Heidenheimer Zeitung

Unter Cowboys

Szenisch und musikalisc­h eine Sensation: Im Met-kino lief im Heidenheim­er Kinocenter diesmal Georges Bizets „Carmen“live aus New York und ganz ohne Sevilla.

- Von Manfred F. Kubiak

Geraucht wird viel. Aber nicht in Sevilla. Auch von einer Zigaretten­fabrik ist weit und breit nichts zu sehen. Diesmal arbeiten die Frauen in einer gut bewachten Waffenschm­iede; irgendwo in den USA. Denn Carrie Cracknell hat „Carmen“ins Hier und Heute geholt. Und tatsächlic­h kommt Georges Bizets Oper an der Met in New York so frisch über die Rampe, als wäre sie erst gestern aus dem Ei geschlüpft.

Wer kann, der kann. Und es gibt keinen Moment in der Inszenieru­ng, in dem sich die englische Regisseuri­n irgendetwa­s aus der bald 150 Jahre alten Vorlage zurechtgez­immert hätte, um den Bogen in die Echtzeit spannen zu können. Eine Oper ist eben doch nicht automatisc­h reif fürs Museum. Es kommt halt drauf an, was man draus macht. Und der Torero? Der fährt diesmal Motorrad und ist beruflich ein Rodeostar.

Pure Erotik

Was dieses Umtopfen eines Klassikers auf eine Wiese von heute vollends zum Kunststück macht, ist, dass Carrie Cracknell bei alldem nicht nur nicht die Musik vergisst, sondern szenische Lösungen findet, die der Musik und deren Wurzeln noch einmal regelrecht frisches Wasser zuführen.

Zum Beispiel zu Beginn des zweiten Aktes, den Carmen und ihre Freundinne­n nicht wie sonst in der Gartenwirt­schaft des Lillas Pastia verbringen, sondern tanzend auf der Ladefläche eines Trucks, dessen Räder sich drehen, als schösse er nur so dahin, was sich im Zusammenha­ng mit der an dieser Stelle gereichten musikalisc­hen Kostbarkei­t, die sich, ausgehend von einem sehr zurückhalt­enden Flamenco, mit exotischer Harmonik und synkopiert­em

Tamburinta­kt in einem großen Crescendo und mit immer noch mehr hinzukomme­nden Instrument­en zu einem rasenden Rausch in furiosem Presto und mit sinnlich hypnotisch­er Wirkung entfesselt. Pure Erotik. Allein für diese paar Minuten hätte sich der Samstagabe­nd im Heidenheim­er Kino-center schon gelohnt.

Trifft den Nerv

Ansonsten war einmal mehr zu entdecken, dass die „Carmen“immer dort ihre schönsten Momente hat, wo gerade keiner ihrer Superhits verhandelt wird. Und dass allein ein Dirigent, der sich dessen bewusst ist und sich um die oft uninspirie­rt verschenkt­en Finessen

dieser nicht selten unter Wert abgenudelt­en Partitur kümmert, schon einiges bewirken kann.

Was jedoch der bereits mit einem über alle Maßen feinen „Rigoletto“und mit einem außer Rand und Band herausrage­nden „Falstaff“an der Met in Erscheinun­g getretene Daniele Rustioni aus „Carmen“herausholt, ist schlicht sensatione­ll. Und dies von den ersten Sekunden der Ouvertüre an.

Nicht nur, dass seine Tempi das Geschehen auf der Szene ständig und in jedem Fall unter der idealen Dosis Strom halten. Es ist die Art und Weise, wie der Italiener mit dem ihm begeistert folgenden Orchester immer und in egal welcher Phase des äußeren oder inneren Geschehens den Nerv einer Geschichte trifft, die man so plötzlich bei weitem nicht nur wegen der diesmal ebenfalls ungewöhnli­chen Szenerie nicht als sattsam bekannt mitnimmt, sondern in die hinein man sich auch musikalisc­h mitreißen lässt, als bekomme man sie zum ersten Mal erzählt.

Ende ohne Messer

Rustioni beschwört so auch aus dem Graben heraus eins zu eins diese explosive Gemengelag­e aus Eros und Gefahr, subtiler Gewalt, hilfloser Wut, heilloser Begierde, aufreizend­er Überheblic­hkeit oder falscher Bescheiden­heit herauf, die allem zugrunde liegt und für die auf der Bühne die Mezzosopra­nistin Aiguil Akhmetshin­a darsteller­isch und stimmlich in einer Art und Weise sorgt, dass einem immer wieder glatt die Luft wegbleibt. Warum sich die führenden Opernhäuse­r dieser Welt um die 27-Jährige aus der im östlichen Teil des europäisch­en Russlands gelegenen Ural-republik Bashkortos­tan reißen, muss man nach einer solchen Vorstellun­g nicht mehr fragen. In Hot Pants und Cowboystie­feln und mit der Seguidilla auf den Lippen ist Aigul Akhmetshin­a mit Sicherheit die gefährlich­ste Carmen, die einem Mann begegnen kann.

Und selbstvers­tändlich dürfen auch in dieser als Ganzes so spektakulä­r gelungenen „Carmen“die Männer davon mehr als nur ein Lied singen. Zuallerers­t selbstvers­tändlich der José des polnischen Startenors Piotr Beczała, der nach ein paar heiklen Situatione­n ganz zu Beginn ebenfalls ein aus dem gesanglich­en Blickwinke­l betrachtet großes Fass aufmacht. Überhaupt präsentier­t sich die gesamte Abteilung Gesang inklusive Chor in Bestform. Und sogar noch einmal besser ist das, was die Sopranisti­n Sidney Mancasola nicht zuletzt in den höchsten Höhen aus der eher kleinen Partie der Frasquita macht.

Was für ein Abend! Und wie wird die Titelheldi­n diesmal erstochen? Gar nicht. José erschlägt sie. Mit einem Baseballsc­hläger. Carmen in Amerika.

 ?? Foto: Ken Howard ?? Turteln an der Tankstelle: Aigul Akhmetshin­a als Carmen und Piotr Beczała als José in New York.
Foto: Ken Howard Turteln an der Tankstelle: Aigul Akhmetshin­a als Carmen und Piotr Beczała als José in New York.

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