„Hier hat kei­ner in Wod­ka ge­ba­det“

Erik Stof­fels­haus ist Meis­ter mit Lo­ko­mo­ti­ve Mos­kau und hofft auf ein rus­si­sches WM-Som­mer­mär­chen

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Hohenloher Zeitung Ausgabe Künzelsau - - FUSSBALL-WM 2018 - Von Ben­ja­min Kraus

Sa­lah ist wohl fit

Auf der im Cham­pi­ons­Le­ague-Fi­na­le lä­dier­ten lin­ken Schul­ter von Mo­ha­med Sa­lah las­ten die Hoff­nun­gen der ägyp­ti­schen Fuß­ball-Na­ti­on. Wird der Stür­mer­star des FC Li­ver­pool recht­zei­tig zum ers­ten WM-Auf­tritt der Nord­afri­ka­ner seit 28 Jah­ren fit? Es herrscht Ge­heim­hal­tung. Die Ent­schei­dung über ei­nen Ein­satz des Na­tio­nal­hel­den wird erst we­ni­ge St­un­den vor dem Auf­takt Ägyp­tens in Grup­pe A ge­gen Uru­gu­ay am heu­ti­gen Frei­tag (14 Uhr/ARD) ge­fällt. Ägyp­tens Na­tio­nal­trai­ner Héc­tor Cúper sag­te al­ler­dings: „Ich bin zu­ver­sicht­lich, dass er auf dem Feld ste­hen wird.“

Ma­rok­ko will jetzt ju­beln

Nach der schmerz­haf­ten Wahl-Schlap­pe im Ren­nen um die Welt­meis­ter­schaft 2026 wol­len Ma­rok­kos Ki­cker um Ab­wehr­star Medhi Be­na­tia ih­re 35 Mil­lio­nen Lands­leu­te we­nigs­tens mit dem ers­ten Welt­meis­ter­schafts-Sieg seit 20 Jah­ren be­glü­cken. „Wenn wir bei der WM schon nach der Vor­run­de aus­schei­den, wä­re das ei­ne rie­si­ge Ent­täu­schung“, sag­te Trai­ner Her­vé Renard vor dem Auf­takt­spiel ge­gen den Iran heu­te (17 Uhr/ ARD) in St. Pe­ters­burg.

Blat­ter fliegt zur WM

Der frü­he­re Fifa-Prä­si­dent Jo­seph Blat­ter wird der Ein­la­dung von Kreml­chef Wla­di­mir Pu­tin zur WM in der zwei­ten Tur­nier-Wo­che fol­gen. Es sei vor­ge­se­hen, dass der 82 Jah­re al­te Schwei­zer am Di­ens­tag nach Mos­kau flie­ge, teil­te ein Spre­cher Blat­ters ges­tern mit. Noch ist of­fen, wel­ches Spiel der ehe­ma­li­ge Chef des Welt­ver­ban­des be­su­chen wird.

Er ist Ex­per­te für rus­si­schen Fuß­ball, rus­si­scher Meis­ter und hat ei­ne un­ge­wöhn­li­che Kar­rie­re ge­macht: Erik Stof­fels­haus, Sport­di­rek­tor von Lo­ko­mo­ti­ve Mos­kau, spricht im In­ter­view über sei­ne Be­zie­hung zu Schal­ke 04, Meis­ter­fei­ern in Russ­land und die Scou­ting-Platt­form WM.

Herr Stof­fels­haus, ha­ben Sie vor ein paar Jah­ren da­mit ge­rech­net, sich rus­si­scher Meis­ter nen­nen zu dür­fen? Erik Stof fels­haus: Ganz klar: nein, da hat nichts dar­auf hin­ge­deu­tet. Aber es zeigt ein­mal mehr, dass der Fuß­ball ver­rückt sein kann und die in­ter­es­san­tes­ten Ge­schich­ten schreibt. So hat es mich als ech­ten Schal­ker Jun­gen, der lan­ge Jah­re für Kö­nigs­blau tä­tig war, über Ka­na­da nach Russ­land ver­schla­gen.

Wie kam es da­zu?

Stof­fels­haus: Als Fe­lix Ma­gath 2009 auf Schal­ke kam, wur­de die sport­li­che Lei­tung ja mehr oder we­ni­ger aus­ge­tauscht. Das mei­ne ich frei von Vor­wür­fen, das Ge­schäft ist eben so. Zum Glück war ich als ge­lern­ter In­dus­trie­kauf­mann und Di­plom-Sport­leh­rer breit auf­ge­stellt. Man­gels An­ge­bo­ten aus Deutsch­land ha­be ich mei­nen Traum vom Aus­land ver­folgt: dort bot Ka­na­da die bes­te Per­spek­ti­ve.

Und dann?

