Das En­de ei­ner Ära

Er­grei­fen­des Ab­schieds­kon­zert von WKO-Chef­di­ri­gent Ru­ben Ga­za­ri­an

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Hohenloher Zeitung Ausgabe Künzelsau - - KULTUR REGIONAL - @ Bil­der­ga­le­rie www.stim­me.de Von Uwe Gros­ser

Ei­ne gro­ße Er­leich­te­rung war ihm an­zu­mer­ken nach sei­nem An­tritts­kon­zert als Chef­di­ri­gent des Würt­tem­ber­gi­schen Kam­mer­or­ches­ters Heil­bronn (WKO) am 18. Sep­tem­ber 2002. Da­mals hat­te Ru­ben Ga­za­ri­an ei­ne or­dent­li­che Por­ti­on Frack­sau­sen, wie er selbst ein­räum­te. Doch es lief her­vor­ra­gend. Die Un­si­cher­heit ist in den ver­gan­ge­nen 16 Jah­ren ei­ner gro­ßen Sou­ve­rä­ni­tät ge­wi­chen, mit der Ga­za­ri­an sein Orches­ter durch die mu­si­ka­li­sche Welt­li­te­ra­tur, aber auch Un­be­kann­tes, Ab­sei­ti­ges ge­führt hat.

Ful­mi­nant Nun al­so der Ab­schied. Von Er­leich­te­rung kann nach sei­nem letz­ten Kon­zert als Chef­di­ri­gent am Mitt­woch­abend in der Har­mo­nie kei­ne Re­de mehr sein: Es ist Rüh­rung, die den Ma­e­s­tro be­wegt, an­ge­sichts der Ova­tio­nen im Ste­hen, die ihm von sei­nem Heil­bron­ner Pu­bli­kum mi­nu­ten­lang ent­ge­gen­ge­bracht wer­den.

Ein Ab­schied, der auch noch ein­mal die Klas­se der Mu­si­ker be­legt, die ih­rem Chef ein ful­mi­nan­tes Fi­na­le ei­ner künst­le­risch hoch­klas­si­gen 16-jäh­ri­gen Zu­sam­men­ar­beit be­sche­ren. War es da­mals Bé­la Bar­tóks Di­ver­ti­men­to für Streich­or­ches­ter, mit dem er das Pu­bli­kum be­geis­ter­te und zugleich für das WKO die Tür auf­stieß in Rich­tung klas­si­sche Mo­der­ne, so ist es dies­mal ei­ner der Klas­si­ker schlecht­hin, mit dem er Adieu sagt, und den er auch gern als sei­nen Lieb­ling be­zeich­net: Lud­wig van Beet­ho­ven.

Schon beim le­gen­dä­ren Heil­bron­ner Beet­ho­ven-Fes­ti­val im Ju­ni 2010, bei dem das WKO al­le neun Sin­fo­ni­en bot, wur­de deut­lich, dass Ga­za­ri­an für den in Bonn ge­bo­re­nen Kom­po­nis­ten ein ganz be­son­de­res Stil­emp­fin­den hat. Die­se Lei­den­schaft für Beet­ho­vens Kom­po­si­tio­nen hat sich bei Ga­za­ri­an seit­her noch ver­tieft. Noch in­ten­si­ver scheint er die Ge­heim­nis­se die­ser Klang­wel­ten aus­lo­ten zu wol­len.

Das zeigt sein Ab­schieds­di­ri­gat, das sich vom eins­ti­gen Sturm und Drang in künst­le­ri­sche In­ten­si­tät ge­wan­delt hat: hoch kon­zen­triert, je­dem Ton hin­ter­her­lau­schend, ein fein­sin­ni­ger Mo­ti­va­tor für die Mu­si­ker. Mit der in Russ­land ge­bo­re­nen Li­lya Zil­ber­stein als So­lis­tin beim Kla­vier­kon­zert Nr. 3 schließt sich für Ga­za­ri­an ein künst­le­ri­scher Kreis. Sie war auch bei sei­nem Pro­be­diri­gat im No­vem­ber 2001 da­bei, das ihn auf den Pos­ten des Chef­di­ri­gen­ten des WKO ka­ta­pul­tier­te.

Mit be­ste­chen­der Tech­nik wuch­tet sie Ak­kor­de und per­len­de Läu­fe aus der Kla­via­tur, vom ho­mo­ge­nen Klang des WKO ge­tra­gen. Ih­re In­ter­pre­ta­ti­on, auf die Ga­za­ri­an sich per­fekt ein­stellt, deckt sich aber nicht un­be­dingt haar­ge­nau mit des­sen Beet­ho­ven-Ver­ständ­nis, was be­son­ders in den ly­ri­schen, zart ge­tupf­ten Pas­sa­gen deut­lich wird.

