SHA­PE OF WA­TER

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dass auch Säu­re-blüt­ler ein ge­wis­ses In­ter­es­se an Fort­pflan­zungs­ri­tua­len ha­ben – und dem Men­schen da­mit nicht erst seit den Er­kennt­nis­sen aus „Ali­en: Co­venant“(2017) ähn­li­cher sind, als ihm lieb ist.

In die­sem film­his­to­ri­schen Um­feld lässt sich al­so auch Guil­ler­mo del To­ros preis­ge­krön­tes Mons­ter-drama „Sha­pe Of Wa­ter“ein­ord­nen, das sich als Grund­mo­tiv bzw. auch als Grund­struk­tur Jack Ar­nolds „Der Schre­cken des Ama­zo­nas“von 1954 nahm, die Hand­lung in das Ame­ri­ka der 1960er Jah­re ver­setz­te und die Rol­len­ver­tei­lung der Kon­struk­ti­on Held – Ge­lieb­te – Mons­ter spie­gel­te. Vor dem Sze­na­rio des Kal­ten Krie­ges zwi­schen West und Ost be­ginnt die Hand­lung mit ei­nem Traum der Prot­ago­nis­tin Eli­sa Es­po­si­to (Sal­ly Haw­kins). Ih­re er­träum­te Sehn­sucht gilt da­bei dem Was­ser, in dem sie sich zu­hau­se fühlt und das ihr gro­ße Lust be­rei­tet. Ihr All­tag ist ge­prägt

schme­cken­de Ku­chen, Bon­bons, schnell­le­bi­ge Mo­de etc.) steht, ver­ra­ten in­ten­si­ve Rot-tö­ne die auf­kei­men­de Lei­den­schaft der Frau. Sei es nun ein am Woh­nungs­fens­ter vor­bei fah­ren­der Feu­er­wehr­wa­gen, kurz be­vor Eli­sa wie­der ein­mal in der Wan­ne mas­tur­biert, oder ih­re im Lau­fe des Films zu­neh­mend rö­ter wer­den­de Klei­dung – Rot wie die Lie­be ist hier die stärks­te Farb­mar­kie­rung. Aber auch auf an­de­ren Ebe­nen hat del To­ro Hin­wei­se für auf­merk­sa­me Zu­schau­er hin­ter­las­sen.

Wenn sich Eli­sa vor der Ar­beit die Ba­de­wan­ne ein­lässt, stellt sie noch die Eier­uhr, um durch ih­re „Fin­ger­spie­le“im Was­ser nicht gänz­lich die Zeit zu ver­ges­sen. Das Was­ser, das Ei und die Fin­ger – All die­se Ele­men­te sind ne­ben den sym­bo­lisch ein­ge­setz­ten Far­ben im­mer wie­der­keh­ren­de Mo­ti­ve, die je nach Kon­text für Se­xua­li­tät ste­hen – so­wohl im po­si­ti­ven als auch im ne­ga­ti­ven Sin­ne: Am wich­tigs­ten er­schei­nen da­bei al­ler­dings die Fin­ger, die der von frühs­ter Kind­heit an stum­men Eli­sa da­bei hel­fen, mit an­de­ren Men­schen zu kom­mu­ni­zie­ren. Es sind ih­re Fin­ger, mit de­nen sie sich be­frie­digt, mit de­nen sie auf der Ar­beit ih­ren Wischmop hält und de­ren Zei­chen in­ner­halb der Film­hand­lung of­fen­bar nur all je­ne ver­ste­hen, die ihr zu­ge­neigt sind. Wenn sich Strick­land nach er­le­dig­tem Ge­schäft aus Prin­zip nicht die Fin­ger wäscht, wird deut­lich, wes­halb del To­ro die Far­be Gelb für Strick­lands Do­mi­zil wähl­te. Um die Hy­gie­ne für zu­min­dest zwei sei­ner Fin­ger braucht sich Strick­land aber bald so­wie­so kei­ne Sor­gen mehr zu ma­chen, da sie ihm im Streit mit der Krea­tur ent­ris­sen wer­den. Im­mer­hin blei­ben ihm noch der Dau­men, der Ab­zugs- und der Stin­ke­fin­ger, wo­bei Eli­sa die ab­ge­ris­se­nen Glie­der beim säu­bern des La­bors fin­det und in ih­rer Früh­stück­stü­te

er­zäh­le ich im­mer die Ge­schich­te aus der Per­spek­ti­ve der Leu­te, die ei­ne Art Agen­ten sind. Da­her woll­te ich wirk­lich ger­ne ei­ne Ge­schich­te aus der Per­spek­ti­ve von Rei­ni­gungs­kräf­ten er­zäh­len, die den Urin die­ser Agen­ten auf­wi­schen“er­klärt der Re­gis­seur über sei­ne Ent­schei­dung.

