Bier darf nicht als „be­kömm­lich“ver­mark­tet wer­den

Rich­ter ver­nei­nen, dass das Ge­tränk „be­kömm­lich“ist

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Nord (N / Nord-Ausgabe) - - VORDERSEITE - Von Su­san­ne Kup­ke, dpa

Brau­er dür­fen nicht mit „be­kömm­li­chem“Bier wer­ben, ent­schied in letz­ter In­stanz der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) in Karls­ru­he. Der Be­griff „be­kömm­lich“sei ei­ne ge­sund­heits­be­zo­ge­ne An­ga­be, die nach EU-Recht bei al­ko­ho­li­schen Ge­trän­ken über 1,2 Pro­zent we­der auf dem Eti­kett noch in der Wer­bung be­nutzt wer­den darf, ur­teil­te ges­tern der BGH (Az.: I ZR 252/16). Da­mit sieg­te ein Ber­li­ner Wett­be­werbs­ver­ein über ei­ne klei­ne Braue­rei aus Leut­kirch (Kreis Ra­vens­burg), die drei Bie­re mit ei­nem Al­ko­hol­ge­halt zwi­schen 2,9 und 5,1 Pro­zent so be­wor­ben hat­te. Der Ver­band So­zia­ler Wett­be­werb (VSW) aus Ber­lin hat­te 2015 ei­ne einst­wei­li­ge Ver­fü­gung ge­gen die All­gäu­er Fa­mi­li­en­braue­rei er­wirkt und die Wer­bung mit dem Be­griff un­ter­sagt. Braue­rei­chef Gott­fried Här­le ar­gu­men­tier­te: „Bier, in Ma­ßen ge­nos­sen, ist durch­aus be­kömm­lich.“Laut BGH liegt ei­ne „ge­sund­heits­be­zo­ge­ne An­ga­be“vor, wenn da­mit ei­ne Ver­bes­se­rung des Ge­sund­heits­zu­stands ver­spro­chen wer­de. Nach Fest­stel­lung des Be­ru­fungs­ge­richts wer­de „be­kömm­lich“mit „ge­sund“, „zu­träg­lich“und „leicht ver­dau­lich“ver­bun­den.

Be­kömm­lich, süf­fig – aber nicht schwer“– so warb ei­ne klei­ne Braue­rei aus Leut­kirch (Kreis Ra­vens­burg) für ihr Bier. Sug­ge­riert der Be­griff „be­kömm­lich“ei­ne ge­sund­heits­för­dern­de Wir­kung? Ja, meint der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) in Karls­ru­he. Er be­stä­tig­te ges­tern ein Ur­teil des Ober­lan­des­ge­richts (OLG) Stutt­gart, das ei­ne Bier­wer­bung mit dem Be­griff ver­bo­ten hat­te. Da­mit ist der seit drei Jah­ren wäh­ren­de Bier­streit zwi­schen ei­ner All­gäu­er Braue­rei und ei­nem Ber­li­ner Wett­be­werbs­ver­band nun in letz­ter In­stanz ent­schie­den (Az.: I ZR 252/16).

■ Wo­rum geht es?

Die be­klag­te Braue­rei ver­wen­det seit den 1930er Jah­ren für ih­re Bie­re den Wer­be­slo­gan „Wohl be­komm’s!“und hat die­se seit An­fang des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts zu­nächst in An­zei­gen, spä­ter im In­ter­net auch als „be­kömm­lich“be­zeich­net. Da­ge­gen hat­te der Ver­band So­zia­ler Wett­be­werb (VSW) aus Ber­lin, ein Zu­sam­men­schluss von rund 90 Un­ter­neh­men der Le­bens­mit­tel­bran­che, 2015 ei­ne einst­wei­li­ge Ver­fü­gung er­wirkt. Der Leut­kir­cher Braue­rei­chef Gott­fried Här­le ließ dar­auf­hin auf den Eti­ket­ten von rund 30 000 Bier­fla­schen das Wort von Hand mit Filz­stif­ten strei­chen – und leg­te Be­ru­fung ein. Sei­ne Kla­gen blie­ben vor dem Land­ge­richt Ra­vens­burg so­wie dem Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart – und nun auch vor dem BGH – er­folg­los.

■ Was spricht ge­gen „be­kömm­lich“?

Das aus dem Mit­tel­hoch­deut­schen stam­men­de „be­kom(en)lich“ be­deu­te­te ein­mal so viel wie „pas­send“oder „be­quem“. Heu­te wird es als Syn­onym für „leicht ver­dau­lich“oder „ver­träg­lich“ver­stan­den. Dass Bier­sor­ten mit ei­nem Al­ko­hol­ge­halt zwi­schen 2,9 und 5,1 Pro­zent so be­wor­ben wer­den, geht aus Sicht des Wett­be­werbs­ver­ban­des gar nicht. Es sei ei­ne „ge­sund­heits­be­zo­ge­ne“An­ga­be, mit der nach der He­alt­hC­laims-Ver­ord­nung der EU nicht ge­wor­ben wer­den darf. Die Ver­ord­nung ver­bie­tet das für al­ko­ho­li­sche Ge­trän­ke mit mehr als 1,2 Vo­lu­men­pro­zent.

