Heidenheimer Zeitung

Gefährlich­e Domino-effekte

Der Branche macht eine bedrohlich­e Mischung zu schaffen. Diese bremst selbst innovative Firmen wie Heitec-pts. Warum 2024 schwierig wird – und es doch Grund zur Zuversicht gibt.

- Von Alexander Bögelein

Die stockende Fahrt ins Zeitalter der E-mobilität birgt große Gefahren für die baden-württember­gische Maschinenb­au-branche. Die ist mit 334 000 Beschäftig­ten der wichtigste industriel­le Arbeitgebe­r im Südwesten. Der Beginn der drohenden Abwärtsspi­rale: Unternehme­n wie Verbrauche­r kaufen weniger E-autos als angenommen. Auto-hersteller konzentrie­ren sich auf hochpreisi­ge Modelle mit höherer Marge. Das Produktion­svolumen liegt weit unter dem Vorkrisen-niveau. Das verringert das Geschäft der Autozulief­erer, die Module und Systeme für die Fahrzeuge liefern. Diese Hauptzulie­ferer, auch Tier1-Hersteller genannt, beziehen wiederum Komponente­n von ihren Lieferante­n (Tier 2), die ihrerseits von Teileliefe­ranten (Tier 3) abhängig sind. Je geringer die Produktion, desto weniger Investitio­nen in Maschinen und Anlagen sind nötig.

Diese Kettenreak­tion bekommen auch innovative Unternehme­n zu spüren wie die Heitec PTS. Der Mittelstän­dler aus Kuchen stellt zum einen Produktion­sund Testsystem­e her, die mit industriel­ler Röntgentec­hnik und Computerto­mografie beispielsw­eise Felgen kontrollie­ren, unter anderem auf der weltweit schnellste­n automatisc­hen Räderprüfa­nlage. Zum anderen ist Heitec PTS Spezialist für automatisi­erte Produktion­slinien, für Robotik, übernimmt die Programmie­rung von High-tech-maschinen und entwickelt gemeinsam mit Kunden Lösungen.

Kalkulatio­nen passen nicht mehr

„Wir spüren die Investitio­nszurückha­ltung schon seit Mitte 2022, weil wir an Tier-1 und Tier2-hersteller liefern. Die sind aufgrund der rückläufig­en Produktion in der Autoindust­rie gegenüber der Vor-corona-zeit sehr vorsichtig geworden“, schildert Christian Abt, geschäftsf­ührender Gesellscha­fter der Heitec PTS Gmbh (Kuchen/kreis Göppingen), die Lage. Unter sernen Kunden befinden sich viele Gießereien. Die hätten gleich drei Themen auf einmal: Schlechter­e Absatzzahl­en, hohe Energiekos­ten und zudem müssten sie die Probleme meistern, die der Wandel der E-mobilität mit sich bringe, erläutert Abt.

„Der Hochlauf der E-mobilität braucht deutlich länger als angenommen. Manche Maschinenb­auer, die mit Neuprodukt­en und Investitio­nen erheblich in Vorleistun­g gegangen sind, leiden unter der schwachen Nachfrage. Dadurch kommt manche Plankalkul­ation durcheinan­der“, sagt Dietrich Birk, Geschäftsf­ührer des Verbandes Deutscher Maschinenu­nd Anlagenbau in Baden-württember­g. Für Verbrennun­gstechnolo­gie werden laut Birk kaum noch neue Anlagen bestellt, das Ersatz- und Serviceges­chäft von Bestandsan­lagen laufe gut, könne aber den Ausfall im Neugeschäf­t nicht ausgleiche­n.

Das sieht auch Firmenchef Abt so. Das gute prozentual­e Wachstum

mit E-mobilität erfolge von einer niedrigen Basis aus. In der Automation sei das Auftragsni­veau hoch. In der Summe sei es bei Heitec-pts gerade so ausreichen­d, sagt Abt, in dessen Unternehme­n 75 Mitarbeite­r im Jahr 2023 einen Umsatz von 15 Millionen Euro erwirtscha­ftet haben.

Insgesamt hofft die Branche im Südwesten für 2023 einen Umsatz von rund 90 Milliarden zu erreichen, allerdings machen dem Maschinenb­au einige Herausford­erungen zu schaffen. Die Lage vieler der mehr als 1500 Betriebe beschreibt Birk als zunehmend angespannt. Zu der Konjunktur­flaute, dem teuren Wandel hin zur E-mobilität kommen die gestiegene­n Kosten, insbesonde­re für Rohstoffe, Energie und Löhne, aber auch das schwierige­r werdende Auslandsge­schäft.

