Kein schlech­ter Film, son­dern bit­te­re Rea­li­tät

Ge­walt­es­ka­la­ti­on in Me­xi­ko – Re­gie­rung ka­pi­tu­liert vor dem Si­na­loa-Kar­tell

Heuberger Bote - - PANORAMA - Von Klaus Eh­ring feld

- Über Cu­li­acán liegt ge­spens­ti­sche Stil­le. Aus­ge­brann­te Mi­li­tär­fahr­zeu­ge ste­hen auf den Stra­ßen, auf die sich kaum je­mand traut. Flü­ge aus und in die Mil­lio­nen-Stadt im Bun­des­staat Si­na­loa im Nord­wes­ten Me­xi­kos sind ge­stri­chen. Es ist die Ru­he nach dem Sturm. Die Ru­he nach vier St­un­den Bür­ger­krieg am Don­ners­tag­nach­mit­tag, als Spe­zi­al­ein­hei­ten der me­xi­ka­ni­schen Ar­mee und Po­li­zei ver­sucht ha­ben, Ov­idio Guz­mán, ei­nen Sohn des be­rüch­tig­ten Kar­tell­bos­ses „Ch­a­po“Guz­mán fest­zu­neh­men. Sie se­hen sich aber ei­ner hoch­ge­rüs­te­ten Streit­macht des Si­na­loa-Kar­tells ge­gen­über, die plötz­lich wie aus dem Nichts er­scheint und die Si­cher­heits­kräf­te ein­kreist. Po­li­zei und Ar­mee ge­ben sich nach stun­den­lan­gen Ge­fech­ten an 14 Punk­ten der Stadt ge­schla­gen und las­sen den in den USA und Me­xi­ko ge­such­ten Guz­mán ju­ni­or wie­der frei. Es ist der Sieg der Or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät über den me­xi­ka­ni­schen Staat. Er hin­ter­lässt min­des­tens acht To­te, 16 Ver­letz­te und rund sechs Dut­zend be­schä­dig­te oder zer­stör­te Mi­li­tär­fahr­zeu­ge.

Fern­ab im Sü­den, 1700 Ki­lo­me­ter vom Ort des Ter­rors ent­fernt, tritt Prä­si­dent An­drés Ma­nu­el López Ob­ra­dor vor die Pres­se und ver­sucht, das Un­er­klär­li­che zu er­klä­ren. „Die Si­tua­ti­on war sehr schwie­rig. Das Le­ben vie­ler Men­schen stand auf dem Spiel“, recht­fer­tigt López Ob­ra­dor in der Stadt Oa­xa­ca die Ent­schei­dung, Guz­mán ju­ni­or, ge­nannt „El Ra­tón“, die Maus, wie­der frei­zu­las­sen, nach­dem die Si­cher­heits­kräf­te ihn be­reits in ih­rer Ge­walt hat­ten. „Die Fest­nah­me ei­nes Ver­bre­chers kann nicht wert­vol­ler sein als das Le­ben der Men­schen.“Und man dür­fe „Feu­er nicht mit Feu­er“be­kämp­fen, un­ter­streicht der Prä­si­dent. Of­fen­sicht­lich hat­te die Streit­macht des Si­na­lo­aKar­tells meh­re­re Mi­li­tärs in ih­rer Ge­walt und da­mit ge­droht, die­se zu tö­ten, soll­te der Ju­ni­or­chef nicht wie­der frei­kom­men.

Der Prä­si­dent, der sich auf ei­ner Rei­se im Sü­den Me­xi­kos be­fin­det, hält es nicht für nö­tig, nach Cu­li­acán zu rei­sen. Da­für schickt er sein Si­cher­heits­ka­bi­nett, das den Of­fen­ba­rungs­eid leis­tet. Der Ein­satz sei schlecht ge­plant ge­we­sen, gibt Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Lu­is Cre­sen­cio San­do­val zu. Man ha­be die Fä­hig­keit des Kar­tells un­ter­schätzt, in kur­zer Zeit vie­le Leu­te zu mo­bi­li­sie­ren und zum Ge­gen­schlag an­zu­set­zen. Si­cher­heits­mi­nis­ter Al­fon­so Du­ra­zo spricht von „Ver­sa­gen“.

