Dre­cki­ge Luft: EU ver­klagt Deutsch­land

Stick­oxid-Grenz­wer­te in den Städ­ten sol­len künf­tig ein­ge­hal­ten wer­den

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Nord (N / Nord-Ausgabe) - - VORDERSEITE - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Detlef Drewes

Deutsch­land kommt we­gen zu schmut­zi­ger Luft durch Die­sel-Ab­ga­se in vie­len Städ­ten im­mer stär­ker un­ter Druck: Die EU-Kom­mis­si­on will die Bun­des­re­gie­rung mit ei­ner Kla­ge beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) zur Ein­hal­tung der Grenz­wer­te zwin­gen. Letzt­lich dro­hen ho­he Straf­gel­der. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) ließ – an­ders als Frank­reich – vor­erst kei­ne Ab­sicht zu zu­sätz­li­chen Maß­nah­men er­ken­nen. Der Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD, Um­welt­schüt­zer und Städ­te drin­gen da­ge­gen auf tech­ni­sche Nach­rüs­tun­gen äl­te­rer Die­sel.

EU-Um­welt­kom­mis­sar Kar­me­nu Vel­la sag­te ges­tern, Deutsch­land und fünf wei­te­re Län­der hät­ten kei­ne ge­eig­ne­ten Maß­nah­men er­grif­fen, um die Grenz­wer­te so schnell wie mög­lich ein­zu­hal­ten. „Ich bin über­zeugt, dass die heu­ti­ge Ent­schei­dung sehr viel schnel­ler zu Ver­bes­se­run­gen für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger füh­ren wird.“

Ver­bind­lich Kla­ge ein­rei­chen will die Kom­mis­si­on auch ge­gen Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Un­garn, Ita­li­en und Ru­mä­ni­en. Da­bei geht es um die Miss­ach­tung von EU-Grenz- wer­ten für Stick­oxi­de (NOx), die seit 2010 ver­bind­lich sind. Auch 2017 wur­den sie je­doch in 66 deut­schen Städ­ten über­schrit­ten, dar­un­ter auch Heil­bronn. Für den ho­hen NOx-Aus­stoß im Ver­kehr wer­den vor al­lem Die­sel­au­tos ver­ant­wort­lich ge­macht.

Die EU-Kom­mis­si­on hat­te schon 2015 ein Ver­fah­ren we­gen der Ver­let­zung von EU-Recht ein­ge­lei­tet und die Re­gie­run­gen im­mer wie­der er­mahnt. Un­ter­liegt Deutsch­land vor dem EuGH, könn­te die Kom­mis­si­on in ei­nem wei­te­ren Ver­fah­ren ho­he Zwangs­gel­der durch­set­zen. Mit der Kla­geEnt­schei­dung wächst der po­li­ti­sche Druck, mehr für bes­se­re Luft in Städ­ten zu tun.

Auch die Stadt Heil­bronn steht bei den Stick­oxid­wer­ten am Pran­ger. An der In­nen­stadt-Mess­sta­ti­on Weins­ber­ger Stra­ße lag der Jah­res­mit­tel­wert 2017 bei 55 Mi­kro­gramm des Reiz­ga­ses je Ku­bik­me­ter Luft – nach wie vor deut­lich über dem Grenz­wert von 40 Mi­kro­gramm. Es war bun­des­weit der siebt­höchs­te Wert.

Die Deut­sche Um­welt­hil­fe hat in­zwi­schen das Land Ba­den-Würt­tem­berg zur Ein­hal­tung des Grenz­wer­tes auch in Heil­bronn ver­klagt. Das Ver­wal­tungs­ge­richt in Stutt­gart be­ar­bei­tet die Kla­ge, bis wann es ei­ne Ent­schei­dung ge­ben wird, ist aktuell noch nicht ab­seh­bar.

Die Stadt hat in­zwi­schen ei­ni­ge Pro­jek­te zur Luft­ver­bes­se­rung zur För­de­rung ein­ge­reicht, lässt zu­dem ei­nen Mas­ter­plan „Gre­en Ci­ty“von ei­nem Fach­bü­ro er­ar­bei­ten. Wann und wie vie­le För­der­mit­tel flie­ßen, steht noch nicht fest. OB Har­ry Mer­gel hat er­klärt, man ar­bei­te „mit Hoch­druck“an Lö­sun­gen. Die Stadt hat im­mer wie­der be­tont, dass man Au­to­fah­rern Fahr­ver­bo­te mög­lichst er­spa­ren wol­le.

Kom­men­tar „Bla­ma­ge“

„Ich bin über­zeugt, dass die heu­ti­ge Ent­schei­dung sehr viel schnel­ler zu Ver­bes­se­run­gen füh­ren wird.“Kar­me­nu Vel­la

Zu­sam­men mit fünf wei­te­ren Mit­glied­staa­ten hat die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on Deutsch­land an den Pran­ger ge­stellt: Sie er­hob Kla­ge beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof, weil die Bun­des­re­gie­rung zu we­nig ge­gen die ver­dreck­te Luft vor al­lem in Bal­lungs­räu­men tut. Kom­men jetzt groß­flä­chi­ge Fahr­ver­bo­te? Hier die wich­tigs­ten Fra­gen und Ant­wor­ten.

■ War­um ver­klagt Brüs­sel Deutsch­land und an­de­re?

