CSU setzt Mer­kel Ul­ti­ma­tum

Do­brindt droht der Kanz­le­rin mit ei­nem Al­lein­gang des In­nen­mi­nis­ters See­ho­fer

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Hohenloher Zeitung Ausgabe Künzelsau - - VORDERSEITE - Von un­se­rer Re­dak­teu­rin Va­le­rie Blass

Im er­bit­tert ge­führ­ten Asyl­streit der Uni­on weist die CSU den Vor­schlag von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) zu­rück, auf ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung zu war­ten – und setzt ihr ein Ul­ti­ma­tum. CSU-Lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt sag­te ges­tern nach ge­trenn­ten Be­ra­tun­gen der Ab­ge­ord­ne­ten von CDU und CSU im Bun­des­tag, Tei­le des Mas­ter­pla­nes von Horst See­ho­fer stün­den „in der di­rek­ten Ver­ant­wor­tung des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters“und soll­ten da­her um­ge­setzt wer­den, oh­ne erst auf ei­ne Ei­ni­gung auf EU-Ebe­ne zu war­ten.

For­de­rung Es sei drin­gend nö­tig, be­reits in an­de­ren EU-Staa­ten re­gis­trier­te Flücht­lin­ge an der deut­schen Gren­ze ab­zu­wei­sen, „um wie­der Ord­nung an den Gren­zen zu schaf­fen“, sag­te Do­brindt. Die­ser Schritt sei ge­deckt durch deut­sches und eu­ro­päi­sches Recht. Er sag­te, die CSULan­des­grup­pe sei in der Fra­ge ei­nig und wol­le die­se Po­si­ti­on nun am Mon­tag in den CSU-Par­tei­vor­stand tra­gen, um dort zu ei­ner Ent­schei­dung zu kom­men. Da­mit setz­te er Mer­kel prak­tisch ein Ul­ti­ma­tum.

Die CSU ma­che es sich in der Fra­ge nicht leicht, be­ton­te der CSU-Po­li­ti­ker. Er be­ton­te aber, jetzt sei der Zeit­punkt zum Han­deln. „Ich will ih­nen nicht ver­schwei­gen, dass wir ei­ne erns­te, ei­ne sehr erns­te Si­tua­ti­on ha­ben“, sag­te Do­brindt. Im Kern strei­ten CDU und CSU seit Ta­gen dar­über, ob auch Asyl­be­wer­ber oh­ne Pa­pie­re und sol­che, die be­reits in an­de­ren EU-Län­dern als Asyl­be­wer­ber re­gis­triert sind, nicht mehr über die deut­sche Gren­ze ge­lan­gen dür­fen. Die CSU will die­se künf­tig zu­rück­wei­sen, Mer­kel lehnt dies ab.

Sie hat­te vor den CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten um Un­ter­stüt­zung für ih­ren Kurs in der Asyl­po­li­tik ge­wor­ben. Laut Teil­neh­mern der Son­der­sit­zung bat sie um Ver­trau­en bis zum EU-Gip­fel am 28. und 29. Ju­ni. Bis da­hin will Mer­kel tief­grei­fen­de Fort­schrit­te für ei­ne ge­mein­sa­me Asyl­re­ge­lung in der EU er­rei­chen. Die CSU will aber nicht so lan­ge war­ten. Das kri­ti­siert der Heil­bron­ner CDU-Ab­ge­ord­ne­te Alex­an­der Throm: „Un­ab­hän­gig von der Sach­fra­ge hät­te ich er­war­tet, dass man der Bit­te An­ge­la Mer­kels nach le­dig­lich wei­te­ren zwei Wo­chen für Ver­hand­lun­gen auf EU-Ebe­ne ent­spricht.“

Ernst Wal­ter, Chef der Bun­des­po­li­zei­ge­werk­schaft DPolG, sag­te die­ser Zei­tung: „Selbst­ver­ständ­lich ist die Bun­des­po­li­zei da­zu in der La­ge, Per­so­nen, die un­er­laubt ein­rei­sen wol­len oder be­reits in an­de­ren Staa­ten Schutz vor Ver­fol­gung ge­fun­den ha­ben, an den Gren­zen zu­rück­zu­wei­sen.“Der Hohenloher CDU-Ab­ge­ord­ne­te Chris­ti­an von Stet­ten er­klär­te, dass der Asyl-Mas­ter­plan See­ho­fers bei ei­ner Ab­stim­mung in der Frak­ti­on ei­ne Mehr­heit er­hal­ten wür­de.

