Sehn­sucht nach Si­cher­heit

Bil­dung stärkt das Selbst­be­wusst­sein je­si­di­scher Frau­en und hilft ih­nen bei der Über­win­dung pa­tri­ar­cha­li­scher Struk­tu­ren

Heuberger Bote - - SEITE DREI - Von Clau­dia Kling

- So un­ter­schied­lich der Le­bens­weg von Ma­ri­am Has­san Khe­der und Dil­win Kas­sem Ibra­him (sie­he Text oben) in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ge­we­sen sein mag: Die Sehn­sucht nach ei­nem si­che­ren Ort für ih­re Kin­der, ih­re Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen und sich selbst ver­bin­det die je­si­di­schen Frau­en in den Flücht­lings­camps der Pro­vinz Do­huk. „Die Frau­en brau­chen Schutz­räu­me und Si­cher­heit“, sagt Dü­zen Tek­kal, Grün­de­rin und Vor­sit­zen­de von Ha­war.help.

Der Ver­ein un­ter­stützt vor al­lem je­si­di­sche Frau­en im Camp Qa­diya, sei­ne Pro­jek­te sind aber auch für christ­li­che und mus­li­mi­sche Frau­en of­fen. „Die Ver­stän­di­gung zwi­schen den Re­li­gio­nen und Eth­ni­en ist mir ganz wich­tig“, sagt Tek­kal, die als Je­si­din

in Deutsch­land ge­bo­ren wur­de. Ih­re je­si­disch-kur­di­schen El­tern wa­ren vor mehr als 40 Jah­ren aus der Tür­kei nach Deutsch­land ge­flo­hen. Des­halb kennt die 41-Jäh­ri­ge bei­de Wel­ten: die tra­di­tio­nel­len Vor­stel­lun­gen, von de­nen die je­si­di­sche Ge­mein­schaft ge­prägt ist, und die Le­bens­ent­wür­fe, von de­nen die jun­ge je­si­di­sche Ge­ne­ra­ti­on träumt.

Näh-, Al­pha­be­ti­sie­rungs- und Sprach­kur­se – mit die­sen An­ge­bo­ten hat Ha­war.help gu­te Er­fah­run­gen ge­macht. „Die Frau­en wol­len nicht zu Hau­se in ih­ren Zel­ten oder Con­tai­nern sit­zen“, sagt Dü­zen Tek­kal, die vor fünf Jah­ren als Jour­na­lis­tin den Nord­irak be­sucht hat, das un­er­mess­li­che Leid der Je­si­den nach den An­grif­fen der Ter­ror­mi­liz „Is­la­mi­scher Staat“ge­se­hen hat und über die­se Er­fah­rung zur Ak­ti­vis­tin wur­de. „Die Frau­en brau­chen ei­ne Be­schäf­ti­gung und Per­spek­ti­ven in ih­rem Le­ben.“Und sie hat da­mit Er­folg: Je­si­din­nen oh­ne je­de Schul­bil­dung, die mit ei­nem Al­pha­be­ti­sie­rungs­kurs an­ge­fan­gen hät­ten, ler­nen im Camp Qa­diya in­zwi­schen Eng­lisch.

Dü­zen Tek­kal geht es al­ler­dings um mehr. Sie will, dass die je­si­di­schen Frau­en sich selbst mehr zu­trau­en, Selbst­be­wusst­sein auf­bau­en und es ih­nen so ge­lingt, die tra­di­tio­nel­len pa­tri­ar­cha­li­schen Struk­tu­ren zu über­win­den. Das funk­tio­nie­re am bes­ten: übers Geld. „Wenn Frau­en ein Ge­halt be­zie­hen und so zum Fa­mi­li­en­un­ter­halt bei­tra­gen, zählt dies letzt­lich mehr als das, was der On­kel und die Tan­ten sa­gen“, sagt die Ver­eins­vor­sit­zen­de. Dass es aber ge­ra­de im Ori­ent nicht ein­fach ist, die Eman­zi­pa­ti­on von Frau­en vor­an­zu­brin­gen, hat sie selbst er­lebt. „Es hat ei­ni­ge Zeit ge­dau­ert, bis es uns ge­lun­gen ist, uns Re­spekt zu ver­schaf­fen. Aber es ist uns ge­glückt, und das macht mich als Frau, die selbst die­ser Min­der­heit an­ge­hört, un­heim­lich stolz“, sagt sie. „Un­se­re Ar­beit wird in­zwi­schen ernst ge­nom­men – und das hat uns auch zum Vor­bild der Frau­en ge­macht, de­nen wir zu ei­ner ge­wis­sen Selbst­stän­dig­keit ver­hel­fen wol­len.“

Der Satz, dass Bil­dung das A und O im Le­ben ist, ist in­zwi­schen auch in den Camps im Nord­irak im­mer häu­fi­ger zu hö­ren. Das Le­ben der Je­si­den, die bis­lang als Ge­mein­schaft sehr zu­rück­ge­zo­gen in ih­rer ei­ge­nen Welt leb­ten, wird sich da­durch wei­ter ver­än­dern. Dies ist so­wohl den Be­trof­fe­nen als auch den Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen klar. Denn so be­engt der All­tag in den Flücht­lings­camps auch sein mag, die Kin­der kön­nen dort zur Schu­le ge­hen – Mäd­chen eben­so wie Jun­gen.

Jun­ge Frau­en wie Ma­ri­am Has­san Khe­der und Dil­win Kas­sem Ibra­him, de­nen der Schul­be­such ver­sagt blieb, pro­fi­tie­ren da­von bis­lang al­ler­dings nur als Müt­ter. Für sie müs­sen an­de­re Mög­lich­kei­ten ge­schaf­fen wer­den, da­mit sie ir­gend­wann auf ei­ge­nen Bei­nen ste­hen kön­nen. Ein Schritt in die­se Rich­tung ist der Bau ei­ner Bä­cke­rei, der im Camp Sheik­han mit Spen­den­gel­dern fi­nan­ziert wer­den soll. Aber auch Be­geg­nungs­stät­ten, an de­nen sie sich aus­tau­schen und über ih­re Sor­gen und Nö­te spre­chen kön­nen, hel­fen den Frau­en, ih­re düs­te­re Ver­gan­gen­heit und die be­drü­cken­de Ge­gen­wart zu er­tra­gen. Im Camp Mam Ras­han soll des­halb ein klei­ner Gar­ten ent­ste­hen.

„Ge­ra­de für die vie­len trau­ma­ti­sier­ten Frau­en ist es un­end­lich wich­tig, dass sie mit­tels Ar­beit und Be­schäf­ti­gung ler­nen, sich wie­der et­was zu­zu­trau­en“, sagt Dü­zen Tek­kal. „Es geht hier schließ­lich nicht nur um den Auf­bau von Or­ten und In­fra­struk­tur. Es geht um den Auf­bau von Men­schen.“

FO­TO: IMA­GO IMAGES

Sie will, dass je­si­di­sche Frau­en selbst­be­stimm­ter le­ben kön­nen: Dü­zen Tek­kal, Ak­ti­vis­tin und Jour­na­lis­tin.

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