Ro­man

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme – Landkreis West (W / West-Ausgabe) - - BADEN-WÜRTTEMBERG · ROMAN - Fo­to: dpa

Lon­nie, der Ge­schäfts­füh­rer der Roll­schuh­bahn, mach­te ihm ger­ne Druck. „Schei­ße, ich soll­te dich raus­schmei­ßen. Du steckst ei­nen Quar­ter rein und blo­ckierst das Ding den gan­zen Tag.“

Es stimm­te. An man­chen Ta­gen war es, als wä­re die Macht mit ihm, dann konn­te er die Stahl­ku­gel ewig lang im Spiel hal­ten, und sie lief flüs­sig und warm wie Qu­eck­sil­ber. Die He­bel er­wisch­ten die Ku­gel, wo im­mer er woll­te, war­fen die Kar­ten für ihn um – Ass, Kö­nig, Da­me , und die Punk­te­an­zei­ge rat­ter­te und rat­ter­te. Selbst an ei­nem schlech­ten Tag war er noch ver­dammt gut. Nach der Schu­le – und im Som­mer den gan­zen Tag – be­ar­bei­te­te Fran­kie den Flush, wäh­rend Bud­dy, des­sen Dau­erba­by­sit­ter er war, in ei­ner Ecke saß und ihm beim Spie­len zu­sah.

Im zwei­ten High­school­jahr war die Schu­le zu ei­nem müh­sa­men Alb­traum ge­wor­den. Des­halb gönn­te er sich En­de Ok­to­ber, an ei­nem der letz­ten war­men Ta­ge des Herbs­tes, ei­nen frei­en Tag. Er fuhr mit dem Rad den hal­ben Weg bis zur High­school, bog dann zur Roll­schuh­bahn ab und rauch­te hin­ter dem Ge­bäu­de den Rest ei­nes Jo­ints, wäh­rend er dar­auf war­te­te, dass die Bahn öff­ne­te.

Um Punkt zwölf ging er zur Tür und traf dort auf Lon­nie, der das Ge­sicht ver­zog, weil bloß ein Flip­perF­reak da war und kein zah­len­der Kun­de. Der Mann war Al­ko­ho­li­ker, mit ei­nem Ge­sicht wie ka­put­ter Stra­ßen­be­lag und ei­ner Lau­ne, die so un­be­re­chen­bar war wie das Chi­ca­go­er Wet­ter. Mit ei­nem Grun­zen ließ er Fran­kie ein.

Die Au­to­ma­ten wa­ren ein­ge­stöp- selt und surr­ten, As­te­ro­ids spiel­te ge­ra­de sein De­mo ab. Fran­kie strich mit den Fin­ger­spit­zen über das ver­kratz­te Glas des Roy­al Flush, prüf­te den Plun­ger. Er steck­te ei­nen Quar­ter in den Münz­schlitz.

Nach drei­ßig Mi­nu­ten war er im­mer noch bei der ers­ten Ku­gel. Er such­te in sei­ner Ta­sche nach den Zi­ga­ret­ten und dem Feu­er­zeug, dann steck­te er sich ei­ne an.

„Was zur Höl­le?“, sag­te Lon­nie. Der Ge­schäfts­füh­rer stand hin­ter ihm und starr­te den Flip­pe­r­au­to­ma­ten an.

Der lin­ke Flip­per­he­bel hat­te die Ku­gel ge­ra­de nach oben ge­schos­sen, ein­mal über die Jo­kerRam­pe. Doch Fran­kies Hän­de wa­ren wäh­rend­des­sen mit Zi­ga­ret­te und Feu­er­zeug be­schäf­tigt ge­we­sen.

„Hast du ihn ka­putt ge­macht?“, fuhr Lon­nie ihn an. „Was hast du ge­macht?“

„Ich hab gar nichts ge­macht!“, sag­te Fran­kie. Hin­ter ihm fiel die Ku­gel kla­ckernd in den Drain und be­en­de­te sei­nen ma­gi­schen Lauf.

„Du hast dar­an rum­ge­schraubt, stimmt’s?“

„Kei­ne Ah­nung, wo­von du re­dest“, sag­te Fran­kie.

