Die Ma­schi­nen­flüs­te­rin

Con­ny Sim­ma bringt die „Hoh­ent­wiel“auf dem Bo­den­see in Fahrt – Sie ist die ers­te Frau in der nau­ti­schen Cr­ew des Schau­fel­rad­damp­fers

Heuberger Bote - - SPORT - Von Hil­de­gard Nag­ler

Es ist ei­ner die­ser traum­haft schö­nen Herbst­aben­de auf dem Bo­den­see. Die „Hoh­ent­wiel“, der letz­te Schau­fel­rad­damp­fer, 1913 für den würt­tem­ber­gi­schen Kö­nig ge­baut, fährt der un­ter­ge­hen­den Son­ne ent­ge­gen. Fein ge­klei­de­te Pas­sa­gie­re ste­hen an Deck, ge­nie­ßen das Na­tur­schau­spiel.

Zwei Decks wei­ter unten ge­nießt ei­ne jun­ge Frau ei­nen ganz an­de­ren An­blick: Con­ny Sim­ma, ers­te Frau in der nau­ti­schen Cr­ew seit 106 Jah­ren, schaut auf die mitt­ler­wei­le ein­zig­ar­ti­ge, von Escher Wyss & Cie Zü­rich und Ra­vens­burg vor mehr als 100 Jah­ren ge­bau­te Ori­gi­nal-Dampf­ma­schi­ne. Die blau­en Au­gen der 23-Jäh­ri­gen, die dem­nächst ih­re ers­te Sai­son auf der „Hoh­ent­wiel“als Ma­schi­nis­tin be­en­det, strah­len, als sie sagt: „Das ers­te Mal, als ich die­se Ma­schi­ne ge­se­hen ha­be, hat es mich to­tal um­ge­hau­en. Es war Lie­be auf den ers­ten Blick.“Als hät­te sie nie in ih­rem Le­ben et­was an­de­res ge­tan, hievt die 1,65 Me­ter gro­ße Frau mit dem brau­nen ge­lock­ten Haar, das sie zu ei­nem Pfer­de­schwanz zu­sam­men­ge­bun­den hat, ei­nen ex­trem gro­ßen 100er-Ga­bel­schlüs­sel aus sei­ner Hal­te­rung. Ein ele­gan­ter Sprung, Con­ny Sim­ma steht auf ei­ner Tritt­stu­fe an der Ma­schi­ne. Chef­ma­schi­nist Chris­ti­an Häm­mer­le reicht ihr das rund 20 Ki­lo­gramm schwe­re Werk­zeug, sie setzt es an ei­ner Schrau­be an, dreht be­herzt. „Ich bin glück­lich, hier mit und an die­ser Ma­schi­ne ar­bei­ten zu dür­fen“, sagt Con­ny Sim­ma. „Ich fin­de es fas­zi­nie­rend, was al­les oh­ne Strom und ganz me­cha­nisch mög­lich ist.“

Ein Satz wie „Ich ken­ne die Hoh­ent­wiel seit Kind­heits­ta­gen, bin im­mer ger­ne auf ihr ge­fah­ren und ha­be mir ge­wünscht, ei­nes Tages als ers­te Frau in der nau­ti­schen Be­sat­zung zu ar­bei­ten“wür­de jetzt pas­sen. Doch den gibt es nicht in Con­ny Sim­mas Re­per­toire. Sie wächst mit ei­nem Zwil­lings­bru­der und den bei­den jün­ge­ren Ge­schwis­tern in Al­ber­schwen­de, ei­nem Dorf im Bre­gen­zer­wald, auf ei­nem Bau­ern­hof auf. Packt, wo nö­tig, mit an. Ge­mein­sam mit ih­rem Zwil­lings­bru­der düst Con­ny Sim­ma gern auf ei­nem Kin­der­quad auf ei­ner Wie­se her­um, spä­ter mit dem al­ten Fi­at Pan­da „Fred“ih­rer Mut­ter. Bald dar­auf kau­fen sich die Zwil­lin­ge ei­ge­ne Cross­ma­schi­nen, zer­le­gen und re­pa­rie­ren sie auch. Und so ver­wun­dert es nie­man­den, als sich Con­ny für die vier­jäh­ri­ge Aus­bil­dung zur Ma­schi­nen­bau­und Au­to­ma­ti­sie­rung s tech­ni­ke­rin ent­schei­det und im An­schluss in ei­nem gro­ßen Un­ter­neh­men in der In­stand­hal­tung Ex­cen­ter und Hy­drau­lik-Pres­sund Stanz­ma­schi­nen war­tet.

