„Ich ver­su­che jetzt, mei­ne Kräf­te bes­ser ein­zu­tei­len“

To­te-Ho­sen-Front­mann Cam­pi­no im Ge­spräch über Ge­sund­heit, po­li­ti­sche Lie­der und das neue Al­bum

Heuberger Bote - - SZENE -

Schon 2005 ha­ben die Fans die To­ten Ho­sen in der Un­plug­ged-Ver­si­on er­lebt. Mit ei­nem neu­en An­satz geht jetzt „Al­les oh­ne Strom“an den Start, das am Frei­tag als Al­bum und im No­vem­ber als DVD er­scheint. Chris­tia­ne Wohl­haupter hat mit Sän­ger Cam­pi­no (57) über die Son­g­aus­wahl, neue Lie­der, nächt­li­che Frei­bad­be­su­che und die Kon­se­quen­zen sei­nes Hör­stur­zes ge­spro­chen.

Cam­pi­no, im glän­zen­den An­zug und mit ro­ter Ro­se in der Hand singst du „Lo­ve is in the Air“: Hät­test du dir das vor 35 Jah­ren vor­stel­len kön­nen?

Tat­säch­lich hät­te ich mir das so nicht vor­stel­len kön­nen. Aber im Sin­ne ei­ner Per­si­fla­ge hät­te ich mich auch in den 80ern dar­über amü­siert. Der An­zug ist da­bei ein Mit­tel, um den Men­schen ein­deu­tig klar zu ma­chen, dass es sich um Iro­nie han­delt.

Im Wie­ner Burg­thea­ter habt ihr 2005 ein Un­plug­ged-Al­bum auf­ge­nom­men, was war bei dem Kon­zert in der Düs­sel­dor­fer Ton­hal­le dies­mal an­ders?

Das war da­mals von MTV in­iti­iert und da muss­te man ge­wis­se Re­geln ein­hal­ten. 2005 ging es vor al­lem dar­um, als an­er­kann­te Krach-Band un­se­re Lie­der mal lei­ser zu spie­len. In­zwi­schen sind wir da wei­ter und woll­ten alt­be­kann­te Stü­cke neu ent­de­cken. Die Mi­schung für die Aben­de stand da­bei schnell fest. Klas­si­ker stan­den eben­so auf dem Pro­gramm wie ein paar neue Songs. Wir woll­ten kei­nen in sich ge­kehr­ten Abend prä­sen­tie­ren, son­dern ei­ne Bal­kan-Band auf die Büh­ne brin­gen, die von der Hoch­zeit bis zur Be­er­di­gung al­les spielt.

So wie schon ge­mein­sam mit Bier­mösl Blosn und Ger­hard Polt?

Ja, die Tou­ren mit ih­nen ha­ben uns über­haupt erst er­mu­tigt, die­sen Schritt zu ge­hen. Da­durch ist uns klar ge­wor­den, dass die un­ter­schied­lichs­ten In­stru­men­te zu ei­ner Ein­heit wer­den kön­nen und man sich ge­gen­sei­tig er­gänzt. Dass man sich nie in ver­schie­de­ne La­ger ein­sor­tie­ren muss.

An ei­ne der Re­geln, die es bei MTV Un­plug­ged gibt, näm­lich ein paar Co­ver-Songs ein­zu­streu­en, habt ihr euch ge­hal­ten. Ne­ben „Lo­ve Is in the Air“habt ihr Rammsteins „Oh­ne dich“und „Ever­long“von den Foo Figh­ters ge­spielt. Wel­che Be­deu­tung ha­ben die­se Mu­si­ker für euch?

Ich glau­be, soll­te man je­mals auf die Idee kom­men, den Zehn­kämp­fer der Rock­mu­sik zu kü­ren, der al­so in den meis­ten Dis­zi­pli­nen im Schnitt am bes­ten sein wird, dann wä­re das Da­ve Grohl. Aber er ist bei Wei­tem nicht der ein­zi­ge Künst­ler, den ich be­wun­de­re. Wenn ich an­fan­ge, über Hel­den zu spre­chen, dann wird das ei­ne sehr lan­ge Lis­te. Ich bin im­mer noch in ers­ter Li­nie Mu­sik­fan. Ich ha­be die­se Be­geis­te­rung über all die Jah­re be­hal­ten.

Ei­ner der neu­en Songs heißt „Po­li­ti­sche Lie­der“. Der ist nicht aus eu­rer Fe­der, oder?

Fun­ny van Dan­nen hat den Text ge­schrie­ben und ei­ne Song­skiz­ze prä­sen­tiert. Wir ha­ben dann ge­fragt, ob wir et­was dar­aus ma­chen dür­fen.

Die Wie­der­ver­ei­ni­gung ist 29 Jah­re her. Wel­che po­li­ti­schen Songs sind da­zu an­ge­bracht?

