Es braucht har­te Stra­fen

Heuberger Bote - - SPORT - Von Thors­ten Kern

Im Sta­de de Fran­ce stand ein Bun­des­li­ga-Spie­ler im Mit­tel­punkt. Weil Ka­an Ay­han von Fortu­na Düs­sel­dorf in der 81. Mi­nu­te der Aus­gleich ge­lang, ha­ben die Tür­ken bes­te Chan­cen auf die EM-Teil­nah­me. Nach sei­nem Tor stell­ten sich vie­le Na­tio­nal­spie­ler wie schon beim 1:0 ge­gen Al­ba­ni­en auf und sa­lu­tier­ten. Ay­han selbst wie­der­hol­te die Ges­te (wie sein Club­kol­le­ge Ken­an Ka­ra­man) nicht – und ge­riet des­halb mit Me­rih De­mi­ral von Ju­ven­tus Tu­rin auf dem Feld in ei­nen Dis­put.

Die Düs­sel­dor­fer wol­len die Vor­fäl­le mit ih­ren Spie­lern nach de­ren Rück­kehr auf­ar­bei­ten. Nach­dem sich die zwei Pro­fis in der ers­ten Qua­li-Par­tie am Frei­tag sa­lu­tie­rend ein­ge­reiht hat­ten, ver­zich­te­ten sie auf ei­ne Wie­der­ho­lung – an­ders als der frü­he­re HSVund ak­tu­el­le Mi­lan-Pro­fi Ha­kan Cal­ha­nog­lu oder der Ex-Stutt­gar­ter Oz­an Ka­bak vom FC Schal­ke. „Sie ha­ben es wie­der ge­tan, aber in Pa­ris und ins Ge­sicht Eu­ro­pas ist das – nach al­lem, was ge­sche­hen ist – schlim­mer als ei­ne Kriegs­er­klä­rung“, schrieb die ita­lie­ni­sche Zei­tung „La Stam­pa“.

In der Cau­sa wa­ren auch die deut­schen Na­tio­nal­spie­ler Il­kay Gün­do­gan und Em­re Can in den Fo­kus ge­rückt, weil sie Ins­ta­gram-Ein­trä­ge ge­likt hat­ten, in de­nen tür­ki­sche Spie­ler den Mi­li­tärgruß zeig­ten. Bei­de zo­gen die „Li­kes“zu­rück. Der Baye­ri­sche Fuß­ball­Ver­band teil­te der­weil mit, Ama­teur­ki­cker, die den Mi­li­tärgruß nachahmen, vors Sport­ge­richt zu zi­tie­ren. Im Würt­tem­ber­gi­schen Fuß­ball-Ver­band (WFV) gab es of­fen­bar be­reits zwei Vor­fäl­le, der WFV er­mit­telt, teil­te aber nicht mit, ge­gen wen.

Die UE­FA hat­te schon vor dem Spiel in Frank­reich er­klärt, ein Ver­fah­ren ge­gen den tür­ki­schen Ver­band ein­zu­lei­ten. Das Re­gel­werk des eu­ro­päi­schen Ver­bands ver­bie­tet po­li­ti­sche Äu­ße­run­gen in Sta­di­en. Die zu­stän­di­ge Kon­troll-, Ethik- und Dis­zi­pli­nar­kam­mer tagt am Don­ners­tag. Mög­lich sind Geld­stra­fen, Platz­sper­ren oder so­gar Punkt­ab­zü­ge.

Kri­ti­kern geht das nicht weit ge­nug. Ita­li­ens Sport­mi­nis­ter Vin­cen­zo Spa­d­a­fo­ra will die Tür­kei und de­ren Prä­si­den­ten Er­do­gan für die in­ter­na­tio­nal hef­tig kri­ti­sier­te Mi­li­tär­of­fen­si­ve in Nord­sy­ri­en auch sport­po­li­tisch be­stra­fen

Die Sze­nen in So­fia wa­ren ekel­haft. Jun­ge Män­ner, die un­ge­hemmt und un­ge­hin­dert den Hit­ler­gruß zeig­ten und die dun­kel­häu­ti­gen eng­li­schen Spie­ler be­lei­dig­ten. Das war ganz si­cher ei­ner der bit­ters­ten Aben­de der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit im eu­ro­päi­schen Fuß­ball. Lei­der ist er kein Ein­zel­fall. Nicht nur bei den Bul­ga­ren, die Wie­der­ho­lungs­tä­ter sind, auch in Ita­li­en und an­de­ren gro­ßen eu­ro­päi­schen Li­gen gibt und gab es in der Ver­gan­gen­heit häss­li­che Sze­nen. und Is­tan­bul das nächs­te Cham­pi­ons-Le­ague-Fi­na­le im Mai 2020 ent­zie­hen. Das schrieb er in ei­nem Brief an Ce­fe­rin.