Seit ge­nau zehn Jah­ren drängt die Brüs­se­ler EU-Kom­mis­si­on die Mit­glied­staa­ten, für sau­be­re Atem­luft in den Städ­ten zu sor­gen. Vor drei Jah­ren wur­de Deutsch­land zum ers­ten Mal er­mahnt, weil die ge­gen­wär­ti­gen Grenz­wer­te von 40 Mi­kro­gramm Stick­stoff­oxid pro Ku­bik­me­ter Luft stän­dig über­schrit­ten wur­den. Noch im Vor­jahr lag die Be­las­tung der Atem­luft in 66 Städ­ten hö­her als er­laubt, in 20 Kom­mu­nen so­gar dras­tisch über den Höchst­gren­zen. 400 000 Men­schen in der EU ster­ben jähr­lich an den Fol­gen be­las­te­ter Luft. Da will die Kom­mis­si­on nicht län­ger zu­se­hen.

■ Aber Deutsch­land hat doch zu­ge­sagt, kon­kre­te Maß­nah­men ein­zu­lei­ten?

Die Bun­des­re­gie­rung ver­ab­schie­de­te zwar 2017 das „So­fort­pro­gramm rei­ne Luft“. Und au­ßer­dem stell­ten die Au­to­bau­er in Aus­sicht, dass Die­sel­au­tos mit neu­er Soft­ware um 25 bis 30 Pro­zent sau­be­rer wer­den soll­ten. Doch bis­her ist da­von nichts zu spü­ren. Bei­de Maß­nah­men dau­ern zu lan­ge. Und des­halb er­höht Brüs­sel jetzt den Druck.

■ Was be­wirkt die Kla­ge? Zu­nächst wer­den Stel­lung­nah­men und Gut­ach­ten ein­ge­holt. Bis zu ei­nem Ver­fah­ren kann es Mo­na­te dau­ern. Soll­te Deutsch­land al­ler­dings tat­säch­lich ver­ur­teilt wer­den, könn­te dies teu­er wer­den. Die Re­de ist von meh­re­ren hun­dert­tau­send Eu­ro Stra­fe – pro Tag.

■ Könn­te es sein, dass Fahr­ver­bo­te für Die­sel­fahr­zeu­ge nun schnel­ler kom­men?

Die EU-Kom­mis­si­on sagt nicht, wie die Luft sau­be­rer wer­den soll. Aber Fahr­ver­bo­te in be­son­ders be­trof­fe­nen städ­ti­schen Be­rei­chen könn­ten ein Weg da­hin sein. Das Pro­blem ist je­doch: Auch die­se Maß­nah­me wirkt nur dann schnell, wenn sie von wei­te­ren Schrit­ten be­glei­tet wird. Da­zu ge­hö­ren mo­der­ne Mo­to­ren. Es geht näm­lich kei­nes­wegs nur um Die­sel-Au­tos. Auch Tur­bo-Ben­zi­ner sto­ßen deut­lich mehr Stick­stoff­oxi­de aus als er­laubt. Die Ent­schei­dung, mit wel­chen Mit­teln die Atem­luft nun sau­be­rer wer­den soll, ist Sa­che der Mit­glied­staa­ten und dort wie­der­um der Re­gio­nen und Kom­mu­nen.

■ Aber die Au­to­bau­er, die ge­schum­melt ha­ben, tra­gen doch ei­ne er­heb­li­che Mit­schuld?

Das ist rich­tig. Brüs­sel fährt ge­gen die Bun­des­re­gie­rung be­son­ders schwe­re Ge­schüt­ze auf. Die Kom­mis­si­on warf der Bun­des­re­gie­rung vor, be­trü­ge­ri­sche Her­stel­ler nicht be­straft zu ha­ben. Au­ßer­dem ha­ben die zu­stän­di­gen Prüf­be­hör­den nicht ge­nug ge­tan, um die Ver­stö­ße ge­gen EU-Recht fest­zu­stel­len. Denn bei der Er­tei­lung der so­ge­nann­ten Ty­pen­ge­neh­mi­gung hät­ten auf­fal­len müs­sen, dass das EU-Recht nicht ein­ge­hal­ten wur­de. In ei­nem zwei­ten Ver­fah­ren hat die EU-Be­hör­de des­halb eben­falls ges­tern von der Bun­des­re­pu­blik Aus­kunft über die jüngs­ten Ent­hül­lun­gen ge­for­dert. Sie be­tref­fen Die­sel­fahr­zeu­ge der Mar­ken Por­sche Cay­enne, VW Toua­reg so­wie Au­di A6 und A7. Soll­te die EU fest­stel­len, dass auch da ge­schum­melt wur­de, oh­ne dass die zu­stän­di­gen Kon­trol­leu­re ein­ge­schrit­ten sind, steht Deutsch­land wei­te­rer Är­ger ins Haus.

■ War­um geht die Kom­mis­si­on nur ge­gen Pkw vor, nicht aber ge­gen schwe­re Lkw?

Bis­her wur­den nur Grenz­wer­te für Pkw er­las­sen. Das än­dert sich nun. Ges­tern leg­te die EU-Be­hör­de auch Vor­ga­ben für schwe­re Last­wa­gen und Bus­se vor. De­ren Emis­sio­nen ma­chen 25 Pro­zent der Um­welt­be­las­tun­gen des Stra­ßen­ver­kehrs aus. Nun soll der CO2-Aus­stoß bis 2025 um 15 Pro­zent ge­gen­über 2019 ge­senkt wer­den. Bis 2030 müs­sen die schwe­ren Mo­to­ren um 30 Pro­zent sau­be­rer sein. Ei­ni­gen Mit­glied­staa­ten ist dies zu we­nig. Sie wol­len den CO2-Aus­stoß der Schwer­last­ver­kehrs in­ner­halb der nächs­ten zwölf Jah­re um bis zu 45 Pro­zent sen­ken.

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