Auf­for­de­rung zum klei­nen Wi­der­stand

He­ri­bert Prantl spricht zum Fi­na­le des Li­te­ra­tur­herbs­tes in der Stadt­hal­le über das Auf­be­geh­ren

Heuberger Bote - - TUTTLINGEN -

(icks) – Es war ein mar­kan­tes Fi­na­le des 16. Tutt­lin­ger Li­te­ra­tur­herbsts: He­ri­bert Prantl, Ju­rist, Jour­na­list und Au­tor, gab am Mitt­woch­abend sei­nen rund 350 Zu­hö­ren in der Stadt­hal­le Denk­an­stö­ße – und for­der­te sie zum „klei­nen Wi­der­stand“auf.

Prantl be­gann sei­nen in sie­ben Ka­pi­tel auf­ge­glie­der­ten Vor­trag mit ei­nem für ihn sehr wich­ti­gen The­ma: 70 Jah­re Grund­ge­setz. Vor al­lem auf die Be­deu­tung des Ar­ti­kels 20.2 des Grund­ge­set­zes wies Prantl hin, der be­sagt, dass das Volk die Staats­ge­walt „in Wah­len und Ab­stim­mun­gen“aus­üben kön­ne. Als Ver­fech­ter von Ab­stim­mun­gen räum­te der Red­ner zwar ein, dass „Ple­bis­zi­te auch Gift“sein kön­nen, „wenn In­di­ka­ti­on und Do­sie­rung nicht stim­men“, be­ton­te aber, dass die Mög­lich­kei­ten di­rek­ter Be­tei­li­gung in der Bun­des­re­pu­blik un­zu­rei­chend ge­nutzt wür­den.

Nach ei­nem Sei­ten­hieb auf die „ver­ant­wor­tungs­lo­se Feig­heit“des Br­ex­it-Aus­lö­sers Da­vid Ca­me­ron ging Prantl auf die Um­stän­de sei­nes Be­rufs­wech­sels im Jahr 1988 ein – vom Ju­ris­ten zum Zei­tungs­schrei­ber. „Ein klei­ner Wi­der­stand ge­gen mei­nen Va­ter“. Ei­ne al­te Frau in sei­ner Hei­mat­stadt Nit­ten­au ha­be ihm so­gar „Pro­ble­me in der

Ewig­keit drü­ben“an­ge­droht, wenn er wei­ter für das „Kom­mu­nis­ten­blattl“schrei­be. Prantl blieb je­doch bei der Süd­deut­schen und kann nun auf die Ver­lei­hung der Eh­ren­dok­tor­wür­de des Fach­be­reichs Theo­lo­gie der Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-Nürn­berg vor drei Jah­ren ver­wei­sen.

Die nächs­ten Ka­pi­tel wid­me­te Prantl gro­ßen Wi­der­ständ­lern, oh­ne die wir heu­te kei­ne De­mo­kra­tie hät­ten. Er mo­nier­te die „Wol­ke der Ah­nungs­lo­sig­keit“, in die sich in jüngs­ter Zeit so vie­le ge­hüllt hät­ten, und aus der sie dann ge­fal­len sei­en. Bei­spiel Po­li­zei und NSU. Wie hät­te der gro­ße Ju­rist Fritz Bau­er (1903-1968), Vor­bild Prantls, wohl auf die­se Mor­de re­agiert, frag­te der Red­ner, „Wie hät­te sein wach­sa­mer Geist re­agiert?“In der Bun­des­re­pu­blik von heu­te feh­len nach Prantls Auf­fas­sung sol­che Mis­sio­na­re. Mit fas­zi­nie­ren­der Rhe­to­rik und ge­schlif­fe­ner Spra­che ging der 66-Jäh­ri­ge auf The­men wie „ne­ga­ti­ve Re­nais­sance“, die „Ve­r­all­täg­li­chung von Ras­sis­mus“und „Volks­ver­het­zung als Volks­sport“ein – mit ge­ziel­ten Pfei­len ge­gen die AfD. Das ein­zig Schlech­te an „Whist­leb­lo­wers“sei der an­glis­ti­sche Be­griff, mein­te Prantl – „das sind kei­ne Pfei­fen!“Als be­griff­li­che Al­ter­na­ti­ve bot er „Hin­weis­ge­ber“an und nann­te ei­ni­ge Bei­spie­le aus der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit – Al­ten­pfle­ge­rin, LKW-Fah­rer, kauf­män­ni­scher Lei­ter. Sie al­le ris­kier­ten ih­re Ar­beits­stel­le, um

Skan­da­le pu­blik zu ma­chen.

Nicht nur schö­ne Prei­se soll­te es für sol­che Men­schen ge­ben, son­dern auch ju­ris­ti­sche Un­ter­stüt­zung bei ar­beits­recht­li­chen Schwie­rig­kei­ten, die aus ih­rem „en­ga­gier­ten Küm­mern“er­wach­sen, for­der­te Prantl.

Das letz­te Ka­pi­tel galt den mitt­ler­wei­le 940 Ta­feln in Deutsch­land: „Es ist ein Skan­dal, dass es sie ge­ben muss!“Nach ei­ner kur­zen Ge­sprächs­run­de galt Prantls vor­weih­nacht­li­che Zu­ga­be noch „Jo­sef, der in der Bi­bel kein ein­zi­ges Wort sag­te“. Und der doch ein be­herz­ter Held des All­tags war. Wie heu­te eben die Whist­leb­lo­wer.

Dass die mitt­ler­wei­le 90. Ver­an­stal­tung

des Li­te­ra­tur­herbsts mit dem viel­fa­chen Preis­trä­ger He­ri­bert Prantl be­setzt wer­den konn­te, hat Tutt­lin­gen dem Um­stand zu ver­dan­ken, dass die­ser zwar ein wan­deln­des Le­xi­kon für die Ge­schich­te der letz­ten zwei Jahr­hun­der­te und auch ein pro­fun­der Ken­ner der po­li­ti­schen Vor­gän­ge ist, sei­ne geo­gra­fi­schen Kennt­nis­se von Bay­erns west­li­chem Nach­bar­land da­ge­gen et­was va­ge zu sein schei­nen. Denn mit den vier St­un­den Zug­fahrt nach Tutt­lin­gen hat­te er nicht ge­rech­net. Aber er freue sich sehr, zum ers­ten Mal in Tutt­lin­gen ge­we­sen zu sein, ver­si­cher­te er dem Pu­bli­kum nach dem lan­ge an­dau­ern­den Schluss­ap­plaus.

FO­TO: COR­NE­LIA ADDICKS

He­ri­bert Prantl in der Tutt­lin­ger Stadt­hal­le.

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