Ras­sis­mus-Eklat in So­fia

In So­fia bra­chen der­weil al­le Däm­me. Schon vor der Pau­se zeig­ten bul­ga­ri­sche Fans auf den Tri­bü­nen den Hit­ler­gruß und brüll­ten Af­fen­lau­te in Rich­tung der Spie­ler, der Schieds­rich­ter un­ter­brach die Par­tie zwei­mal. Greg Clar­ke, Chef des eng­li­schen Ver­ban­des, nann­te das Ge­sche­hen „ei­ne der schreck­lichs­ten Näch­te, die ich je im Fuß­ball ge­se­hen ha­be“.

Die UE­FA an vor­ders­ter Stel­le muss end­lich mal hart durch­grei­fen. Nicht mit Geis­ter­spie­len und Geld­stra­fen in Hö­he von 50 000 Eu­ro. Das ist viel zu mil­de. Wer sei­ne Pro­ble­me nicht in den Griff be­kommt, und sie wie Bul­ga­ri­ens Trai­ner Kras­si­mir Ba­la­kov teils so­gar noch klein­re­det, der muss här­ter be­straft wer­den. Et­wa mit ei­ner Dis­qua­li­fi­ka­ti­on im lau­fen­den Wett­be­werb. Viel­leicht setzt dann ein Um­den­ken ein.

Ce­fe­rin sag­te, „Fuß­ball­ver­bän­de al­lein könn­ten das Ras­sis­mus­pro­blem nicht lö­sen. Auch Re­gie­run­gen müs­sen in die­sem Be­reich mehr tun.“

Die Be­lei­di­gun­gen wa­ren „klar auf dem Platz zu hö­ren, aber wir zeig­ten ei­ne groß­ar­ti­ge Re­ak­ti­on und ein gro­ßes Mit­ein­an­der und ha­ben den Fuß­ball spre­chen las­sen“, sag­te Ty­ro­ne Mings. Ziel der Atta­cken war vor al­lem sein dun­kel­häu­ti­ger Team­kol­le­ge Ra­heem Ster­ling. Die Eng­län­der hat­ten vor dem Spiel an­ge­kün­digt, dass sie das Feld bei ras­sis­ti­schen Be­lei­di­gun­gen ver­las­sen wür­den. Sie mach­ten es nicht und wur­den von Trai­ner Ga­reth Sou­th­ga­te in Schutz ge­nom­men. „Es war für uns un­mög­lich, al­le zu­frie­den­zu­stel­len“, sag­te er. „Lei­der sind wir durch Er­fah­run­gen in un­se­rem Land ab­ge­här­tet ge­gen Ras­sis­mus.“

Wie­der­ho­lungs­tä­ter Bul­ga­ri­en dro­hen dra­ko­ni­sche Stra­fen, die UE­FA er­öff­ne­te ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren we­gen Ras­sis­mus und Van­da­lis­mus. Ver­bands­chef Bo­riss­law Mich­ailow trat auf Druck von Re­gie­rungs­chef Boi­ko Bo­ris­sow zu­rück. „Es ist un­zu­läs­sig, dass Bul­ga­ri­en, das ei­ner der to­le­ran­tes­ten Staa­ten der Welt ist, wo Men­schen un­ter­schied­li­cher Eth­ni­en und Re­li­gio­nen in Frie­den le­ben, mit Ras­sis­mus und Frem­den­hass ver­bun­den wird“, sag­te Bo­ris­sow.

Na­tio­nal­trai­ner Kras­si­mir Ba­la­kow sag­te, die Bri­ten hät­ten über­re­agiert. Der Ex-Pro­fi des VfB Stutt­gart hat­te schon vor An­pfiff ge­meint, die Eng­län­der hät­ten ein grö­ße­res Ras­sis­mus­Pro­blem als Bul­ga­ri­en. „Mmmmh … da bin ich mir nicht so si­cher, Chef“, twit­ter­te Ster­ling.

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