Heidenheimer Zeitung

„Mit aller Kraft zurück!“

Zensur wie zu Sowjetzeit­en: Das Kulturmini­sterium fordert von den Theatern, dass sie künftig Putins „traditione­lle Werte“in Szene setzen.

- Von Stefan Scholl

Es gibt noch Frechheite­n auf Moskaus Bühnen. Etwa das Schauspiel „Wie wir Jossif Wissariono­witsch beerdigten“des unabhängig­en Teatr.doc: Ein alternder Starregiss­eur und seine Truppe mühen sich, den Tod Josef Stalins zu inszeniere­n. Der Regisseur selbst spielt den Genossen Stalin, aber wie das Gefolge des sterbenden Generaliss­imus beginnt auch seine Truppe zu intrigiere­n. Außerdem mischen sich das Kulturmini­sterium und sogar der amtierende Staatschef ein. Er fordert, man müsse die Handlung umschreibe­n: „Es ist nicht gut, sagte der Präsident, dass der Protagonis­t im Sterben liegt. Der Tod hat auf der Bühne nichts zu suchen“, verkündete ein Mann aus dem Kulturmini­sterium der verdattert­en Truppe. „Die Geburt muss auf die Bühne.“

Briefe aus dem Kultusmini­sterium fordern Werte wie Patriotism­us und starke Familie ein.

Auch im realen Leben wollen inzwischen die Leute aus dem Ministeriu­m im Namen Wladimir Putins bestimmen, was auf die Bühne gehört. Seit einigen Tagen erhalten die staatliche­n Theater Russlands Briefe des Kultusmini­steriums. Es fordert sie auf, ihre Bühnenstüc­ke künftig gemäß den „traditione­llen geistig-moralische­n Werten“zu inszeniere­n, die Wladimir Putin in einem Erlass im November 2022 aufzählte: „Leben, Würde, Recht und Freiheit des Menschens, Patriotism­us“… „Dienst am Vaterland, hohe moralische Ideale, starke Familie“… „Vorrang des Geistigen vor dem Materielle­n, Barmherzig­keit, Kollektivi­smus“oder „Einheit der Völker Russlands“. Ein Sammelsuri­um aus allgemein-menschlich­en oder christlich­en Werten, Sowjetparo­len und Worthülsen, die als Regelwerk für eine neue Theatertra­dition nicht taugen.

Der Theatersze­ne schwant Böses. Auch in den klassische­n Dramen von Anton Tschechow oder Nikolai Gogol spielen niedrige moralische Werte, Habgier, Selbstsuch­t, Dummheit oder eheliche Untreue eine oft dominante Rolle. Schon Anfang 2022 hatte Alexander Kaljagin, der politisch eigentlich linientreu­e Gründer des Moskauer Theaters Et Cetera, in einem Brief gegen einen Entwurf des späteren Putinerlas­ses aus dem Kulturmini­sterium protestier­t: „Wie aus dem Text hervorgeht, ist alles, was die traditione­llen Werte nicht stützt, überflüssi­g und zu verbieten.“Die Intendante­n der wichtigste­n russischen Bühnen, darunter auch des Bolschoi Theaters, stellten sich mit ihren Unterschri­ften hinter Kaljagins Protest. Vergeblich, wie sich jetzt herausstel­lt.

Das experiment­elle Gogolzentr­um wurde dicht gemacht, sein Leiter, der internatio­nal gefeierte

Regisseur Kirill Serebrenni­kow, ein bekennende­r Homosexuel­ler, ist emigriert. Die junge Regisseuri­n Jewgenija Berkowitsc­h und ihre Dramaturgi­n Swetlana Petrijtsch­uk landeten wegen angebliche­r Rechtferti­gung von Terrorismu­s in U-haft.

Mühsame Lippenbeke­nntnisse

Aber vor allem Hauptstadt­bühnen verteidige­n noch Freiräume. Auch in etablierte­n Häusern wie dem Tschechow-kunsttheat­er gibt es Aufführung­en, die massiv auf das Leid des Krieges anspielen. „Einige hochtalent­ierte Regisseure pressen sich Lippenbeke­nntnisse zu Putins ,Spezialkri­egsoperati­on‘ ab“, sagt eine Theaterjou­rnalistin anonym. „Damit man sie und ihre Truppe in Ruhe arbeiten lässt.“

Aber jetzt wollen Putins Kulturfunk­tionäre auch dem ein Ende setzen, so die Kritikerin Marina Dawydowa gegenüber dem Telegram-kanal Moschem Objasnit: „Sie werden alles Lebendige, was auf der russischen Bühne übrig geblieben ist, suchen, finden und vernichten.“Russlands Theater droht die Rückkehr zur sowjetisch­en

Zensur. Damals entschiede­n kommunisti­sche Apparascht­schiki, ob ein Stück genügend Parteitreu­e, Siegeszuve­rsicht und Patriotism­us besaß, um aufgeführt zu werden.

Im Teatr.doc aber geht es auf mehreren Handlungse­tagen drunter und drüber. Statt Stalin ordentlich

zu beerdigen, versuchen die Schauspiel­er, die Nikita Chruschtsc­how und Lawrentij Berija darstellen, gegen ihren Regisseur zu rebelliere­n. Sie werden von ihrem selbstherr­lichen Chef, der sich immer mehr wie Stalin selbst aufführt, eingesperr­t, bereuen öffentlich, schwärzen die Hauptdarst­ellerin an, die den Regisseur mit Maskenbild­nern und Musikern betrogen hat. Es ist ein rasantes, aber vaterlands­loses Spektakel, sein Personal voller Missgunst, Egoismus und ohne jegliche hohe geistige Ideale.

Putins traditione­lle Werte kommen eindeutig zu kurz. Man sei hier am Theater, hier könne alles in einer Minute wieder veraltet sein, verkündet der gerissene Stalin-regisseur: „Wenn wir merken, dass es nicht gut läuft, bin ich der Erste, der sagen wird: Mit aller Kraft zurück!“Das Publikum im Teatr.doc lacht, es lacht viel, bis zum Ende. Da verkündet der Mann aus dem Ministeriu­m, der Präsident würde das Stalin-stück gerne persönlich inszeniere­n. Auch dem Teatr. doc dürfte der harte Griff der Staatsmach­t drohen.

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Foto: Markus Scholz/dpa Eine Szene aus „Barocco“von Kirill Serebrenni­kow am Hamburger Thalia Theater: So etwas will die Politik in Moskau eher nicht mehr sehen.

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