Ge­se­hen hat sie die „Hoh­ent­wiel“mitt­ler­wei­le auf dem Bo­den­see, an Bord des ma­jes­tä­ti­schen Schau­fel­rad damp­fersw ar sie aber noch nie. Ei­nes Tages ent­deckt Con­ny Sim­ma in der Ta­ges­zei­tung ei­ne An­zei­ge „Nau­ti­sche(r) Mit­ar­bei­ter/Mit­ar­bei­te­rin ge­sucht“. „Da ich mich schon seit Kin­des­ta­gen für Dampf­ma­schi­nen und die Mecha­nik der frü­he­ren Zeit in­ter­es­sie­re, füh­le ich mich von Ih­rem Stel­len­an­ge­bot sehr an­ge­spro­chen“, schreibt sie in ih­rer Be­wer­bung an Ka­pi­tän Adolf F. Kon­statz­ky.

Die­ser ist zu­nächst ver­un­si­chert. Bis­her hat­te sich nur ei­ne Frau als Ma­tro­se be­wor­ben, dann aber auf­grund der un­ge­wöhn­li­chen Ar­beits­zei­ten – Hoch­sai­son ist im Som­mer, ge­ar­bei­tet wird auch am Wo­che­n­en­de bis spät in die Nacht – ab­ge­sagt. Die jun­ge Frau be­kommt ei­ne Ein­la­dung zum Vor­stel­lungs­ge­spräch. Zum ers­ten Mal in ih­rem Le­ben ist Con­ny Sim­ma auf der „Hoh­ent­wiel“. Staunt über die Schön­heit des ma­jes­tä­ti­schen Schif­fes, das 1962 aus­ge­mus­tert, nur durch das En­ga­ge­ment ei­ni­ger Vi­sio­nä­re des Ver­eins „In­ter­na­tio­na­les Bo­den­see-Schiff­fahrts­mu­se­um“vor dem Schneid­bren­ner ge­ret­tet wur­de. Nach dem zwei­ten Sta­pel­lauf am 17. Mai 1990 wird der Schau­fel­rad­damp­fer zum be­st­re­stau­rier­ten Schiff Eu­ro­pas ge­kürt.

Das Vor­stel­lungs­ge­spräch dau­ert lange. Als Cor­ne­lia Sim­ma in den Ma­schi­nen­raum ge­führt wird, ist es um sie ge­sche­hen. Mit gro­ßen Au­gen be­staunt sie die Dampf­ma­schi­ne. „Da ha­ben wir ge­spürt: Sie ge­hört zu uns“, er­klä­ren der Ka­pi­tän, sein Steu­er­mann Robert Köss­ler, Chef­ma­schi­nist Chris­ti­an Häm­mer­le und der zwei­te Ma­schi­nist Flo­ri­an Pausch uni­so­no. Con­ny Sim­ma be­kommt den Job. Der Ka­pi­tän sagt: „Wir woll­ten auch ein Zei­chen da­für set­zen, dass Frau­en sehr wohl in der Schiff­fahrt will­kom­men sind. Sie tun die­ser tes­to­ste­ron­ge­schwän­ger­ten Um­ge­bung gut.“

Seit 1. Ju­ni ist Con­ny Sim­ma auf der „Hoh­ent­wiel“, hat „sehr viel Neu­es“ge­lernt – und kei­ne Mi­nu­te be­reut. Drei St­un­den vor je­der Fahrt kommt sie aufs Schiff, be­rei­tet es mit ih­ren Kol­le­gen vor. So schlämmt sie et­wa aus­ge­fal­le­nen Kalk aus den Kes­seln, die bis zur Ab­fahrt un­ter 10 Bar Druck ste­hen – die Kes­sel ha­ben ei­ne Heiz­leis­tung von rund 10 000 PS. Mit Be­geis­te­rung klet­tert sie in die bei­den ro­ten Schau­fel­rä­der, die ei­nen Durch­mes­ser von rund vier Me­tern ha­ben, kon­trol­liert al­le Mut­tern und Schrau­ben. Dann, kurz vor Fahrt­be­ginn, heißt es: Uni­form an­le­gen wie schon zu Kö­nigs Zei­ten, als die Be­sat­zungs­mit­glie­der von der kai­ser­li­chen Ma­ri­ne re­kru­tiert wur­den. Mit ei­nem Un­ter­schied: Nie­mals wä­re sei­ner­zeit ei­ne Frau in der nau­ti­schen Cr­ew denk­bar ge­we­sen.

