Ka­ta­stro­phe mit An­sa­ge

Vor 90 Jah­ren lei­te­te ein Bör­sen­krach die gro­ße Welt­wirt­schafts­kri­se ein – Par­al­le­len zur Ge­gen­wart

Heuberger Bote - - WIRTSCHAFT - Von Han­nes Breustedt

(dpa) - Der Bör­sen­Crash von 1929 be­en­de­te den Wirt­schafts­boom der Gol­de­nen Zwan­zi­ger im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert ab­rupt. Der auf das Fi­nanz­be­ben fol­gen­de Kon­junk­tur­ein­bruch ging als Gre­at De­pres­si­on in die Ge­schichts­bü­cher ein und gilt bis heu­te als schwers­te und längs­te Welt­wirt­schafts­kri­se der Neu­zeit. Vor al­lem der Schwar­ze Don­ners­tag am 24. Ok­to­ber – in Eu­ro­pa auf­grund des Zeit­un­ter­schieds auch Schwar­zer Frei­tag ge­nannt – bleibt als ei­nes der dun­kels­ten Ka­pi­tel der Fi­nanz­his­to­rie in Er­in­ne­rung.

Am Don­ners­tag der vor­letz­ten Ok­to­ber­wo­che 1929 setz­te Pa­nik ein. Die Ver­lus­te der fol­gen­den Wo­chen und Mo­na­te drück­ten den Dow bis Mit­te 1932 knapp 90 Pro­zent un­ter sein vor­he­ri­ges Re­kord­hoch. Wei­te Tei­le des Ver­mö­gens von Un­ter­neh­men und Haus­hal­ten wur­den ver­nich­tet, die US-Wirt­schaft in ei­ne tie­fe Kri­se ge­stürzt. Zwi­schen 1929 und 1933 stieg die Ar­beits­lo­sen­quo­te von 3,2 auf 24,9 Pro­zent. Der Dow hol­te sei­ne enor­men Kurs­ver­lus­te erst 1954 wie­der auf. Wie war so ein ex­tre­mer Nie­der­gang über­haupt mög­lich? Als ein wich­ti­ger Grund gilt, dass es da­mals noch stär­ker als heu­te üb­lich war, auf Pump an der Bör­se zu zo­cken. Beim Ak­ti­en­kauf muss­te häu­fig nur ein Bruch­teil an­ge­zahlt wer­den – die Fol­ge war ei­ne ge­wal­ti­ge Spe­ku­la­ti­ons­bla­se.

Auch die US-No­ten­bank wird von Ex­per­ten als ent­schei­den­der Fak­tor ge­se­hen. In den von gro­ßem Op­ti­mis­mus ge­präg­ten Boom­jah­ren der 1920er hand­hab­ten die No­ten­ban­ker die Geld­po­li­tik zu lo­cker und ta­ten lan­ge kaum et­was, um den teils ir­ra­tio­na­len Über­schwang an den Märk­ten zu zü­geln. Als die Bla­se platz­te, ließ die Fed dann zahl­rei­che in Geld­not ge­ra­te­ne Ban­ken ster­ben, an­statt das Fi­nanz­sys­tem mit zu­sätz­li­cher Li­qui­di­tät zu flu­ten.

Als wei­te­rer Brand­be­schleu­ni­ger, der letzt­lich zur Gro­ßen De­pres­si­on führ­te, gel­ten po­li­ti­sche Feh­ler. In den USA be­gann die Kon­junk­tur, sich be­reits vor dem Ak­ti­en­kurs­sturz ab­zu­küh­len. Die Ent­schei­dung der US-Re­gie­rung, die Zoll­schran­ken Mit­te 1930 dras­tisch zu er­hö­hen, setz­te der Wirt­schaft wei­ter zu. Mit dem so­ge­nann­ten Smoot-Haw­ley Ta­riff Act soll­te ei­gent­lich die hei­mi­sche In­dus­trie ge­schützt wer­den, doch His­to­ri­ker be­trach­ten das Ge­setz als end­gül­ti­gen Weg­be­rei­ter der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se.

90 Jah­re spä­ter sind die Be­wer­tun­gen an der Bör­se er­neut be­denk­lich hoch. Und er­neut hal­ten Han­dels­kon­flik­te und Kon­junk­tur­sor­gen An­le­ger in Atem – be­steht das Ri­si­ko, dass sich ein De­sas­ter wie da­mals wie­der­holt? Par­al­le­len gibt es durch­aus. Das be­trifft nicht nur US-Prä­si­dent Do­nald Trumps Fai­b­le für ho­he Zöl­le. Auch an den Bör­sen ha­ben die Kur­se nach Jah­ren ei­ner von bil­li­gem No­ten­bank­geld be­feu­er­ten Ral­ly wie­der ein Ni­veau er­reicht, das mit­un­ter ent­kop­pelt von der rea­len Wirt­schafts­la­ge wirkt. Alarm­si­gna­le sen­de­te be­reits der An­lei­hen­markt. Dort war­fen Staats­pa­pie­re mit kur­zen Lauf­zei­ten zwi­schen­zeit­lich mehr Ren­di­te ab als mit lan­ger, was Fi­nanz­pro­fis als wich­ti­gen In­di­ka­tor für ei­ne Re­zes­si­on be­trach­ten.

Den­noch gilt die Ge­fahr ei­nes neu­er­li­chen Fi­nanz­markt-Kol­lap­ses un­ter Ex­per­ten als re­la­tiv ge­ring. Zwar hal­ten vie­le Ana­lys­ten ei­ne Kurs­kor­rek­tur und ei­ne wei­te­re Ab­schwä­chung der Welt­wirt­schaft für gut mög­lich. Doch ei­nen gro­ßen Crash mit schlim­men Fol­gen wie vor 90 Jah­ren hat kaum je­mand auf dem Schirm. Die meis­ten Fach­leu­te ver­trau­en dar­auf, dass die gro­ßen No­ten­ban­ken in­zwi­schen kri­sener­probt und ent­schlos­sen ge­nug sind, um bei ei­ner mög­li­chen Bör­sen­pa­nik wei­te­re Es­ka­la­tio­nen zu ver­hin­dern.

FOTO: DPA

Auf­ge­reg­te Ak­tio­nä­re vor der New Yor­ker Bör­se am 29. Ok­to­ber 1929.

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