■ Gibt es ver­gleich­ba­re Fäl­le?

Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) hat in ei­ner Ent­schei­dung zu ei­ner Wer­bung der Win­zer­ge­nos­sen­schaft Deut­sches Wein­tor aus der Pfalz (C-544-10-Ur­teil vom 6.9.2012) Win­zern ver­bo­ten, für „be­kömm­li­chen“Wein zu wer­ben. Dies sei in Ver­bin­dung mit dem ge­rin­gen Säu­re­ge­halt ei­ne ge­sund­heits­be­zo­ge­ne An­ga­be. Al­ko­hol sei schäd­lich für die Ge­sund­heit – Ver­brau­cher müss­ten vor ir­re­füh­ren­der Wer­bung ge­schützt wer­den.

■ Ist das auf den Bier­streit an­wend

bar?

Der BGH hat das be­jaht. Die Ver­wen­dung des Be­griffs „be­kömm­lich“ist dem­nach ei­ne ge­sund­heits­be­zo­ge­ne An­ga­be, mit der ei­ne Ver­bes­se­rung des Ge­sund­heits­zu­stands ver­spro­chen und sug­ge­riert wird, der Ver­zehr des Le­bens­mit­tels ha­be auf die Ge­sund­heit kei­ne schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen. Der be­klag­te Brau­er hat den Be­griff da­ge­gen als „rei­ne Qua­li­täts­aus­sa­ge“mit lan­ger Tra­di­ti­on ver­stan­den.

■ Hat sich der BGH schon zu­vor mit

ei­nem ver­gleich­ba­ren Fall be­fasst? Der BGH hat im Ja­nu­ar 2011 in ei­ner EuGH-Vor­la­ge zum „Gurk­ta­ler Kräu­ter­li­kör“den Be­griff „be­kömm­lich“pas­sie­ren las­sen – „wohl­tu­end“aber nicht. Das war aber vor dem „Wein­tor“-Ur­teil. Auch wur­de der Fall nie ent­schie­den, weil die Re­vi­si­on zu­rück­ge­nom­men wur­de.

■ Könn­ten auch an­de­re Braue­rei­en be­trof­fen sein?

Här­le ist ein Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men in vier­ter Ge­ne­ra­ti­on und mit 33 Mit­ar­bei­tern so­wie 7,2 Mil­lio­nen Eu­ro Jah­res­um­satz klein. Die Fol­gen des Ver­bots ge­hen aber vie­le Brau­er an, die eben­falls seit lan­gem mit „be­kömm­li­chem“Bier ge­wor­ben ha­ben. „Das BGH-Ur­teil ist ei­ne Ent­täu­schung für die gan­ze Brau­wirt­schaft“, sagt Mar­tin Schimpf, der Vor­sit­zen­de des Ver­ban­des Pri­va­te Brau­er Ba­den-Würt­tem­berg.

■ Wel­che Fol­gen hat das?

Den Brau­ern stößt das Ur­teil sau­er auf, weil sie sich jetzt mit Al­ter­na­ti­ven wie „ge­schmack­voll“oder „süf­fig“be­hel­fen müs­sen. Braue­rei­chef Gott­fried Här­le re­agier­te ent­täuscht: „Da­mit geht ein ganz selbst­ver­ständ­li­cher und tra­di­tio­nel­ler Be­griff für die Be­schrei­bung deut­scher Bie­re ver­lo­ren. Nicht nur wir sind da­von be­trof­fen, son­dern die gan­ze deut­sche Brau­wirt­schaft.“Bier wer­de seit Jahr­zehn­ten mit „be­kömm­lich“ver­bun­den. Der Be­liebt­heit von Bier als das meist­kon­su­mier­te al­ko­ho­li­sche Ge­tränk dürf­te das aber kei­nen Ab­bruch tun: Die Deut­schen ga­ben 2017 rund 7,4 Mil­li­ar­den Eu­ro für Bier und Bier­mix­ge­trän­ke zum Ver­zehr zu Hau­se aus. Den­noch ha­ben Brau­er ei­ne Durst­stre­cke: Im ers­ten Quar­tal ha­ben sie mit 19,6 Mil­lio­nen Hek­to­li­tern Bier 1,6 Pro­zent we­ni­ger ab­ge­setzt als im Vor­jah­res­zeit­raum. Sie wol­len das mit neu­en An­ge­bo­ten aus­glei­chen. Laut Deut­schem Brau­erBund gibt es hier­zu­lan­de mehr als 6000 Bier­mar­ken – 1000 mehr als noch vor zehn Jah­ren. 2017 wur­den bun­des­weit 85,5 Mil­lio­nen Hek­to­li­ter Gers­ten­saft ge­braut.

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