Die mu­si­ka­li­sche Poe­sie ist ei­ne an­de­re, was schnell hör­bar wird in Beet­ho­vens Gro­ßer Fu­ge für Streich­or­ches­ter B-Dur. Das ist rei­ner Ga­za­ri­an-Beet­ho­ven: Die tech­ni­sche Prä­zi­si­on als Gr und­la­ge ver­ste­hend – das WKO prä­sen­tiert sich hier wie­der meis­ter­lich –, be­gibt Ga­za­ri­an sich auf die Su­che nach der See­le des Stücks, das für sei­ne Zeit pu­re Avant­gar­de war. Von gro­ßer Klar­heit und Durch­hör­bar­keit ist der Orches­ter­klang, wo­bei vor al­lem das Fei­ne, das Zar­te Mo­men­te von gro­ßer Emo­tio­na­li­tät be­schert – und der Chef am Pult ver­sinkt kom­plett in der Mu­sik. Ein in­ni­ges Di­ri­gat vol­ler Er­grif­fen­heit.

Re­vo­lu­tio­nä­res Pa­thos Aber es geht noch fas­zi­nie­ren­der: Die Sin­fo­nie Nr. 3, „Eroica“, wird zum Herz­stück des Abends. Forsch ge­hen Di­ri­gent und Mu­si­ker zur Sa­che, das re­vo­lu­tio­nä­re Pa­thos der Kom­po­si­ti­on ist nicht nur hör­bar, son­dern bis ins Mark spür­bar. Die Mu­si­ker sit­zen buch­stäb­lich auf der Stuhl­kan­te und ent­fa­chen ei­nen Klang­zau­ber, bei dem der Ma­e­s­tro auf die all­zu gro­ße Ges­te ge­trost ver­zich­ten kann. Aus sei­nem Di­ri­gat spricht ein gro­ßes Ver­trau­en in die Mu­si­ker. Die­se „Eroica“, die die Ver­si­on vom Beet­ho­ven-Fes­ti­val in ih­rer In­ten­si­tät noch über­trifft, hat oh­ne Über­trei­bung Welt­klas­se­for­mat. Die 1550 Zu­hö­rer in der Har­mo­nie sind hin und weg, sprin­gen von ih­ren Sit­zen auf und wol­len nicht mehr auf­hö­ren zu ap­plau­die­ren.

Erst als der Vor­sit­zen­de des WKO-Stif­tungs­rats das Wort er­greift, um Ga­za­ri­an für sei­ne Ar­beit zu dan­ken, ebbt der Ap­plaus ab. Ralf Pe­ter Beit­ner nennt be­ein­dru­cken­de Zah­len und Fak­ten: 861 Kon­zer­te hat Ru­ben Ga­za­ri­an zu­sam­men mit dem WKO ge­ge­ben in 21 Län­dern auf drei Kon­ti­nen­ten vor ins­ge­samt über ei­ner hal­ben Mil­li­on Men­schen. 308 Kon­zer­te wa­ren es in Heil­bronn, da­von 164 in der Har­mo­nie. Au­ßer­dem hat er mit dem WKO 24 CDs ein­ge­spielt. Das Ab­schieds­ge­schenk der WKO-Stif­tung ist ein Ku­gelt­rom­pe­ten­baum für Ga­za­ri­ans Gar­ten, 16 Jah­re alt.

An Trä­nen nah Ver­gol­de­ter Takt­stock Das Ab­schieds­ge­schenk sei­ner Mu­si­ker ist ne­ben ei­nem ver­gol­de­ten Takt­stock der Song „Ti­me To Say Good­bye“von Sa­rah Bright­man und Andrea Bo­cel­li, den WKO-Cel­list Ge­org Oy­en ex­zel­lent für das Orches­ter ar­ran­giert hat. Der viel­leicht emo­tio­nals­te Mo­ment des Abends, und nicht nur Ru­ben Ga­za­ri­an ist den Trä­nen na­he. Orches­ter­spre­che­rin Kon­stan­ze Fel­ber-Faur gibt ih­rem schei­den­den Chef mit auf den Weg: „Mu­sik trös­tet, Mu­sik be­rührt, sie macht nach­denk­lich, ver­leiht auch Flü­gel: Mu­sik ist Le­ben.“

Fo­tos: Ma­rio Ber­ger

Nach dem gro­ßen Fi­na­le schen­ken die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker des WKO ih­rem schei­den­den Chef­di­ri­gent Ru­ben Ga­za­ri­an ei­nen gol­de­nen Takt­stock.

Die rus­si­sche Kla­vier­vir­tuo­sin Li­lya Zil­ber­stein reißt das Pu­bli­kum mit ih­rem fu­rio­sen Spiel förm­lich mit.

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