Grün-Schwarz strei­tet um Quo­te

Ko­ali­ti­on sucht nach We­gen, um Nach­wuchs für die im­mer we­ni­ger wer­den­den Land­ärz­te zu fin­den – CDU setzt auf Stu­di­en­an­rei­ze

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Hohenloher Zeitung Ausgabe Künzelsau - - BADEN-WÜRTTEMBERG · ROMAN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Pe­ter Rein­hardt

Grü­ne und CDU steu­ern auf ei­nen ko­ali­ti­ons­in­ter­nen Kon­flikt um die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung in länd­li­chen Ge­gen­den zu. Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin The­re­sia Bau­er (Grü­ne) lehn­te ges­tern im Land­tag ei­ne Lan­d­arzt­quo­te ab, mit der die CDU jun­ge Me­di­zi­ner zur Über­nah­me ei­ner Pra­xis in Ge­bie­ten mit Arzt­man­gel be­we­gen will. CDU-Frak­ti­ons­chef Wolf­gang Rein­hart hält trotz­dem an sei­nem Vor­schlag fest: „Wir wol­len zehn Pro­zent der Stu­di­en­plät­ze an sol­che Be­wer­ber ver­ge­ben, die sich ver­trag­lich zu ei­ner Nie­der­las­sung auf dem Land ver­pflich­ten.“

In ei­ner ak­tu­el­len De­bat­te be­grün­det der CDU-Ab­ge­ord­ne­te Stefan Teu­fel die so­ge­nann­te Lan­d­arzt­quo­te mit dem Hin­weis, dass in den nächs­ten Jah­ren in Ba­den-Wür ttem­berg 500 Haus­arzt­pra­xen nicht nach­be­setzt wer­den könn­ten, weil In­ter­es­sen­ten feh­len. 35 Pro­zent al­ler Haus­ärz­te sei­en äl­ter als 60 Jah­re. Vor die­sem Hin­ter­grund sei­en zu­sätz­li­che An­rei­ze not­wen­dig, um ei­ne flä­chen­de­cken­de me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung zu ge­währ­leis­ten. Bau­er sol­le sich in Nord­rhein-West­fa­len an­schau­en, wie die Lan­d­arzt­quo­te in der Pra­xis funk­tio­nie­re. Teu­fel: „Wir wol­len wert­glei­che Le­bens­ver­hält­nis­se zwi­schen Stadt und Land.“

Be­wer­ber Der­zeit kön­nen in Ba­denWürt­tem­berg je­des Jahr 1500 Be­wer­ber ein Me­di­zin­stu­di­um be­gin­nen. Kon­sens herrscht in grün­schwar­zen Ko­ali­ti­on, dass die Zahl der An­fän­ger­plät­ze um zehn Pro­zent er­höht wer­den soll. Bau­er weist al­ler­dings dar­auf hin, dass die Aus­bil­dung von Nach­wuchs­me­di­zi­nern die höchs­ten Kos­ten al­ler Stu­di­en­gän­ge ver­ur­sacht: „Wir brau­chen mehr Geld.“Ver­pflich­tet zu der Be­reit­stel­lung wei­te­rer Plät­ze wä­re der Süd­wes­ten nach ih­rer An­sicht nicht, da die Ka­pa­zi­tät im Län­der­ver­gleich schon bis­her et­was über dem Durch­schnitt lie­ge.

Die Christ­de­mo­kra­ten wol­len die­se zu­sätz­li­chen Plät­ze für ih­re Lan­d­arzt­quo­te re­ser­vie­ren. Bau­er lehnt das ab. Die wür­de nur auf sehr lan­ge Sicht wir­ken, weil ein Stu­di­en­an­fän­ger et­wa zwölf Jah­re braucht, bis er sich als Haus­arzt nie­der­las­sen kann. Au­ßer­dem wür­den Be­wer­ber, die ih­re ver­trag­li­che Ver­pflich­tung nicht ein­hal­ten, ei­nen Aus­weg fin­den. „Wenn man ge­nü­gend Geld hat, kauft man sich ein­fach wie­der raus“, warnt die Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin.

Kri­tik Der Heil­bron­ner SPD-Ab­ge­ord­ne­te Rai­ner Hin­de­rer spricht von ei­nem „gif­ti­gen Kli­ma“zwi­schen den Ko­ali­ti­ons­part­nern. Der SPDMann schlägt sich auf die Sei­te der Geg­ner: „Wir sind skep­tisch.“Ei­ne Quo­ten­re­ge­lung kön­ne „al­len­falls ein klei­ner Baustein bei der Si­che­rung der ärzt­li­chen Ver­sor­gung in länd­li­chen Ge­bie­ten sein“. Hin­de­rer fürch­tet, dass sich Ab­sol­ven­ten von ih­rer Ver­trags­pflicht frei­kau­fen könn­ten. Für den FDP-Ab­ge­ord­ne­ten Jo­chen Hauß­mann wirft die Quo­ten­re­ge­lung „mehr Fra­gen auf, als dass sie Ant­wor­ten gibt“. Wel­cher jun­ge Mensch kön­ne mit 17 Jah­ren schon ver­bind­lich vor­aus­sa­gen, was er acht bis zehn Jah­re spä­ter tun möch­te. Die AfD-Ab­ge­ord­ne­te Chris­ti­na Baum weist dar­auf hin, dass sie selbst schon seit Jah­ren ver­geb­lich ei­nen Nach­fol­ger für ih­re Zahn­arzt­pra­xis im Main-Tau­berK­reis sucht. Die Quo­te hält sie trotz­dem für kei­ne sinn­vol­le Lö­sung, da sich die Me­di­zi­ner ent­we­der frei­kau­fen kön­nen oder völ­lig un­mo­ti­viert ih­re ver­trag­li­che Ver­pflich­tung auf dem Land er­fül­len wür­den.

Die Tech­ni­ker Kran­ken­kas­se (TK) sieht die Lan­d­arzt­quo­te als fal­schen Weg, weil da­durch das Image des Lan­d­arz­tes be­schä­digt wer­den könn­te. Wer sich auf dem Land nie­der­las­se, soll­te dies aus vol­ler Über­zeu­gung tun, be­tont der Lei­ter der TK-Lan­des­ver­tre­tung, Andre­as Vogt. Wer in wirt­schaft­lich schwä­che­ren Räu­men prak­ti­zie­re, müs­se fi­nan­zi­ell un­ter­stützt wer­den.

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