Wür­de ist auch ei­ne The­ra­pie

Die Edith-Stein-Be­rufs­fach­schu­le für Al­ten­pfle­ge und Al­ten­pfle­ge­hil­fe fei­ert ihr 30-jäh­ri­ges Be­ste­hen

Heuberger Bote - - SPAICHINGE­N - Von Frank Czil­wa

SPAICHIN­GEN - „Al­ten­pfle­ge ist kein Be­ruf, son­dern ei­ne Be­ru­fung.“So heißt es in dem Lied, das der Chor der Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Edith-Stein-Schu­le ge­sun­gen hat, als die Ka­tho­li­sche Be­rufs­fach­schu­le für Al­ten­pfle­ge und Al­ten­pfle­ge­hil­fe Spaichin­gen ihr 30-jäh­ri­ges Be­ste­hen ge­fei­ert hat. Wie die­se Be­ru­fung zur „Fach­kraft für wür­de­vol­le Pfle­ge im Al­ter“in kon­kre­tes Han­deln um­ge­setzt wer­den kann, mach­te Pro­fes­so­rin Ur­su­la Im­men­schuh bei der Fei­er­stun­de am Frei­tag im Edit­hSt­ein-Haus (dem ka­tho­li­schen Ge­mein­de­haus) deut­lich.

Ei­ne ehe­ma­li­ge Schü­le­rin der Edith-Stein-Schu­le, An­na­le­na Fack­ler, hat das Lied ei­gens für die­se Fei­er ge­schrie­ben. Schul­lei­te­rin Cor­ne­lia Graf und die stell­ver­tre­ten­de Schul­lei­te­rin Ma­ri­an­ne Metz­ger be­grüß­ten die Gäs­te.

Als er An­fang der 70er-Jah­re Bür­ger­meis­ter von Spaichin­gen war, so er­in­ner­te Mi­nis­ter­prä­si­dent a.D. Er­win Teu­fel in sei­nem Gruß­wort, da ha­be es nur ei­ne Per­son in der Stadt ge­ge­ben, die sich pro­fes­sio­nell um die Al­ten­pfle­ge ge­küm­mert hat: die Or­dens­schwes­ter für Kran­ken­pfle­ge. Es sei ei­ner der „ganz gro­ßen Fort­schrit­te“der ver­gan­ge­nen Jah­re und Jahr­zehn­te, dass der So­zi­al­be­reich quan­ti­ta­tiv und qua­li­ta­tiv ge­wach­sen sei.

Er­win Teu­fel er­in­ner­te auch an die Na­mens­ge­be­rin der Schu­le, die 1998 hei­lig ge­spro­che­ne ka­tho­li­sche Phi­lo­so­phin Edith Stein (1891-1942), die we­gen ih­rer jü­di­schen Her­kunft in Au­schwitz er­mor­det wur­de. Und er lob­te freie Schu­len und Trä­ger, da sie ganz im Sin­ne des Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips die Ge­sell­schaft „von un­ten“her auf­bau­en, statt „von oben“her, vom Staat.

Bür­ger­meis­ter Hans Ge­org Schuh­ma­cher er­in­ner­te an das Leit­bild des Trä­gers der Schu­le, das In­sti­tut für So­zia­le Be­ru­fe gGm­bH – ein Leit­bild, das im christ­li­chen Men­schen­bild ver­wur­zelt ist. Ge­ra­de in Zei­ten zu­neh­men­der ge­sell­schaft­li­cher Ver­ro­hung sei die­ses ein be­frie­den­des Ele­ment. Dank­bar ist Bür­ger­meis­ter Schuh­ma­cher, dass der Spaichin­ger Stand­ort der Edith-St­einSchu­le er­hal­ten bleibt, ob­wohl die Rott­wei­ler Schwes­ter­schu­le er­heb­lich er­wei­tert wird.

Den Un­ter­ti­tel ih­res Fest­vor­trags, „un­ver­schäm­tes Nach­den­ken über Al­ten­pfle­ge in der heu­ti­gen Zeit“hat­te Prof. Dr. Ur­su­la Im­men­schuh, Pro­fes­so­rin für Pfle­ge­päd­ago­gik an der Ka­tho­li­schen Hoch­schu­le Frei­burg, ganz be­wusst ge­wählt. Denn „Fach­kraft für wür­de­vol­le Pfle­ge im Al­ter“zu sein, das be­deu­te­tet im­mer auch, sich mit dem The­ma Scham aus­ein­an­der zu set­zen. Denn, so zi­tier­te sie den Psy­cho­ana­ly­ti­ker Lé­on Wurm­ser: „Scham ist die Hü­te­rin der Wür­de.“

In ih­ren Re­fle­xio­nen über Scham und Wür­de mach­te Ur­su­la Im­men­schuh deut­lich, dass es nicht im­mer leicht ist, in der all­täg­li­chen Ar­beit der Al­ten­pfle­ge die Wür­de der Ge­pfleg­ten, aber auch der Pfle­gen­den zu be­wah­ren. Wür­de, so Im­men­schuh, be­ruht auf der Er­fül­lung der vier ele­men­ta­ren Grund­be­dürf­nis­se nach An­er­ken­nung, Schutz, Zu­ge­hö­rig­keit und In­te­gri­tät.

Wich­tig sei, dass Pfle­ge­kräf­te ih­re ei­ge­nen Ge­füh­le wahr­neh­men und re­flek­tie­ren - auch im Team. Und dass sie Rück­halt von der Lei­tung er­hal­ten. Zur An­er­ken­nung ge­hö­re auch, dass man die se­xu­el­len Be­dürf­nis­se der al­ten Men­schen genau­so an­er­kennt wie ihr Be­dürf­nis nach Es­sen und Trin­ken.

Und zur po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen An­er­ken­nung von al­ten Men­schen und Al­ten­pfle­ge ge­hö­re, ge­sell­schaft­lich ein po­si­ti­ves Bild des Al­ters zu ver­mit­teln. Das be­deu­te nicht „strah­len­de Kuk­ident-Se­nio­ren“, son­dern die An­er­ken­nung, dass Ge­bre­chen, Ent­stel­lung, Al­ter und Tod mit da­zu ge­hö­ren.

Letzt­lich, so Im­men­schuh, sei es auch the­ra­peu­tisch, wenn es ge­lingt, Le­bens- und Ar­beits­ver­hält­nis­se zu schaf­fen, die es Men­schen er­mög­li­chen, ein po­si­ti­ves Bild von sich selbst zu er­hal­ten – al­so ih­re Wür­de zu be­wah­ren. Für den nach­den­kens­wer­ten Vor­trag gab es lang­an­hal­ten­den Ap­plaus.

Die Schü­ler der Edith-Stein-Schu­le be­wir­te­ten im An­schluss an den Fest­akt die Gäs­te – un­ter an­de­rem mit ei­ner Tor­te, die ei­ne Schü­le­rin der Al­ten­pfle­ge­schu­le ge­ba­cken hat.

FO­TO: FRANK CZIL­WA

Im Edith-Stein-Haus – dem ka­tho­li­schen Ge­mein­de­haus – hat die Ka­tho­li­sche Be­rufs­fach­schu­le für Al­ten­pfle­ge und Al­ten­pfle­ge­hil­fe Spaichin­gen mit ih­ren Gäs­ten das 30-jäh­ri­ge Be­ste­hen ge­fei­ert.

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