„Kei­ne wirk­lich gu­ten An­ge­bo­te für Frau­en“

Po­li­tik­for­scher Wolf­gang Schrö­der über die Ver­säum­nis­se des DGB und die Nä­he ei­ni­ger Mit­glie­der zur AfD

Heuberger Bote - - WIRTSCHAFT -

- Der Deut­sche Ge­werks­schafts­bund (DGB) tritt mit sei­nen Mit­glie­dern für so­zia­le Ge­rech­tig­keit, bes­se­re Ar­beits- und Le­bens­be­din­gun­gen, Mit­be­stim­mung und ei­ne De­mo­kra­ti­sie­rung von Wirt­schaft und Ge­sell­schaft ein. So be­schreibt sich der Dach­ver­band der Ge­werk­schaf­ten an­läss­lich der Fei­er zum 70jäh­ri­gen Be­ste­hen am Mon­tag sel­ber. Doch es wä­re gut, wenn die Ge­werk­schaf­ten die Le­bens­welt der durch­schnitt­li­chen Ar­beit­neh­mer bes­ser ver­tre­ten wür­den, sagt der Ge­werk­schafts­for­scher Wolf­gang Schrö­der und wirft den Ge­werk­schaf­ten vor, für Frau­en und Ge­ring­qua­li­fi­zier­te kei­ne wirk­li­chen An­ge­bo­te ent­wi­ckelt zu ha­ben. Gün­ther M. Wie­de­mann hat mit dem Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler über Ver­diens­te und über Ver­säum­nis­se des DGB ge­spro­chen.

Der DGB fei­ert sein 70-jäh­ri­ges Be­ste­hen. Kön­nen er und sei­ne Mit­glieds­ge­werk­schaf­ten sich Er­fol­ge gut­schrei­ben?

Ganz si­cher. Die Ge­werk­schaf­ten ha­ben da­zu bei­ge­tra­gen, den Struk­tur­wan­del so­zi­al ab­zu­fe­dern und so­zia­len Aus­gleich zu schaf­fen. Mit­be­stim­mung sorgt für Be­tei­li­gung der Ar­beit­neh­mer. Die Ge­werk­schaf­ten ha­ben gro­ßen An­teil an der Sta­bi­li­tät und Er­folgs­ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik. Auf­fal­lend ist auch, dass sie nicht nur mehr Lohn, son­dern Ar­beits­zeit, Qua­li­fi­ka­ti­on, Ren­te zu ih­ren The­men ge­macht ha­ben. Im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich zeich­nen sie sich durch ih­re Po­li­tik der in­klu­si­ven So­li­da­ri­tät aus. Zum ei­nen als Ein­heits­ge­werk­schaf­ten, wo­mit sie das Prin­zip der po­li­ti­schen Rich­tungs­ge­werk­schaf­ten über­wun­den ha­ben. Und zum an­de­ren als Ge­werk­schaf­ten, die in ei­ner Bran­che al­le Be­schäf­tig­ten or­ga­ni­sie­ren, al­so nicht nur Fach­ar­bei­ter oder nur Ge­ring­qua­li­fi­zier­te. Das ist ein Op­ti­mum an So­li­da­ri­täts­mög­lich­kei­ten.

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Ob­wohl sie in­klu­si­ve Ge­werk­schaf­ten sind, ist es ih­nen nicht ge­lun­gen, Frau­en in glei­chem Ma­ße in ihr Ge­werk­schafts­mo­dell zu in­te­grie­ren wie Män­ner. Auch an­de­re Grup­pen, die nicht im Zen­trum der In­dus­trie­ar­beit ste­hen, sind im deut­schen Ge­werk­schafts­mo­dell nicht so ab­ge­bil­det, wie es not­wen­dig wä­re. Für den Di­enst­leis­tungs­be­reich, der die Achil­les­fer­se des deut­schen Ge­werk­schafts­mo­dells ist, müs­sen neue We­ge ge­fun­den wer­den. Zen­tral ist der Rück­gang der Ta­rif­bin­dung, dass es ih­nen nicht ge­lun­gen ist, die Ar­beit­ge­ber wei­ter­hin auf das Mo­dell der So­zi­al­part­ner­schaft zu ver­pflich­ten. Das hängt maß­geb­lich auch mit dem Mit­glie­der­rück­gang zu­sam­men.

War­um hat sich die Zahl der Ge­werk­schafts­mit­glie­der seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung fast hal­biert?

