Müll für die Welt

Deutsch­land ex­por­tiert wei­ter gi­gan­ti­sche Men­gen Plas­tik nach Asi­en – und po­liert so die Re­cy­cling-Statistik auf

Heuberger Bote - - NACHRICHTE­N & HINTERGRUN­D - Von Si­mon Si­man

BER­LIN - Das deut­sche Re­cy­cling­s­ys­tem steht auf dem Prüf­stand. Wie­der mal. Im­mer noch wird weit­aus mehr Plas­tik ver­brannt als wie­der­ver­wer­tet. Meh­re­re Mil­lio­nen Ton­nen lan­den jähr­lich im Aus­land. Die­ser Müll zählt be­reits als re­cy­celt, ob­wohl nicht kon­trol­liert wer­den kann, wo er am En­de lan­det. Der Deut­sche Land­kreis­tag hat des­halb ein so­for­ti­ges Ex­port­ver­bot für Plas­tik­müll ge­for­dert. War­um we­ni­ger re­cy­celt wird als be­haup­tet – und was mit deut­schem Müll pas­siert. Die wich­tigs­ten Fra­gen und Antworten.

Wie viel wird re­cy­celt?

6,15 Mil­lio­nen Ton­nen: So viel Plas­tik ha­ben die Deut­schen laut Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um im Jahr 2017 weg­ge­wor­fen. Zwei Drit­tel da­von kom­men aus der In­dus­trie, ein Drit­tel aus den Haus­hal­ten. Die of­fi­zi­el­le Re­cy­cling­quo­te liegt bei 46 Pro­zent. Der Rest wur­de zur Ener­gie­ge­win­nung – bei­spiels­wei­se in Ze­ment­wer­ken – ver­brannt: Mit ho­hem Schad­stoff­aus­stoß und Ge­fah­ren für Mensch, Tier und Um­welt. Bis 2022 soll die Re­cy­cling­quo­te für Plas­tik laut Ver­pa­ckungs­ge­setz auf 63 Pro­zent ge­stei­gert wer­den. Da­bei wer­ten Ex­per­ten schon die ak­tu­el­le Re­cy­cling­quo­te von 46 Pro­zent als ir­re­füh­rend. Denn Plas­tik­müll gilt als wie­der­ver­wer­tet, so­bald er in ei­ner Re­cy­cling­an­la­ge lan­det. Dort wird al­ler­dings noch viel nicht wie­der­ver­wert­ba­res Plas­tik aus­sor­tiert und geht in die Ver­bren­nung – ob­wohl es schon als re­cy­celt gilt. Auch Müll­ex­por­te flie­ßen mit in die Re­cy­cling­quo­te ein. Egal, wie gut die Kunst­stoff­ab­fäl­le vor­sor­tiert wer­den.

War­um kann nicht je­de Art von Plas­tik re­cy­celt wer­den?

Sor­tier­an­la­gen kön­nen Ver­pa­ck­un­welt­mi­nis­te­ri­um gen nur grob von­ein­an­der tren­nen, sagt Nor­bert Völl, Pres­se­spre­cher der Mar­ke Grü­ner Punkt. Pro­ble­me be­rei­tet vor al­lem Misch­plas­tik, bei dem Her­stel­ler ver­schie­de­ne Kunst­stof­fe mit­ein­an­der ver­ar­bei­ten. So kann die Ver­schluss­fo­lie ei­ner Kä­se­pa­ckung aus zehn ver­schie­de­nen Kunst­stof­fen be­ste­hen, die nicht al­le wie­der­ver­wert­bar sind. Misch­plas­tik muss al­so zu­erst che­misch von­ein­an­der ge­trennt wer­den, be­vor am En­de Re­zy­klat zu­rück­bleibt, al­so das End­pro­dukt der Wie­der­ver­wer­tung. Nur aus Re­zy­klat kön­nen neue Kunst­stoff­pro­duk­te her­ge­stellt wer­den.

Wie viel Plas­tik wird wirk­lich wie­der­ver­wer­tet?

