Gas- und Wasserleit­ungen sind betroffen. Die Wassermass­en haben nach Angaben der Deutschen Bahn allein sieben Regional

Netzwerk Weibo, wie knapp sie mit dem Leben davongekom­men ist: „Das Wasser ist durch die Risse in der Tür reingeströ­mt. Es war das erste Mal, dass ich mich dem Tod nahe gefühlt habe“, schreibt die Frau. „Ich habe meiner Mutter eine Nachricht geschickt, dass ich sterben würde“, heißt es in dem Beitrag, der wenige Stunden später von den Zensoren gelöscht wurde.

Seit Samstagnac­ht kam es in der Provinz Henan zu den größten Niederschl­ägen seit Aufzeichnu­ng der Wetterstat­ionen. In drei Tagen ist so viel Regen gefallen wie sonst während eines gesamten Jahres. Rund 140 000 Menschen mussten evakuiert werden. Chinas Staatsführ­er Xi Jinping nannte die Fluten „sehr besorgnise­rregend“und schickte Militär in die Region. Die Truppen sprengten Teile eines Dammes, um den völligen Kollaps zu vermeiden.

Überschwem­mungen gehören in weiten Teilen Chinas zur traurigen Sommerrout­ine. Auch wenn die Regierung die Flüsse des Landes mit Dämmen und Entwässeru­ngssysteme­n unter Kontrolle zu bringen versucht, werden die Ausmaße der Unwetter immer monströser. Doch die humanitäre Katastroph­e in Henan bringt nicht nur die Risiken des Klimawande­ls ans Tageslicht, sondern auch die Verlogenhe­it der chinesisch­en Zensur, die selbst Beiträge von Überlebend­en löscht. Dabei hatten die Staatsmedi­en gerade noch mit einer Mischung aus Schadenfre­ude und Zynismus auf die Fluten in Westdeutsc­hland geblickt.

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FOTO: IMAGO/UTA WAGNER Gemeinsam helfen: In der Altstadt von Bad Münstereif­el stemmen sich Menschen gegen die Zerstörung.
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FOTO: HOU JIANXUN/DPA Regenchaos in Zhengzhou: In der Zentralpro­vinz Henan verwandelt­en sich die Straßen in reißende Fluten.

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