Trump kas­siert schal­len­de Ohr­fei­gen für US-Ab­zug aus Sy­ri­en

Selbst kon­ser­va­ti­ve Par­tei­freun­den kri­ti­sie­ren Ver­rat an den kur­di­schen Ver­bün­de­ten

Heuberger Bote - - NACHRICHTE­N & HINTERGRUN­D - Von Frank Herr­mann

- Mitch McCon­nell ist nicht da­für be­kannt, dass er schnell auf Dis­tanz zu Do­nald Trump geht. Im Ge­gen­teil, der Par­la­ments­ve­te­ran aus Ken­tu­cky legt ei­ne sol­che Loya­li­tät an den Tag, dass ihn Zeit­ge­nos­sen mit spit­zer Zun­ge schon mal als Tür­ste­her an den Pfor­ten des Trump’schen Pa­lasts ver­spot­ten. Eben erst hat er per Vi­deo ver­si­chert, un­ter sei­ner Füh­rung wer­de ei­ne Se­nats­mehr­heit die Amts­ent­he­bung des Prä­si­den­ten auf al­le Fäl­le blo­ckie­ren. Um­so be­mer­kens­wer­ter ist, mit wel­cher Ver­ve der füh­ren­de Re­pu­bli­ka­ner im Se­nat Trumps jüngs­te Wei­chen­stel­lung in Sy­ri­en kri­ti­siert.

Die dort ver­blie­be­nen US-Trup­pen über­stürzt ab­zu­zie­hen, er­klär­te McCon­nell, wür­de al­lein Russ­land, dem Iran und dem Re­gime Ba­schar al-As­sads nüt­zen. Zu­dem er­hö­he ein sol­cher Schritt das Ri­si­ko, dass sich die Mi­li­zen des „Is­la­mi­schen Staats“und an­de­re Ter­ror­grup­pen neu for­mier­ten. Es folg­te ein Satz, der weit hin­aus­geht über den kon­kre­ten An­lass: „Ame­ri­ka­ni­schen In­ter­es­sen ist am bes­ten durch Füh­rungs­stär­ke ge­dient, nicht durch Zu­rück­wei­chen“.

Ei­ne Grund­satz­fra­ge

Der Streit ist nicht neu. Er dreht sich nicht nur um Sy­ri­en, son­dern auch um die wich­ti­ge Grund­satz­fra­ge, wel­che Rol­le die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in der Welt spie­len sol­len. Schon als Trump fürs Wei­ße Haus kan­di­dier­te und ihm das kon­ser­va­ti­ve Esta­blish­ment den Weg zu ver­sper­ren ver­such­te, rie­ben sich die maß­geb­li­chen Au­ßen­po­li­ti­ker der Par­tei an ei­nem Un­be­re­chen­ba­ren, der sich den Rück­zug aus Kon­flikt­ge­bie­ten auf die Fah­nen schrieb. Und der die nach 1945 ge­bil­de­ten Al­li­an­zen in­fra­ge stell­te, sei es die Nato, sei es das Bünd­nis mit Ja­pan und Süd­ko­rea. Dies­mal aber stel­len sich pro­mi­nen­te Kon­ser­va­ti­ve mit ei­ner ver­ba­len Schär­fe ge­gen Trump, wie man sie nicht mehr er­lebt hat, seit der Mann im Oval Of­fice re­giert.

Der Se­na­tor Mar­co Ru­bio, welt­po­li­tisch ein Fal­ke, spricht von ei­nem schwe­ren Feh­ler, der Fol­gen weit über Sy­ri­en hin­aus ha­ben wer­de. Lind­sey Gra­ham, gleich­falls ein Hard­li­ner, aber eben auch ei­ner der engs­ten Ver­trau­ten Trumps im Kon­gress, nann­te die Ent­schei­dung „kurz­sich­tig und un­ver­ant­wort­lich“. „Das ist die größ­te Lü­ge die­ser Ad­mi­nis­tra­ti­on, dass der IS ge­schla­gen ist. Das Ka­li­fat wur­de zer­stört, aber Tau­sen­de Kämp­fer sind ge­blie­ben.“

Mitt Rom­ney, einst ge­schei­ter­ter Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat, ging so­gar so weit, den Schul­ter­schluss mit ei­nem De­mo­kra­ten zu pro­ben, mit Chris Mur­phy, sei­nem Se­nats­kol­le­gen aus Con­nec­ti­cut. Trump übe Ver­rat an den kur­di­schen Ver­bün­de­ten, in­dem er sie an­ge­sichts ei­nes dro­hen­den tür­ki­schen An­griffs im Stich las­se, schrie­ben bei­de in ei­nem State­ment. Nach­dem man sich der Hil­fe der Kur­den be­dient ha­be, um den IS zu ver­nich­ten, öff­ne­ten die USA nun­mehr die Tür zu de­ren Ver­nich­tung. Dies wer­de ih­re Glaub­wür­dig­keit als ver­läss­li­che Part­ne­rin ernst­lich un­ter­gra­ben, warn­te das Duo, oh­ne es auf den Na­hen Os­ten zu be­schrän­ken.

Sel­te­ner Brü­cken­schlag

Schon jetzt lässt sich ab­se­hen, dass die Se­nats­kam­mer dem Prä­si­den­ten ei­ne schal­len­de Ohr­fei­ge ver­passt, ähn­lich wie im Ja­nu­ar. Da­mals, nach Trumps jä­hem Ent­schluss, sämt­li­che US-Sol­da­ten aus dem Nord­os­ten Sy­ri­ens nach Hau­se zu be­or­dern, hat­te sie ei­nen kom­plet­ten Ab­zug so­wohl aus Sy­ri­en als auch aus Af­gha­nis­tan mit kla­rer Mehr­heit (68 zu 23) ab­ge­lehnt.

Es war ei­ner die­ser par­tei­über­grei­fen­den Brü­cken­schlä­ge, wie man sie in Wa­shing­ton nur noch sel­ten er­lebt. Un­ter dem Druck des Par­la­ments wie auf Zu­re­den sei­nes mitt­ler­wei­le ge­schass­ten Si­cher­heits­be­ra­ters John Bol­ton mach­te der Prä­si­dent ei­nen Rück­zie­her, wenn auch nur ei­nen hal­ben. Er re­du­zier­te das US-Kon­tin­gent von 2000 auf 1000 Mann, von de­nen ei­ni­ge Hun­dert in vor­ge­scho­be­ner Po­si­ti­on auf der sy­ri­schen Sei­te der Gren­ze zur Tür­kei sta­tio­niert wur­den, um An­ka­ra von ei­ner In­va­si­on ab­zu­schre­cken.

Ei­ne Kor­rek­tur auf Ra­ten – das Sze­na­rio könn­te sich wie­der­ho­len. Dass der Wi­der­stand in den ei­ge­nen Rei­hen nicht oh­ne Wir­kung bleibt, ließ Trump be­reits er­ken­nen, als er An­ka­ra mit Kon­se­quen­zen droh­te, nach­dem er kurz zu­vor noch grü­nes Licht für ei­nen tür­ki­schen Ein­marsch si­gna­li­siert hat­te.

FO­TO: AFP

Der US-Prä­si­dent be­kommt hef­ti­gen Ge­gen­wind für sei­ne Ent­schei­dung.

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