Stof­fels­haus: Rief ei­nes Tages der Prä­si­dent von Lo­ko­mo­ti­ve Mos­kau an. Der hat­te frü­her für Ze­nit St. Pe­ters­burg ge­ar­bei­tet. Über den ge­mein­sa­men Spon­sor gab und gibt es Ver­bin­dun­gen zum FC Schal­ke 04. Er ist kein An­hän­ger des eng­li­schen Mo­dells, in dem der Trai­ner al­le Be­fug­nis­se hat. Son­dern er woll­te da­ne­ben ei­nen star­ken Sport­di­rek­tor, der Re­geln vor­gibt, Spie­ler­trans­fers ab­wi­ckelt, die Club­phi­lo­so­phie im­ple­men­tiert – und er woll­te un­be­dingt ei­nen Deut­schen, weil die Bun­des­li­ga in Russ­land ei­nen gu­ten Ruf ge­nießt.

Und Sie ha­ben zu­ge­sagt. Stof­fels­haus: Ich hat­te zu­vor kei­ner­lei Af­fi­ni­tät zu Russ­land, war glau­be ich der ein­zi­ge Schal­ker, der zu­vor nie über Gaz­prom in St. Pe­ters­burg war. Aber ich war schnell be­geis­tert, weil ich die enor­men Per­spek­ti­ven bei Lok, da­mals im tie­fen Mit­tel­feld der Li­ga, er­kannt ha­be: Mit der schö­nen gro­ßen Are­na, dem klei­nen Sta­di­on in der ei­ge­nen Aka­de­mie und als Tra­di­ti­ons­club in ei­ner Me­tro­po­le. Die staat­li­che Ei­sen­bahn­ge­sell­schaft als Haupt­spon­sor gab vor: Ihr müsst nicht Meis­ter wer­den, aber ihr sollt in­ter­na­tio­nal spie­len – am­bi­tio­nier­te, aber kei­ne un­rea­lis­ti­schen Zie­le.

Und Ih­re Fa­mi­lie?

Stof­fels­haus: Ist zum Glück sehr fuß­ball­af­fin und hat mich ein­mal mehr un­ter­stützt. Ich bin mei­ner Frau sehr dank­bar, dass sie in Mos­kau den All­tag re­gelt und un­se­ren Sohn in den Kin­der­gar­ten bringt – was ein Rie­sen­auf­wand sein kann an­ge­sichts des Ver­kehrs und der Ent­fer­nun­gen. Ich kann je­dem, der zur WM kommt nur ra­ten: Nutzt die Me­tro, fahrt auf kei­nen Fall Au­to. Wie schwer fiel der Ein­stieg bei Lok? Stof­fels­haus: Ich kann kein Rus­sisch – und kom­me bis heu­te aus Zeit­grün­den lei­der nicht über die All­tags­flos­keln hin­aus: Ich kon­zen­trie­re mich auf mei­nen Job, der mich meist zwölf bis 14 St­un­den am Tag be­an­sprucht. Es liegt aber noch viel mehr dar­an, dass die Leu­te um mich her­um al­le Eng­lisch spre­chen.

Wenn man Ih­ren Ka­der be­trach­tet, sieht man rus­si­sche Ta­len­te und alt­be­kann­te Bun­des­li­ga-Re­cken um den Ex-Schal­ker Jef­fer­son Far­fan. Ist das Er­folgs­re­zept so ein­fach? Stof­fels­haus: Das ist ver­kürzt, wo­bei es si­cher gut war, dass Ve­dran Cor­lu­ka und Ne­man­ja Pe­ci­no­vic als ver­läss­li­che In­nen­ver tei­di­ger da wa­ren. Mein ers­ter Trans­fer war tat­säch­lich Far­fan. Ich wuss­te, dass Jeff nach sei­nem En­ga­ge­ment in Abu Dha­bi ab­lö­se­frei zu ha­ben ist – und ab­lie­fern woll­te, da­mit er für die Na­tio­nal­elf Pe­rus noch auf den WMZug auf­sprin­gen kann.

Nun ha­ben Sie den Ti­tel ge­holt. Wie läuft ei­ne rus­si­sche Meis­ter­fei­er? Stof­fels­haus: Da ich noch nie zu­vor Meis­ter ge­wor­den bin, fällt es mir schwer zu ver­glei­chen. Fakt ist, dass hier kei­ner in Wod­ka ge­ba­det hat, auch die Cham­pa­gner- und Bier­du­schen in der Ka­bi­ne lie­fen ei­gent­lich so ab, wie man sie sich bei ei­ner Meis­ter­fei­er vor­stellt.