1,9 Mil­lio­nen Ton­nen Re­zy­klat sind laut Um2017 in Deutsch­land ent­stan­den. Im Ver­hält­nis zur Ge­samt­men­ge an Müll sind das rund 30 Pro­zent – deut­lich we­ni­ger als die 46 Pro­zent Re­cy­cling­quo­te. Ex­per­ten ge­hen von noch nied­ri­ge­ren Wer­ten aus. Der Re­cy­clin­g­an­teil in neu her­ge­stell­tem Plas­tik lag 2017 bei grob zwölf Pro­zent.

Wie viel Plas­tik­müll wird aus Deutsch­land ex­por­tiert?

Nach Zah­len des Um­welt­bun­des­am­tes (UBA) ex­por­tiert Deutsch­land pro Jahr mehr als ei­ne Mil­li­on Ton­nen Plas­tik­müll. Al­lein seit 2016 gin­gen mehr als drei­ein­halb Mil­lio­nen Ton­nen Plas­tik ins Aus­land.

Wo­hin ex­por­tiert Deutsch­land Plas­ti­k­ab­fäl­le?

auch Deutsch­land trug da­zu bei. „Et­wa 400 Dol­lar pro Ton­ne ha­ben die Chi­ne­sen da­mals für un­se­ren Müll be­zahlt. Dar­aus wur­den dann un­ter an­de­rem Fleece-Pul­lis oder gel­be Sä­cke her­ge­stellt, die wir wie­der­um aus Chi­na ge­kauft ha­ben“, sagt Völl.

Seit Chi­na sei­ne Gren­zen für Kunst­stoff­ab­fäl­le ge­schlos­sen hat, geht der deut­sche Müll über­wie­gend nach Ma­lay­sia, In­do­ne­si­en und In­di­en. Al­lein in die­se Län­der ex­por­tier­te Deutsch­land im ver­gan­ge­nen Jahr laut vor­läu­fi­ger Statistik des Um­welt­bun­des­am­tes mehr als 260 000 Ton­nen Müll – rund die Hälf­te da­von nach Ma­lay­sia. In­ner­halb der EU sind die Nie­der­lan­de mit 120 000 Ton­nen der größ­te Ab­neh­mer deut­schen Mülls.

Wer kon­trol­liert das Re­cy­cling?

Für die Über­wa­chung der Re­cy­cling­quo­ten ist die Zen­tra­le Stel­le Ver­pa­ckungs­re­gis­ter in Os­na­brück zu­stän­dig. Von der Vor­stands­vor­sit­zen­den Gun­da Ra­chut heißt es, dass Kunst­stof­fe nur an zer­ti­fi­zier­te An­la­gen ge­bracht wer­den, bei de­nen die Ver­ar­bei­tung re­gel­mä­ßig über­prüft wer­de. Au­ßer­halb der EU fän­den die­se Kon­trol­len je­doch de fac­to nicht statt.

Wel­che Re­geln gel­ten für Müll­ex­por­te?

Er­laubt ist der Müll­ex­port laut Um­welt­mi­nis­te­ri­um nur, wenn im Zi­el­land re­cy­celt wer­den soll. Den­noch lan­det deut­scher Müll auf De­po­ni­en, et­wa in Ma­lay­sia, wie Re­cher­chen der Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on Gre­en­peace zei­gen. „Wir ex­por­tie­ren in Län­der, von de­nen wir wis­sen, dass das Ent­sor­gungs­sys­tem dort nicht aus­ge­reift ist“, sagt Kay Ru­ge, Um­welt­de­zer­nent des Deut­schen Land­kreis­tags. Wie mit dem Müll dort um­ge­gan­gen wird, kön­ne nicht ge­sagt wer­den. In die­sem Jahr ei­nig­ten sich 187 Staa­ten dar­auf, den Ex­port schlecht re­cy­cel­ba­rer Ab­fäl­le aus der EU in Ent­wick­lungs­län­der ab 2021 kom­plett zu ver­bie­ten.

FOTO: DPA

Ein Ar­bei­ter in In­do­ne­si­en sor­tiert Plas­ti­k­ab­fäl­le – auch aus Deutsch­land.

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