Die Furcht vor dem Vor­ge­plän­kel

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis West (W / West-Ausgabe) - - FUSSBALL-WM 2018 -

Kei­ne Be­leh­run­gen Russ­land ist nicht Wla­di­mir Pu­tin, je­den­falls nicht nur. Ge­ben wir den Men­schen in die­sem schö­nen Land ei­ne ech­te Chan­ce, sich als freund­li­che und fai­re Gast­ge­ber zu zei­gen, statt ih­nen mit Vor­ur­tei­len und Be­leh­run­gen zu be­geg­nen. Und lasst uns bit­te nicht zu viel ver­lan­gen von un­se­ren Fuß­bal­lern. Herr Kim­mich muss nicht vor je­dem Eck­ball den Arm he­ben und ein State­ment ver­le­sen zu Men­schen­rech­ten, zur Ost-Ukrai­ne oder zu sonst­was – das wä­re heuch­le­risch und ei­ne Über­for­de­rung des Sports wie sei­ner Prot­ago­nis­ten.

Der Sport ist nicht die Fort­set­zung der Po­li­tik mit an­de­ren Mit­teln, vor al­lem nicht, wenn der Po­li­tik kei­ne Mit­tel ein­fal­len oder sie der Wirt­schaft nicht ge­fal­len. Da­mit wir uns nicht miss­ver­ste­hen: Von der For­mel „Sport hat mit Po­li­tik nichts zu tun“hal­te ich nichts. Eher darf man sa­gen: So viel Sport wie mög­lich und so viel Po­li­tik wie nö­tig.

Mei­nungs­frei­heit Wenn uns ei­ne WM die Mög­lich­keit gibt, ei­nen tie­fen Blick auf ein Land zu wer­fen, soll­ten wir nicht blind sein für das, was wir se­hen. Dann sol­len wir sa- gen, wenn uns Din­ge nicht ge­fal­len. Das ist ge­leb­te Mei­nungs­frei­heit, und auf die ha­ben auch Na­tio­nal­spie­ler im WM-Di­enst ein Recht. Aber das ist ih­re per­sön­li­che Sa­che.

Gilt das auch für Me­sut Özil und Il­kay Gün­do­gan? Nein. Ein sol­ches Fo­to mit Herrn Er­do­gan gibt es nicht zum Null­ta­rif. Das hät­ten die bei­den wis­sen kön­nen, nein: müs­sen. Und wenn nicht, hät­te es ei­ner aus ih­rem Schwarm von Be­ra­tern ih­nen sa­gen müs­sen. Ein pri­va­tes Tref­fen wä­re ih­re Pri­vat­sa­che ge­we­sen mit pri­va­ten Kon­se­quen­zen. Denn ei­nes bliebt: Sie sind deut­sche Na­tio­nal­spie­ler – auch mit Vor­bild­funk­ti­on! Und Er­do­gan ist der, der er ist. Aber der Ter­min war Mit­tel zum Zweck im Wahl­kampf und wur­de auch so ver­brei­tet. Die Fol­gen für das Mann­schafts­kli­ma sind gra­vie­rend, der Fall ist zu ei­ner Be­las­tung für al­le ge­wor­den. Das liegt auch am jäm­mer­li­chen Kri­sen­ma­nage­ment, die Team­lei­tung hät­te Kl­ar­text spre­chen müs­sen statt mit halb­ga­ren Er­klä­run­gen her­um­zu­ei­ern. Kann der Fall so­gar die aus­ge­ru­fe­ne Mis­si­on Ti­tel­ver­tei­di­gung ge­fähr­den?

Hof­fent­lich nicht, aber das gilt ge­nau­so für an­de­re Pro­blem­chen. So darf man fra­gen, wie die Bay­ern das Ge­fühl ab­schüt­teln, ei­ne ver­korks­te Sai­son hin­ter sich zu ha­ben. Ob Boateng wie­der fit wird und ob der Fuß von Neu­er hält.

Und man darf sich nach­denk­lich am Kopf krat­zen, wenn man die letz­ten Test­spie­le ge­se­hen hat. Ös­ter­reich ei­nen Sieg über die Pief­kes im Ge­schenk­pa­pier zu über­las­sen, muss nicht sein. Der Plan, sich zur Ge­ne­ral­pro­be mit den Sau­dis ei­nen Geg­ner ein­zu­la­den, ge­gen den man sich in WM-Lau­ne bringt, ist auch da­ne­ben ge­gan­gen. Statt fröh­lich pfei­fend auf­zu­bre­chen, wur­de man von ei­ner pfei­fen­den Ku­lis­se au­ßer Lan­des ge­lei­tet.

Un­an­greif­bar Aber das al­les wird sich sport­lich re­geln las­sen, da­für steht der Bun­des­trai­ner, der als Welt­meis­ter noch et­was un­an­greif­ba­rer ge­wor­den ist. Nein, die ent­schei­den­de Fra­ge ist: Sind die­se jun­gen Men­schen wirk­lich wie­der hung­rig ge­nug, um das noch mal zu schaf­fen? Dar­auf kommt es an: Nicht auf die Auf­stel­lung, son­dern auf die Ein­stel­lung; ob es ge­lingt, die letz­ten Pro­zent bis zur äu­ßers­ten Leis­tungs­gren­ze her­aus­zu­ho­len. Das ist die Her­aus­for­de­rung für ei­nen Ti­tel­ver­tei­di­ger, und die ist sehr groß. Da­her ha­ben es auch erst zwei Mann­schaf­ten ge­schafft – die letz­te kam aus Bra­si­li­en, und das war 1962. Das war in Chi­le und die zwei­te WM, an die ich mich er­in­nern kann. Seit­dem ha­be ich je­des Tur­nier ver­folgt, und ich ge­den­ke nicht, da­mit auf­zu­hö­ren. Die Fas­zi­na­ti­on ist in­takt, aber un­ge­trübt ge­nie­ße ich Fuß­ball schon lan­ge nicht mehr.

Aus­nah­me­spie­ler Ich wür­de gern Ro­nal­do, Mes­si und all die an­de­ren Aus­nah­me­spie­ler auf der Hö­he ih­rer Kunst er­le­ben. Und nicht mit an­se­hen, wie sie sich nach ei­ner elend lan­gen Sai­son mü­de über den Platz schlep­pen. Und dann ist da die­se Vor­run­de, die nur da­zu da ist, die Mann­schaf­ten nach Hau­se zu schi­cken, von de­nen man vor­her ge­wusst hat, dass sie bes­ser zu Hau­se ge­blie­ben wä­ren. Ich will ehr­lich sein: Ein biss­chen fürch­te ich mich vor der Grup­pen­pha­se. Das sind gut zwei Wo­chen Vor­ge­plän­kel, dann geht die WM zum zwei­ten Mal los – und dann aber rich­tig.

Fo­to: dpa

Sorgt für Ge­sprächs­stoff: Me­sut Özil.

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