„Hau bloß ab“, sag­te Lon­nie. „Du hast Haus­ver­bot.“

„Was?“

„Raus! So­fort!“

„Das kannst du nicht ma­chen.“Lon­nie bau­te sich dro­hend vor ihm auf. Er war dünn, aber groß, ei­nen gu­ten Kopf grö­ßer als Fran­kie.

Fran­kie wei­ger­te sich zu ren­nen. Er spa­zier­te nach drau­ßen, mit ge­ra­dem Rü­cken und eis­kal­tem Na­cken, wie ein Mann, der weiß, dass ei­ne Pis­to­le auf sei­nen Kopf ge­rich­tet ist. Er stieg auf sein Rad und fuhr da­von. Als er zu Hau­se war, leg­te er die Stirn ge­gen die Haus­wand. Ihm war übel, er fühl­te sich nackt. Er hat­te nie je­man­den se­hen las­sen, wie er Din­ge be­weg­te. Nicht, seit Mom tot war.

Der Ein­satz­ort war ein drei­ge­schos­si­ges Ge­bäu­de nörd­lich der Six­ty­Third Street, ein me­di­zi­ni­sches For- schungs­un­ter­neh­men. Zwei wei­te­re Bum­ble­beeTrans­por­ter stan­den auf dem Park­platz. „Ich zeig dir nach­her mal die Kuh“, sag­te Fran­kie.

„Die ha­ben ei­ne Kuh?“, sag­te Mat­ty.

„Du wirst es echt nicht glau­ben.“Fran­kie griff nach sei­ner Werk­zeug­ta­sche und ließ den Jun­gen ei­nen Sta­pel Go­jiGo!Kar­tons mit­neh­men. Die Emp­fangs­da­me drück­te den Öff­ner für die Tür hin­ter ihr, um sie in das ei­gent­li­che Ge­bäu­de ein­zu­las­sen, doch er igno­rier­te es.

Nimm das Le­ben an, sag­te er sich. Er trat lä­chelnd auf ih­ren Schreib­tisch zu. „Lois, das ist mein Nef­fe, Mat­thi­as. Er hilft mir heu­te ein biss­chen. Mat­ty, stell mal kurz die Kar­tons ab.“Fran­kie öff­ne­te ei­nen der Kar­tons und hol­te zwei ZweiLi­terKa­nis­ter her­aus. „Das ist das Zeug, von dem ich er­zählt ha­be.“

„Oh, schon okay“, sag­te Lois. „Du brauchst mir nicht – oh.“Er schob ihr die Ka­nis­ter zu. Sie war Mit­te fünf­zig, freund­lich, mit ei­nem run­den Ge­sicht.

„Ich trink das Zeug hier je­den Mor­gen, Lois. Ein Löf­fel auf ein Glas Was­ser. Der Löf­fel ist mit da­bei. Man­che sind süch­tig nach Kaf­fee, aber Go­ji­bee­ren sind ei­ne Su­per­frucht, voll mit An­ti­oxi­dan­ti­en. Hab ich dir schon von Li Qing Yu­en er­zählt?“

„Der, der so alt ge­wor­den ist?“, sag­te Lois.

„Zwei­hun­dert­sechs­und­fünf­zig, Lois. Das ist Re­kord, ganz of­fi­zi­ell. Der hat sich von Go­ji­bee­ren er­nährt, hat nichts an­de­res ge­ges­sen. Du glaubst gar nicht, wie gut die für dei­ne Haut sind.“

„Ich weiß nicht, ei­gent­lich mach ich „

„Nor­ma­ler­wei­se kos­tet der Ka­nis­ter drei­ßig Dol­lar. Das klingt erst mal nach viel, aber mit ei­nem Ka­nis­ter kannst du hun­dert­zwan­zig Por­tio­nen an­mi­schen. Hab ich schon ge­sagt, dass du das auch in Milch rüh­ren kannst?“

„Ich ha­be kein Geld bei mir“, sag­te sie. Fort­set­zung folgt

Die er­staun­li­che FA­MI­LIE TELEMACHUS Von Da­ryl Gre­go­ry 32. Fort­set­zung © 2017 Eich­born Ver­lag Bas­tei Lüb­be AG

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