Das hat maß­geb­lich mit der Ver­schie­bung von der Be­schäf­ti­gung in der In­dus­trie hin zum Di­enst­leis­tungs­be­reich zu tun. Ge­werk­schaf­ten sind stark in ex­port­ori­en­tier­ten Bran­chen, stark in Groß­be­trie­ben. Sie ha­ben aber enor­me Pro­ble­me im Di­enst­leis­tungs­be­reich, bei klei­ne­ren Be­trie­ben und im länd­li­chen Be­reich. Dass sie bei Frau­en, Aka­de­mi­kern und Ge­ring­qua­li­fi­zier­ten nicht so at­trak­tiv er­schei­nen, hängt auch da­mit zu­sam­men, dass sie für die­se kei­ne wirk­lich gu­ten An­ge­bo­te ent­wi­ckelt ha­ben. So ha­ben die Ge­werk­schaf­ten ih­re Or­ga­ni­sa­ti­ons­re­for­men im­mer so an­ge­legt, dass sie sich dort ver­bes­sert ha­ben, wo sie schon im­mer stark wa­ren.

Bei den ver­gan­ge­nen Land­tags­wah­len ha­ben Ge­werk­schafts­mit­glie­der über­durch­schnitt­lich AfD ge­wählt. Ei­gent­lich müss­te doch die Pro­gram­ma­tik des Deut­schen Ge­werk­schafts­bun­des im­mun ma­chen ge­gen AfD-Pa­ro­len.

Die Ge­werk­schafts­funk­tio­nä­re sind kom­plett im­mun. Dass dies bei Mit­glie­dern et­was an­ders ist, liegt an der ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Si­tua­ti­on. Sie ist ein Stück weit ent­grenzt in Rich­tung rechts, in Rich­tung des Sag­ba­ren der Din­ge, die man vor­her nicht sa­gen konn­te. Gleich­zei­tig muss man se­hen: Die Stimm­ab­ga­be für die AfD ist Pro­test ge­gen die In­sti­tu­tio­nen. Zu de­nen wer­den auch die Ge­werk­schaf­ten ge­zählt. Sie sind Teil des Esta­blish­ments. Sie müs­sen aber in ih­rer An­spra­che im­mer auch ein Mo­men­tum des An­ti-Esta­blish­ments zum Aus­druck brin­gen, al­so auf Ve­rän­de­run­gen drän­gen. Sie dür­fen sich nicht mit dem Be­ste­hen­den zu­frie­den ge­ben. Hier ha­ben die Ge­werk­schaf­ten ein Pro­blem. Es wä­re gut, wenn die Ge­werk­schaf­ten die Spra­che und Le­bens­welt der durch­schnitt­li­chen Ar­beit­neh­mer bes­ser ver­tre­ten wür­den.

Man bräuch­te im Funk­tio­närs­ap­pa­rat ein bes­se­res Mi­schungs­ver­hält­nis, um Mit­glie­der ge­gen die AfD im­mu­ni­sie­ren zu kön­nen.

Sind die Ge­werk­schaf­ten aus­rei­chend ge­rüs­tet für die Ve­rän­de­run­gen in der Ar­beits­welt?

Jein. Ei­ner­seits nicht, weil sie es nicht hin­rei­chend ge­schafft ha­ben, sich wirk­lich in der neu­en Ar­beits­welt, bei den jun­gen Leu­ten, bei den Ge­ring­qua­li­fi­zier­ten und Hoch­qua­lif­zier­ten so­wie vor al­lem bei den Frau­en als at­trak­ti­ver Play­er zu ver­an­kern. An­de­rer­seits sehr, weil sie sich so pro­fund und se­ri­ös mit den Her­aus­for­de­run­gen der neu­en di­gi­ta­li­sier­ten Ar­beits­welt be­fas­sen wie kein zwei­ter Ak­teur. Sie brau­chen aber ne­ben mehr Mit­glie­dern, ak­ti­ven Mit­glie­dern, auch die Un­ter­stüt­zung von Po­li­tik und Ar­beit­ge­bern. In der Po­li­tik ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die Ein­sicht ge­wach­sen, dass oh­ne die Ge­werk­schaf­ten die­se Ge­sell­schaft un­glei­cher und un­ge­rech­ter wer­den wird, bei den Ar­beit­ge­bern ist die­se Ein­sicht ge­schwun­den.

FO­TO: IMA­GO

Mai­de­mons­tra­ti­on im Jahr 1978 in Dort­mund: „Die Ge­werk­schaf­ten ha­ben gro­ßen An­teil an der Sta­bi­li­tät und Er­folgs­ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik“, sagt Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Wolf­gang Schrö­der.

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