„Ich will ih­nen nicht ver­schwei­gen, dass wir ei­ne erns­te, ei­ne sehr erns­te Si­tua­ti­on ha­ben.“Alex­an­der Do­brindt

Ka­na­di­er sind be­kannt für ihr aus­glei­chen­des We­sen. Sie gel­ten als to­le­rant und lo­cker im Um­gang. Doch nach über 500 Ta­gen Prä­si­dent­schaft von Do­nald Trump und wie­der­hol­ten Atta­cken ge­gen den Nach­barn im Nor­den ist das Maß bei Pre­mier Jus­tin Tru­deau und der Öf­fent­lich­keit of­fen­bar voll ge­we­sen. „Wir sind freund­li­che Leu­te, aber wir las­sen uns nicht her­um­schub­sen“, sag­te Tru­deau, als er zu En­de des G7-Gip­fels in Qu­e­bec Maß­nah­men ge­gen die von den USA ge­plan­ten Han­dels­z­öl­le an­kün­dig­te.

Wu­t­aus­bruch „Un­ver­schämt, schwach, an­ma­ßend“: Die Ant­wort des be­lei­dig­ten Trump ließ nicht lan­ge auf sich war­ten. In ei­nem Wu­t­aus­bruch zog er nach Tru­deaus öf­fent­li­chem Auf­tritt per Twit­ter die zu­vor ge­ge­be­ne Zu­stim­mung zur G7-Ab­schluss­er­klä­rung zu­rück. Ein bei­spiel­lo­ser Eklat. Seit­dem ist die Stim­mung zwi­schen den Ver­tre­tern Ur­su­la Lehm­kuhl bei­der Län­der auf dem Tief­punkt. „Ein ver­gleich­ba­res Zer­würf­nis gab es noch nie“, sagt Ur­su­la Lehm­kuhl, Pro­fes­so­rin für In­ter­na­tio­na­le Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Tri­er und Ka­na­da-Ex­per tin.

Das könn­te Kon­se­quen­zen ha­ben, die bis­lang noch nicht ge­nau zu über­bli­cken sind. „Der Wirt­schafts­raum ist der am engs­ten ver­wo­be­ne der Welt“, so Lehm­kuhl. Das Ver­hält­nis zwi­schen den Nach­barn und Ver­bün­de­ten sei schon man­ches Mal von Span­nun­gen ge­kenn­zeich­net ge­we­sen. „Ne­ben euch zu le­ben ist wie mit ei­nem Ele­fan­ten zu schla­fen“, sag­te Pier­re Tru­deau 1969 in An­spie­lung auf den gro­ßen Bru­der im Sü­den – man müs­se im­mer Angst ha­ben, zer­quetscht zu wer­den. Tru­deau, Va­ter des ak­tu­el­len Re­gie­rungchefs in Ot­ta­wa, war mit ei­ner kur­zen Un­ter­bre­chung Pre­mier­mi­nis­ter zwi­schen 1968 und 1984.

Die Gren­ze zwi­schen Ka­na­da und den USA, zwi­schen At­lan­tik und Pa­zi­fik, ist mit 8891 Ki­lo­me­tern die welt­weit längs­te ge­mein­sa­me Gren­ze zwei­er Staa­ten. Mil­lio­nen von Pend­lern über­que­ren sie täg­lich, ge­nau­so wie Tau­sen­de Lkw, die Wa­ren hin- und her trans­por­tie­ren. Ka­na­da ist zwar von der Land­flä­che her et­was grö­ßer als die USA, hat aber mit 36 Mil­lio­nen Ein­woh­ner nur et­wa ein Zehn­tel der Be­völ­ke­rung des Nach­barn im Sü­den (325 Mil­lio­nen). Wirt­schaft­lich, kul­tu­rell, mi­li­tä­risch sind die USA der deut­lich do­mi­nan­te­re der bei­den Part­ner.