Ein ge­ka­per­ter Staat

Das bür­ger­kriegs­ähn­li­che Feu­er­ge­fecht zeigt, dass der Staat der Dro­gen­ma­fia hoff­nungs­los un­ter­le­gen ist. Mi­li­tä­risch, lo­gis­tisch und auch so­zi­al. Tei­le Me­xi­kos sind fest in der Hand gro­ßer Kar­tel­le, de­nen die Be­völ­ke­rung oft­mals mehr ver­traut als dem Staat. Zu­dem ko­ope­rie­ren un­ge­zähl­te Po­li­zis­ten, Po­li­ti­ker, Rich­ter und Staats­an­wäl­te mit der Ma­fia. Me­xi­ko ist in wei­ten Tei­len ein vom Or­gan­sier­ten Ver­bre­chen ge­ka­per­ter Staat. Und so sind die Er­eig­nis­se von Cu­li­acán ein Tri­umph für al­le Kar­tel­le im Land, ins­be­son­de­re für das Si­na­loa-Syn­di­kat, das nach der Ver­ur­tei­lung sei­nes Chefs in den USA viel Ter­rain an kon­kur­rie­ren­de Or­ga­ni­sa­tio­nen ver­lo­ren hat.

Für den Links­prä­si­den­ten mar­kier­te die „Schlacht von Cu­li­acán“das En­de ei­ner schwar­zen Wo­che. Am Mon­tag lock­ten Kil­ler des Kar­tells Ja­lis­co Nue­va Ge­ne­r­acíon im Bun­des­staat Mi­choacán 13 Po­li­zis­ten in ei­nen Hin­ter­halt. Zwei Ta­ge spä­ter kam es im Bun­des­staat Gu­er­re­ro zu ei­ner Schie­ße­rei zwi­schen der Po­li­zei und Be­waff­ne­ten, bei de­nen 15 Zi­vi­lis­ten und ein Po­li­zist star­ben.

Vor al­lem die Er­eig­nis­se im Bun­des­staat Si­na­loa sei­en für den Prä­si­den­ten ein Rück­schlag „ko­los­sa­ler Pro­por­tio­nen“, sagt der Schrift­stel­ler An­to­nio Or­tuño, der sich mit der Ge­walt in Me­xi­ko be­schäf­tigt. Ob­ra­dor müs­se sei­ne Stra­te­gie schnell mo­di­fi­zie­ren, wenn er nicht noch mehr an Au­to­ri­tät und An­se­hen ver­lie­ren will. „Dass sich ei­ne Stadt wie Cu­li­acán von der Or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät in die Knie zwin­gen lässt, er­in­nert an Bat­man-Fil­me“, be­tont Or­tuño. Sie sei aber bit­te­re Rea­li­tät.

Noch kein Jahr ist Ob­ra­dor im Amt, nun er­lebt er die ers­te gro­ße Kri­se, die den Rest sei­ner sechs­jäh­ri­gen Amts­zeit be­stim­men wird. „Er muss dar­aus sei­ne Leh­ren zie­hen“, sagt Ed­gar­do Bu­s­ca­glia, Ex­per­te für Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung und Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät. Ob­ra­dor sei auf dem rich­ti­gen Weg, be­tont er. „Aber man kann nicht er­war­ten, dass er in zehn Mo­na­ten das än­dert, was in 50 Jah­ren ver­säumt wur­de.“Wich­tig sei künf­tig ei­ne en­ge Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen Jus­tiz, Ge­heim­dienst, Zoll und den Fi­nanz­auf­sich­ten, um die kri­mi­nel­len Netz­wer­ke zu zer­schnei­den.

Ob­ra­dor hat den Kampf für mehr Si­cher­heit in Me­xi­ko zu ei­nem zen­tra­len The­ma sei­ner Prä­si­dent­schaft ge­macht. Er will we­ni­ger Re­pres­si­on und mehr Prä­ven­ti­on. So­zi­al- und Bil­dungs­pro­gram­me sol­len Ju­gend­li­chen in den „Kriegs­bie­ten“des Lan­des Al­ter­na­ti­ven zu den Ver­lo­ckun­gen der Verb­recher bie­ten. Der Prä­si­dent pro­pa­giert ei­ne Am­nes­tie für Mit­läu­fer und klei­ne Scher­gen der Ma­fia­or­ga­ni­sa­tio­nen. Zu­dem lässt er ei­ne neue Trup­pe auf­bau­en, die ef­fi­zi­en­ter und we­ni­ger kor­rupt sein soll. Die „Na­tio­nal­gar­de“aber be­steht wei­test­ge­hend aus Sol­da­ten und Ex-Bun­des­po­li­zis­ten. Und im Mo­ment ist sie mit der Si­che­rung der me­xi­ka­ni­schen Gren­zen im Sü­den und Nor­den des Lan­des be­schäf­tigt, um auf Druck der USA den Strom der Mi­gran­ten zu re­du­zie­ren.

FO­TO: DPA

Rauch bren­nen­der Au­tos steigt wäh­rend der Schie­ße­rei am Don­ners­tag über Cu­li­acán auf.

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