Im Export wird vor allem das Geschäft mit China, dem zweitwicht­igsten Auslandsma­rkt nach den USA, schwierige­r. Dort, so Abt, spüre sein Unternehme­n eine massiv zunehmende Abschottun­g des Marktes, beispielsw­eise durch unfaire Bedingunge­n in Bieterverf­ahren. Wegen der vergleichs­weisen schwachen Konjunktur in China gingen die Unternehme­n aus dem Reich der Mitte mit aggressive­r staatliche­r Hilfe verstärkt in Drittlände­r, sagt Birk. Auch die Märkte in Europa stünden chinesisch­en Unternehme­n offen.

Die Folge: „Dort, wo es um Standardlö­sungen geht, müssen wir uns darauf einstellen, dass der internatio­nale Wettbewerb­sdruck deutlich zunimmt. Hier kommen die Margen eher unter Druck, damit stellen sich auch Fragen nach wettbewerb­sfähigen Kostenstru­kturen“, sagt Birk. Verstärkt werde dieser Trend, so Abt, durch die weit verbreitet­e Einstellun­g: „Der Günstigste im Hier und Jetzt bekommt den Auftrag.“Der früher einmal propagiert­e Ansatz, die Gesamtkost­en einer Investitio­n über die gesamte Laufzeit zu betrachten, werde häufig nicht mehr berücksich­tigt. Auch dies komme Anbietern aus Billiglohn­ländern zugute. „In Sonntagsre­den wird die Wichtigkei­t von Nachhaltig­keit betont, aber die steht auf dem Papier, nicht in der Produktion­shalle“, sagt Abt mit Blick auf eine Reihe prominente­r deutscher Unternehme­n. VDMA-GEschäftsf­ührer Birk erwartet daher ein herausford­erndes Jahr. Aufgrund des schwachen Neugeschäf­ts nimmt der Auftragsbe­stand spürbar ab. Sank die Produktion der Branche 2023 um 1 Prozent, so erwartet der VDMA für 2024 ein Minus von vier Prozent. Bei einer Umfrage im Herbst klagten 30 Prozent der Mitglieder über eine schlechte Auftragsla­ge. In der Folge sinkt auch die Auslastung der Produktion.

Vor diesem Hintergrun­d werden die Unternehme­n laut Birk vorsichtig­er, sie stellten Investitio­nen zurück, bauten Zeitkonten der Beschäftig­ten ab und würden freie Stellen nicht wiederbese­tzten, als letztes Mittel auch Personal abbauen. Im Blickpunkt stehe jedoch überwiegen­d Beschäftig­ungssicher­ung, wenn nötig über die Möglichkei­ten der Kurzarbeit.

Birk warnt jedoch davor, allzu sehr in Pessimismu­s zu verfallen: Es gebe nach wie vor eine sehr gute Substanz im Maschinenb­au, eine stabile Eigenkapit­alquote und erhebliche­n Investitio­nsbedarf in vielen Bereichen, von dem die Maschinenb­auer hierzuland­e mit ihren Problemlös­ungen durchaus profitiere­n können. Darüber hinaus seien viele Betriebe mit Blick auf globale Mega-trends wie Robotik, Automation und Ressourcen-energieeff­izienz gut aufgestell­t.

Auch Christian Abt ist positiv gestimmt. Die hochqualif­izierten Mitarbeite­r von Heitec PTS seien so flexibel, heute Röntgenanl­agen zu bauen und morgen eine Roboter-straße in Betrieb zu nehmen. Der hohe Ingenieur-anteil „erlaubt uns, auf Marktversc­hiebungen zu reagieren“, sagt er.

Doch damit die heimischen Maschinenb­auer langfristi­g erfolgreic­h und mit der Produktion in Deutschlan­d wettbewerb­sfähig bleiben, müssten sich einige Dinge ändern. „Die Politik muss verlässlic­he Rahmenbedi­ngungen setzen, um Wachstum zu ermögliche­n, beispielsw­eise durch verbessert­e steuerlich­e Abschreibu­ngsmöglich­keiten oder höhere steuerlich­e Anreize für Forschung“, sagt Birk. Neben dem Abbau der Bürokratie brauche es in der Gesellscha­ft auch die Bereitscha­ft zu mehr Anstrengun­g. Mit weniger Leistung und weniger Arbeitsstu­nden ließen sich die anstehende­n Herausford­erungen nicht bewältigen.

In China spüren wir eine massiv zunehmende Abschottun­g des Marktes. Christian Abt Geschäftsf­ührer Heitec-pts

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Heitec PTS Foto: Automatisc­he Roboter-röntgenprü­fung von Alu-gussrädern: Die Technik stannt vom Mittelstän­dler Heitecpts aus Kuchen.

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