In den 1960ern war die Hal­tung wei­ßer Ame­ri­ka­ner ge­gen­über Afro­ame­ri­ka­nern und Ho­mo­se­xu­el­len noch stär­ker von Ab­leh­nung und in­di­rek­tem bis di­rek­tem Ge­sell­schafts­ras­sis­mus ge­prägt, wes­halb of­fe­ne Dis­kri­mi­nie­run­gen in Form von z. B. Zu­tritts­ver­bo­ten in Lo­ka­len statt­fan­den und ge­dul­det wur­den. Zel­da muss sich da­her von Strick­land im Film so ei­ni­ge kli­schee­be­haf­te­te und re­spekt­lo­se Be­mer­kun­gen ge­fal­len las­sen, wäh­rend Gi­les auf­grund sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät so­wohl be­ruf­lich als auch im Pri­vat­le­ben zu kämp­fen hat. Eli­sa ist hier­bei das ver­bin­den­de Zen­trum des Drei­er­ge­spanns, die kei­nes­wegs we­gen ih­rer Sprach­be­hin­de­rung auf ge­sell­schaft­li­che Ab­leh­nung stößt. Sie lebt ge­ne­rell in ei­ner an­de­ren Welt, wohnt in ei­ner Woh­nung mit ei­ner ver­wit­ter­ten Ver­si­on von Ho­ku­sais Wel­le an der Zim­mer­wand, liebt al­te Fil­me mit Tanz­ein­la­gen von Fred Astaire und Gin­ger Ro­gers so­wie mit den pan­to­mi­me-glei­chen Slap­stick- Qua­li­tä­ten Charles Chap­lins, Stan Lau­rel und Oli­ver Har­dys oder auch mit Bus­ter Kea­ton. An ih­rem Hals be­fin­den sich meh­re­re gleich­mä­ßig ver­teil­te Nar­ben, so als hät­te sie mit ei­ner gro­ßen Kat­ze ge­kämpft. Und als Ba­by wur­de sie in der Nä­he ei­nes Ge­wäs­sers ge­fun­den, um dann spä­ter als Voll­wai­se, ganz oh­ne Hin­wei­se auf ih­re Her­kunft auf­zu­wach­sen. Als Hel­din ist sie der ex­ak­te Ge­gen­ent­wurf zu Agent Strick­land, wie Guil­ler­mo del To­ro selbst be­stä­tigt: Oh­ne Strick­land gä­be es kei­ne Eli­sa. Wir spre­chen von ei­nem Yin und ei­nem Yang – und das ist tat­säch­lich das Yin und das Yang die­ser Ge­schich­te.“Eli­sas Be­zie­hung zu dem Am­phi­bi-

Sie sieht in dem We­sen je­mand gleich­ge­stell­tes und dar­über hin­aus auch sich selbst. Die­se Selbst­er­kennt­nis ver­gleicht Del To­ro mit dem Be­griff der Lie­be: „Ich schrei­be über die Lie­be in der Wei­se, wie ich sie ver­ste­he. In mei­nen Au­gen ist der Mo­ment, in dem man sich in je­man­den ver­liebt, eben nicht je­ner, in dem man ihn an­schaut und die­sen je­mand mag. Statt­des­sen ist es der Mo­ment, in dem je­mand an­de­res Dich an­sieht und Du zu exis­tie­ren be­ginnst. Ich den­ke Eli­sa war schon ihr gan­zes Le­ben lang un­sicht­bar. Und plötz­lich sieht sie die­ses Le­be­we­sen, das sie an­schaut und sich freut. Er sieht sie und er­war­tet nichts von ihr. Er freut sich ein­fach, sie zu se­hen. Vie­le Men­schen er­le­ben sol­che Mo­men­te mit ih­ren Hun­den oder Kat­zen. Letzt­end­lich geht das, was sie hier er­lebt, al­ler­dings we­sent­lich tie­fer, auf­grund sei­ner Wahr­neh­mung von ihr. Da­her dreht sich in Mär­chen auch so häu­fig vie­les um die Wahr­neh­mung der ei­ge­nen es­sen­zi­el­len Exis­tenz. Wer man ist in jed­we­dem Aspekt ist die Be­stä­ti­gung, die letzt­end­lich da­durch ent­steht. Und das ist bei Lie­bes­ge­schich­ten ganz ähn­lich. Was man in den Au­gen an­de­rer er­kennt, ist man selbst.“Wäh­rend Guil­ler­mo del To­ro al­so kei­nen Zwei­fel dar­an lässt, dass das über­na­tür­li­che Am­phi­bi­en­we­sen in­ner­halb des fil­mi­schen Kos­mos tat­säch­lich exis­tiert, hält der Meis­ter der Phan­tas­tik für das wah­re We­sen Eli­sas meh­re­re Mög­lich­kei­ten of­fen, wes­halb der in­ter­pre­tie­ren­de Zu­schau­er selbst ent­schei­den kann, ob er hier ei­ne na­tür­li­che oder ei­ne über­na­tür­li­che Er­klä­rung er­kennt. Dass sich zwi­schen der „Schö­nen“und dem „Biest“ei­ne Lie­bes­be­zie­hung ent­wi­ckelt, er­scheint schon al­lein durch ih­re Su­che nach ih­rem Platz in die­ser Welt so­wie nach ih­rem Selbst nur fol­ge­rich­tig zu sein.

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