Un­be­re­chen­bar In­wie­weit es über­haupt recht­lich mög­lich sein wird, das be­ste­hen­de Han­dels­ab­kom­men aus dem Jah­re 1987 auf­zu­kün­di­gen, das Ro­nald Rea­gan für die USA und Bri­an Mul­ro­ney für Ka­na­da ge­schlos­sen ha­ben, und Zöl­le ein­zu­füh­ren, sei noch gar nicht klar, sagt Lehm­kuhl. „Al­ler­dings, wenn sich die größ­te Wirt­schafts­macht der Welt der­art po­pu­lis­tisch ver­hält, weiß man auch nicht, ob sie ihr Vor­ha­ben wo­mög­lich auch oh­ne recht­li­che Grund­la­ge durch­zieht. Wir wis­sen nicht, was Trump macht.“

Fest steht für sie, dass Ka­na­da tun wird, was es schon in der Ver­gan­gen­heit häu­fi­ger ge­tan hat, wenn es sich von den USA ab­gren­zen woll­te – Ko­ali­tio­nen mit an­de­ren Mit­tel­mäch­ten ein­ge­hen, sein Ver­hält­nis zu Asi­en und Eu­ro­pa wei­ter aus­bau­en. „Eu­ro­pa war im­mer wie­der Flucht­punkt, wenn es Kri­sen im Ver­hält­nis Ka­na­da–USA gab.“Das lie­ge si­cher­lich auch dar­an, dass der ka­na­di­sche Staat ganz ähn­lich auf­ge­baut sei wie die eu­ro­päi­schen Staa­ten: mit ei­nem star­ken Fö­de­ra­lis­mus, ei­nem aus­ge­präg­ten Wohl­fahrts­sys­tem und ei­nem Steu­er­sys­tem, das es er­mög­li­che, öf­fent­li­che In­ves­ti­tio­nen in Kul­tur oder In­fra­struk­tur staat­lich zu fi­nan­zie­ren. Ur­su­la Lehm­kuhl

„Das wirkt sich auf die Ge­sell­schaft aus“, die­se sei von ei­nem aus­ge­präg­ten Ge­fühl des Mit­ein­an­der ge­kenn­zeich­net, sagt Lehm­kuhl. In­di­vi­dua­lis­mus, El­len­bo­gen­men­ta­li­tät und ex­plo­si­ve Ten­den­zen in Kri­sen­si­tua­tio­nen präg­ten hin­ge­gen die USMen­ta­li­tät: „Je­der ist sich selbst der Nächs­te, und da­für steht Trump sinn­bild­lich.“

Kla­re Kan­te Die „Bro­mance“(Eng­lisch für Män­ner­freund­schaft), die es zwi­schen Ba­rack Oba­ma und Tru­deau ge­ge­ben hat­te, wird mit Trump wohl nie mehr ent­ste­hen. Al­ler­dings hat Jus­tin Tru­deau im ei­ge­nen Land viel Zu­stim­mung da­für ge­ern­tet, dass er sich dem Ego­ma­nen im Wei­ßen Haus ent­ge­gen­ge­stellt hat. Nach ei­nem Um­fra­ge­tief zu Jah­res­an­fang ste­he die Be­völ­ke­rung wie­der ge­schlos­sen hin­ter ih­rem Pre­mier, sagt Lehm­kuhl. „Er hat kla­re Kan­te ge­zeigt, und das ist bei den Ka­na­di­ern gut an­ge­kom­men.“

„Ein ver­gleich­ba­res Zer­würf­nis gab es noch nie.“

„Eu­ro­pa war im­mer wie­der Flucht­punkt, wenn es Kri­sen im Ver­hält­nis Ka­na­da–USA gab.“

Fo­to: Ar­chiv/dpa

Nur ei­ner lä­chelt: Jus­tin Tru­deau (rechts) und Do­nald Trump beim Gip­fel­tref­fen in La Mal­baie.

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