Da den­ke ich als Ers­tes an Rein­hard

Mey und „Über den Wol­ken“. Das war sei­ner­zeit ei­ne in­of­fi­zi­el­le Hym­ne in der Bun­des­re­pu­blik, aber auch der DDR. Die Mög­lich­keit, dass die Ge­dan­ken kei­ne Gren­zen ken­nen und über den Wol­ken al­les egal ist, ist ei­ne schö­ne Vor­stel­lung. Ich glau­be, das hat den Men­schen viel be­deu­tet da­mals. Vi­el­leicht ge­hört da auch Udo Lin­den­berg mit rein, der mit dem „Son­der­zug nach Pan­kow“ein wit­zi­ges Ding Rich­tung Hone­cker ge­schickt hat. Ich er­in­ne­re mich auch an „Über sie­ben Brü­cken musst du gehn“, zu­nächst von Ka­rat, dann von Maf­fay. Aber auch „Du hast den Farb­film ver­ges­sen“von Ni­na Ha­gen, ein Bom­ben­song, der im Os­ten ent­stan­den ist.

„1000 gu­te Grün­de“gibt es, eu­rem Song­ti­tel nach, auf Deutsch­land stolz zu sein. Fällt dir jetzt, bald 30 Jah­re nach Mau­er­fall, ein gu­ter ein?

Der Text soll pro­vo­kant sein. Er rich­tet sich ge­gen die Men­schen, die das Wort „Stolz“als Pa­ro­le miss­brau­chen. Stolz auf Deutsch­land zu sein, oh­ne et­was da­für ge­tan zu ha­ben, ha­be ich nie rich­tig ver­stan­den. Es ist ein Le­bens­zu­fall, vi­el­leicht auch ein Le­bens­glück, dass man hier ge­lan­det ist. Man kann nur stolz auf Ver­diens­te sein – aber das ist kein Ver­dienst. Ob­wohl ich viel an Deutsch­land schön und ver­tei­di­gens­wert fin­de, wird es mich nicht dar­an hin­dern, es noch schö­ner ha­ben zu wol­len, noch welt­of­fe­ner, noch to­le­ran­ter.

Hat sich für dich et­was ver­än­dert, seit­dem du auch die bri­ti­sche Staats­bür­ger­schaft an­ge­nom­men hast?

Die bri­ti­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit ist letzt­lich nur die For­ma­li­tät ei­ner Tat­sa­che, die seit mei­ner Ge­burt in mir steckt: halb En­g­län­der, halb Deut­scher zu sein. Nun ha­be ich auch den nö­ti­gen Pa­pier­kram da­zu. Auf­ge­wach­sen in ei­ner deutsch-bri­ti­schen Fa­mi­lie, mit Ge­schwis­tern, die teil­wei­se in En­g­land ge­bo­ren sind, das war in den 60er-, 70er-Jah­ren ei­ne ganz an­de­re Sa­che als heu­te.

Die Er­in­ne­rung an den Zwei­ten Welt­krieg war noch sehr viel prä­sen­ter. Des­halb wur­de man auch an­ders an­ge­schaut, wenn man in En­g­land war. In die­ser Hin­sicht hat sich al­les in Eu­ro­pa sehr zum Po­si­ti­ven ge­wan­delt. Ich bin glück­lich, mich als Eu­ro­pä­er zu de­fi­nie­ren. Dass jetzt wahr­schein­lich der Br­ex­it kommt, emp­fin­de ich als ganz gro­ßen Scha­dens­fall. Dar­über bin ich sehr trau­rig.

In der Show in der Ton­hal­le sprichst du an, be­trun­ken über Zäu­ne zu klet­tern. Wie ist euch denn der Ein­stieg ins Frei­bad Dres­den vom Som­mer 2018 noch in Er­in­ne­rung?

Wir ha­ben in der Fol­ge ei­ne Men­ge Mails be­kom­men – dar­un­ter sehr vie­le Ein­la­dun­gen von Frei­bä­dern. Mit den Ber­li­ner Bä­der­be­trie­ben hat­ten wir dann ei­gent­lich auch aus­ge­macht, nach un­se­rem Auf­tritt in der Wald­büh­ne vor­bei­zu­schau­en. Aber das war der Abend an dem ich den Hör­sturz hat­te, des­halb wur­de die Ak­ti­on ab­ge­bla­sen. Wir ha­ben den Kol­le­gen in Dres­den ei­ne Ent­schä­di­gung und ein paar Kis­ten von un­se­rem Ho­sen Hell ge­schickt. Sie ha­ben dann kur­zer­hand ein paar Nacht­ba­de-Ak­tio­nen für die Gäs­te an­ge­bo­ten, so hat­ten dann al­le was da­von.

Die­ser denk­wür­di­ge Tag des Hör­stur­zes wird auch in eu­rer Ban­dDo­ku „Weil du nur ein­mal lebst“the­ma­ti­siert. Was hat sich seit­her ver­än­dert?

Man fragt sich na­tür­lich, wie es da­zu kom­men konn­te. So ge­nau konn­te das kein Arzt sa­gen – aber wahr­schein­lich war es ei­ne Mi­schung aus Lärm­be­las­tung und Stress. Ich ver­su­che jetzt, mei­ne Kräf­te bes­ser ein­zu­tei­len. Wenn man nicht auf den Kör­per hört, mel­det er sich eben ir­gend­wann von selbst.

FO­TO: GABO

Cam­pi­no (Drit­ter von links) und sei­ne Mit­strei­ter ha­ben ne­ben be­kann­ten Songs auch neu­es Ma­te­ri­al auf ih­rem Al­bum „Al­les oh­ne Strom“un­ter­ge­bracht.

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