Ei­ne Frau? Ein paar Pas­sa­gie­re fra­gen, als sie Con­ny Sim­ma im Ma­schi­nen­raum ent­deckt ha­ben: Tut die sich da unten nicht weh? Dar­über kann die 23-Jäh­ri­ge, die ge­mein­sam mit ih­ren männ­li­chen Kol­le­gen auf en­gem Raum im Som­mer stun­den­lang bis zu 40 Grad Cel­si­us er­trägt, nur schmun­zeln. Chau­vi-Sprü­che las­sen sie kalt. Da­ge­gen freut sie sich, wenn Frau­en ihr den nach oben ge­streck­ten Dau­men zei­gen, ganz nach dem Mot­to: Klas­se, wei­ter so! Auch die Kol­le­gen sind voll des Lo­bes über das neue Cr­ew-Mit­glied. Chef­ma­schi­nist Häm­mer­le und Steu­er­mann Robert Köss­ler be­schei­ni­gen der jun­gen Frau ein „fast un­glaub­li­ches Ta­lent“, sie kön­ne sich her­vor­ra­gend in die Ma­schi­ne, die manch­mal „ein we­nig zi­ckig ist“, ein­füh­len. „Man muss halt mit ihr spre­chen“, sagt Cor­ne­lia Sim­ma tro­cken. „Na­tür­lich mit dem nö­ti­gen Re­spekt. Ist schließ­lich ei­ne wür­de­vol­le al­te Da­me.“

Be­reits zwei Mo­na­te, nach­dem sie als Ma­schi­nis­tin an­ge­fan­gen hat­te, durf­te Con­ny Sim­ma ihr ers­tes An­le­ge­ma­nö­ver fah­ren, sprich, vom Ma­schi­nen­raum aus das Schiff „ein­par­ken“. „Al­les hat su­per ge­klappt“, lobt Chef­ma­schi­nist Häm­mer­le, seit 1997 auf der „Hoh­ent­wiel“. Die Ma­schi­nis­tin sagt: „Kurz da­nach stand ich beim Ka­pi­tän auf der Kom­man­do­brü­cke. Hät­te ich ge­wusst, wie nah man an den Ha­fen kommt, be­vor das Kom­man­do für das Rück­wärts­fah­ren der Ma­schi­ne ge­ge­ben wird, das sie bremst, hät­te ich es nicht ge­macht.“

Die al­te „Hoh­ent­wiel“und die jun­ge Ma­schi­nis­tin – sie ver­ste­hen sich glän­zend. Des­halb macht es Con­ny Sim­ma auch nichts aus, wenn sie zum Sai­son­ab­schluss beim Put­zen des Schau­fel­rad­damp­fer-Ka­mins pech­schwarz wird – sie hat ih­ren Traum­job ge­fun­den. Und so freut sie sich aufs nächs­te Jahr, wenn 30 Jah­re zwei­te Jung­fern­fahrt „Hoh­ent­wiel“ge­fei­ert wird: Dann hat der Schau­fel­rad­damp­fer seit dem 17. Mai 1990 un­fall­frei und oh­ne tech­ni­sche Aus­fäl­le ins­ge­samt 302 058 Ki­lo­me­ter zu­rück­ge­legt und 713 370 Fahr­gäs­te über den Bo­den­see ge­schip­pert.

Wei­ter­hin wird Con­ny Sim­ma auf die Ma­schi­ne ach­ten, ihr ganz ge­nau zu­hö­ren, ganz für die al­te Da­me da sein. „Ich ha­be das Ge­fühl, dass die al­ten Ma­schi­nen we­sent­lich mehr Ver­ständ­nis und Lie­be be­nö­ti­gen, um zu funk­tio­nie­ren, als die neu­en“, sagt Con­ny Sim­ma. Und fügt im Brust­ton der Über­zeu­gung an: „Wenn die Hoh­ent­wiel gut ge­pflegt wird, wird sie

uns al­le über­le­ben.“

FOTOS: MICHAEL HÄF­NER/ELKAWE

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