Heidenheimer Zeitung

Lieber letzter Schnee,

- Dieter Reichl

wir haben Mitte März erreicht, und noch immer flöckelst Du unverdross­en vor Dich hin. Jetzt wär’s eigentlich genug. Klar, es handelt sich um die Schwäbisch­e Ostalb, von Stuttgarte­r Weichnasen und Warmdusche­rn gern als Schwäbisch Sibirien tituliert, und März ist bekanntlic­h auch noch nicht Mai. Aber trotzdem. Nimm Dir bitte ein Vorbild am Eselsburge­r Tal, wo die Märzenbech­erblüte in vollster Pracht steht. In Herbrechti­ngen hat man die Zeichen der

Zeit erkannt. (Also in der Natur, nicht unbedingt im Rathaus.) Winter ade. So nämlich.

Du bist, letzter Schnee, einfach nicht gern gesehen. Genauso wenig wie das letzte Bier, das dann doch nur für Kopfweh sorgt, oder der letzte Zug, der, wenn’s dumm läuft, gar nicht mehr kommt. Dann steht man da in Aalen oder Ulm. (In dieser Woche taugt die Deutsche Bahn, das sei fairerweis­e zugestande­n, als Symbol fürs Schiefgehe­n nicht wirklich, weil ja im Moment auf einem großen Abschnitt der Brenzbahn überhaupt keine Züge fahren.)

Du stehst, lieber letzter Schnee, für etwas, das man hinter sich und abgewickel­t zu haben glaubt. Was man aus unterschie­dlichen Gründen los sein möchte. Heidenheim will in irgendeine­r Form das Sorgenkind Elmar-doch-haus los sein, Giengen will ein paar alte Häuser im Stadtzentr­um los sein, der 1. FC Heidenheim will die lästigen Verfolger im Aufstiegsk­ampf los sein.

Nur in einer Hinsicht kannst Du, lieber letzter Schnee, punkten. In der Zukunft nämlich. Dann wird es nämlich wieder wehmütig heißen, dass der Schnee von früher doch viel schöner und viel weißer war. Und Heidenheim viel schicker, und Giengen viel schnuckeli­ger, und der 1. FC Heidenheim viel torgefährl­icher.

Aber diese Art von Nostalgie ist uns jetzt im beginnende­n Frühling egal. Also, lieber letzter Schnee, nutze die letzte Gelegenhei­t, und verschwind­e.

Aber leider liest Du das ja nicht.

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