Die Eu­ro­pa­po­kal-Ver­tre­ter ha­ben die­ses Jahr bes­ser ab­ge­schnit­ten als die deut­schen Teams. Wie hoch ist das Ni­veau der rus­si­schen Li­ga? Stof­fels­haus: Das stimmt, auch wir stan­den ja im Ach­tel­fi­na­le der Eu­ro­pa Le­ague, wo dann At­le­ti­co Ma­drid ei­ne Num­mer zu groß für uns war. Die ers­ten fünf, sechs der Li­ga – ne­ben uns und den Ge­nann­ten noch ZSKA und Krasnodar –, ha­ben schon in­ter­na­tio­na­les For­mat, die Du­el­le zwi­schen die­sen Clubs ma­chen auch rich­tig Spaß. So ab Platz acht wird es aber dünn: Da spielt man ge­gen Teams, die den Mann­schafts­bus vor dem ei­ge­nen Tor par­ken und auf das Bes­te hof­fen.

Er­klärt sich so auch die für ei­nen Meis­ter nied­ri­ge Tor­quo­te von nur 41 Tref­fern in 30 Spie­len? Stof­fels­haus: Ja, man muss ge­dul­dig blei­ben, das Match­glück er­zwin­gen ge­gen die­se Zer­stö­rer-Teams bei in Eu­ro­pa teils un­denk­ba­ren Be­din­gun­gen, ge­ra­de aus­wärts.

Neh­men Sie uns mit auf die Rei­se. Stof­fels­haus: Ener­gi­ja Cha­ba­rowsk. Acht Flug­stun­den in den fer­nen Os­ten bis im Prin­zip hin­ter Chi­na. Ein Spiel bei mi­nus 15 Grad vor 1500 Zu­schau­ern auf ei­nem Kun­st­ra­sen, der nur im mitt­le­ren Drit­tel aus­ge­bes­sert und hö­her war als der Rest, so dass die Par­tie auf drei ver­schie­de­nen Ebe­nen statt­fand. Ich dach­te, hier kann man doch kein Fuß­ball spie­len. Konn­te man, wir ha­ben in der Nach­spiel­zeit 2:1 durch Jeffs Elf­me­ter­tor ge­won­nen. Oder Ural Je­ka­te­r­in­burg, das ers­te Aus­wärts­spiel nach dem Win­ter. Da war ein­fach gar kein Ra­sen mehr auf dem Platz. Ein Lehm­bo­den, der erst ge­fro­ren und spä­ter durch die Son­ne auf­ge­weicht war. Nach west­li­chen Maß­stä­ben to­tal ir­re­gu­lär. Zum Glück gab es ein 2:0 für uns.

„Man­gels An­ge­bo­ten aus Deutsch­land ha­be ich mei­nen Traum vom Aus­land ver­folgt.“

In Russ­land steht Fuß­ball stets un­ter dem Ein­fluss von Staats­be­trie­ben und Olig­ar­chen, ei­ne Fankultur ist kaum ge­wach­sen. Bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2016 ha­ben Hoo­li­gans Schlag­zei­len ge­macht.

Stof­fels­haus: Fakt ist: RW Es­sen in der 4. Li­ga hat ei­nen hö­he­ren Zu­schau­er­schnitt als manch rus­si­scher Erst­li­gist, das ist aus­bau­fä­hig. Und ei­ni­ge Clubs ha­ben – wie es auch in Deutsch­land und Eu­ro­pa der Fall ist – ein Pro­blem mit Tei­len ih­rer An­hän­ger. Bei Lo­ko­mo­ti­ve ste­hen wir für In­ter­na­tio­na­li­tät und hat­ten in der ab­ge­lau­fe­nen Sai­son zum Glück kei­ne nen­nens­wer­ten Pro­ble­me. Die Si­cher­heits­kräf­te ha­ben üb­ri­gens zu­letzt die Zü­gel merk­lich an­ge­zo­gen: Dem rus­si­schen Staat ist viel dar­an ge­le­gen, dass die WM pro­blem­los über die Büh­ne geht.

Den Rus­sen trau­en vie­le – an­ge­sichts der mach­ba­ren Grup­pe – den Ein­zug ins Ach­tel­fi­na­le zu. Sie auch? Stof­fels­haus: Der Druck ist groß, der WM-Auf­takt des Teams war aber über­zeu­gend. Kom­men die Rus­sen wei­ter, hal­te ich es für mög­lich, dass hier der Fun­ke über­springt und ei­ne Eu­pho­rie wie in Deutsch­land 2006 ent­steht – was gut wä­re für das ge­sam­te Tur­nier.

Fo­to: NOZ

Erik Stof­fels­haus weiß um den Druck, den die rus­si­sche Na­tio­nal­mann­schaft bei der Heim-WM hat. Als Sport­di­rek­tor von Lok Mos­kau kennt er die Li­ga bes­tens.

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