Ab­schied von Pa­pa Ha­dyn

Har­riet Kri­jgh nimmt bei ih­rem Auf­tritt mit dem WKO dem C-Dur Cel­lo-Kon­zert al­len süß­li­chen Film­mu­sik-Zu­cker­guss

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis Nord (N / Nord-Ausgabe) - - KULTUR REGIONAL - Von Ul­rich En­zel

Zart und duf­tig las­sen sie Wolf­gang Ama­de­us Mo­zarts 29. Sin­fo­nie er­klin­gen, die Strei­cher des Würt­tem­ber­gi­schen Kam­mer­or­ches­ters Heil­bronn (WKO). Un­ter dem kla­ren, im­pul­siv-en­er­gie­dich­ten Di­ri­gat von Andre­as Spe­ring ent­wi­ckelt sich ein le­ben­di­ges Wech­sel­spiel gleich­wer­tig bril­lan­ter Re­gis­ter. Der auf­blü­hen­de Früh­ling wird un­be­schwert träl­lernd rea­li­siert. Doch es bleibt nicht beim hei­te­ren Schrei­ten durch Blu­men­hai­ne. Je­dem an­mu­ti­gen De­tail wird auf­merk­sam nach­ge­spürt. Kon­tem­pla­ti­ves Lust­wan­deln mu­tiert schon im zwei­ten Satz zur Aben­teu­er­rei­se, die sich im drit­ten und vier­ten im­mer mar­kan­ter struk­tu­riert, zur Al­le­go­rie von Wild­heit ent­wi­ckelt. Nur die Blä­ser, gar zu laut und un­fle­xi­bel, brin­gen Er­den­schwe­re in solch wel­tent­rück­te Schön­heit.

Auch das C-Dur Vio­lon­cel­lo-Kon­zert von Jo­seph Haydn be­gin­nen die Würt­tem­ber­ger edel und schwung- voll duf­tig. Doch die nie­der­län­di­sche Cel­lis­tin Har­riet Kri­jgh kon­tras­tiert die schwarz-grü­ne Ele­ganz der Orches­ter­mu­si­ker nicht nur farb­lich mit hef­ti­gem Tul­pen­rot, sie in­iti­iert ein Wett­ei­fern im ech­ten Sin­ne des „Con­cert­are“. Kein schö­ner Schein nir­gends! Je­de Phra­se des Kon­zerts wird hin­ter­fragt, ana­ly­siert, oft kon­tras­tiert. Tech­ni­sche Per­fek­ti­on er­laubt ihr vom ro­man­ti­schen Sin­gen jäh in mar­kan­te Schroff­heit zu wech­seln, von ele­gi­schem In­ne­hal­ten in blan­kes Bloß­stel­len ein­zel­ner Tö­ne.

Of­fen­ba­rung Zur Of­fen­ba­rung wird die Ka­denz im ers­ten Satz, mit der sie gera­de­zu se­zie­rend Ab­grün­de hin­ter dem Kli­schee Pa­pa Haydn auf­reißt. Da mag das Orches­ter noch so in­ten­siv üp­pi­ge Schön­heit ze­le­brie­ren, Kri­jghs Cel­lo be­raubt auch den zwei­ten Satz al­les süß­li­chen Film­mu­sik-Zu­cker­gus­ses. Völ­lig neue Far­ben lässt sie auf­leuch­ten. Das WKO grun­diert edel, ge­treu der Wie­ner Klassik, die So­lis­tin aber ent­wi­ckelt emo­ti­ons­ge­la­de­nen Ex­pres­sio­nis­mus, ent­hüllt im als gar zu brav ver­kann­ten Haydn be­reits die Ro­man­ti­ker, so­gar die Neue Wie­ner Schu­le. Auch im drit­ten Satz wagt sie ei­ne wil­de An­ti­the­se. Vol­les Ri­si­ko! Har­riet Kri­jgh ent­fal­tet neue Di­men­sio­nen. An­hal­ten­der Bei­fall wird mit der Sa­ra­ban­de aus Bachs ers­ter Cel­lo-So­lo­sui­te be­dankt. Re­spekt­voll klang­schön folgt An­ton Bruck­ners wun­der­sam wel­tent­rück­tes Ad­a­gio aus sei­nem Streich­quin­tett. Doch nach Kri­jghs Se­zier- kurs ver­misst man selbst im noch so aus­drucks­dich­ten Er­zäh­len der WKO-Mu­si­ker ein Durch­sto­ßen der Ober­flä­che. Ed­le Licht­ge­stal­ten wan­deln durch idea­le Wel­ten – doch wie im gol­de­nen Strah­len von Gus­tav Klimts Ge­mäl­den ver­misst man ein wa­ge­mu­ti­ges Hin­ab­tau­chen zu den kunst­voll zu­ge­deck­ten Ab­grund­stie­fen.

Wit­zig sprit­zi­ge Er­lö­sung brin­gen die Strei­cher mit Haydns 47. Sin­fo­nie. Je­der Phra­se schen­ken sie ur­ei­ge­nen Cha­rak­ter. Lei­der mar­schie­ren die Blä­ser er­neut gar zu un­be­küm­mert durch die zar­te Par­ti­tur. Und im zwei­ten Satz, gä­be es da zwi­schen All­zu­bra­vem nicht Man­ches zu ent­de­cken? Wirk­lich nur fei­ner Spit­zen­tanz, Tüll­röck­chen? Im drit­ten und vier­ten löst das Moll kei­nen Sturm aus. Wo bleibt das Meer, in des­sen Tie­fe manch schö­ne Per­le ruht? Doch Haydns Ein­falls­reich­tum, ein glän­zend auf­spie­len­des Kam­mer­or­ches­ter, das muss Bei­falls­stür­me in der fast aus­ver­kauf­ten Heil­bron­ner Har­mo­nie in­du­zie­ren.

Fo­to: Ralf Sei­del

Die jun­ge nie­der­län­di­sche Cel­lis­tin Har­riet Kri­jgh über­rascht in der Har­mo­nie mit ei­ner ei­gen­wil­li­gen, mo­der­nen Haydn-In­ter­pre­ta­ti­on.

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