SPD ge­gen Be­las­tung von Kin­der­lo­sen

Hohenloher Tagblatt - - VORDERSEITE - Eli­sa­beth Zoll

Ko­ali­ti­ons­part­ner kri­ti­siert Vor­stoß von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn.

Ber­lin. Der Vor­stoß von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), Kin­der­lo­sen deut­lich hö­he­re Bei­trä­ge für Pfle­ge- und Ren­ten­ver­si­che­rung ab­zu­ver­lan­gen als El­tern, ist vor­wie­gend auf Kri­tik ge­sto­ßen. Bun­des­so­zi­al­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) be­zeich­ne­te den Vor­schlag als ei­ne „mehr als schrä­ge Idee“. „Kin­der­lo­se ge­gen Fa­mi­li­en aus­zu­spie­len ist falsch“, sag­te er der SÜD­WEST PRES­SE. Zu­dem sei Kin­der­lo­sig­keit ja häu­fig un­ge­wollt. Statt­des­sen sol­le man „Wohl­ha­ben­de und Rei­che stär­ker an der Fi­nan­zie­rung des Ge­mein­we­sens be­tei­li­gen“.

Spahn hat­te in ei­nem Gast­bei­trag für die SÜD­WEST PRES­SE ge­schrie­ben, dass er hö­he­re Bei­trä­ge für Kin­der­lo­se für ei­ne Ge­rech­tig­keits­fra­ge hal­te, schließ­lich be­kä­men ja „die Al­ten das Geld von den Jun­gen – auch, wenn es die Kin­der nur der An­de­ren sind.“

Für FDP-Pfle­ge­ex­per­tin Ni­co­le Wes­tig will Spahn „wie ei­ne po­li­ti­sche Rau­pe Nim­mer­satt ab­kas­sie­ren“. Man dür­fe we­der be­stimm­te Per­so­nen­grup­pen ge­gen­ein­an­der aus­spie­len, noch nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­tio­nen über Ge­bühr be­las­ten. Spahn sol­le lie­ber ein trag­fä­hi­ges Kon­zept zur künf­ti­gen Fi­nan­zie­rung der Pfle­ge vor­le­gen.

Das for­dert auch Ge­sund­heits­po­li­ti­ke­rin Pia Zim­mer­mann von der Lin­ken. Sie plä­diert für die Auf­he­bung der Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze, die bis­her Men­schen mit ho­hen Ein­kom­men un­ter­stüt­ze.

Es gibt et­was zu tun für die evan­ge­li­sche Kir­che bei ih­rer Syn­ode in Würz­burg. Viel so­gar. Sie hat Jah­re ver­strei­chen las­sen, oh­ne sich sys­te­ma­tisch um die Au­f­ar­bei­tung von Miss­brauchs­ver­bre­chen in ih­ren Rei­hen zu küm­mern. Je­de der 20 Lan­des­kir­chen ar­bei­te­te nach ei­ge­ner Fa­çon. Miss­brauch, so die An­nah­me, sei ein Pro­blem der ka­tho­li­schen Sei­te, der Zö­li­bat und Kle­ri­ka­lis­mus zu schaf­fen ma­chen.

Weit ge­fehlt. Das wie ein Ab­wehr­schirm funk­tio­nie­ren­de Selbst­bild ei­ner ba­sis­na­hen, links­li­be­ra­len, of­fe­nen Kir­che hat­te schon um das Jahr 2010 Ris­se be­kom­men, als sich bei Hot­lines für Miss­brauchs-Be­trof­fe­ne auch Op­fer evan­ge­li­scher Pfar­rer mel­de­ten.

Bis heu­te gibt es in der evan­ge­li­schen Kir­che kei­ne be­last­ba­ren Er­he­bun­gen, wie groß das Aus­maß der Ver­bre­chen ist. Auf­grund der de­zen­tra­len Struk­tur des Pro­tes­tan­tis­mus sei solch ei­ne Er­fas­sung nicht mög­lich, hieß es dort. In ein­zel­nen Lan­des­kir­chen – bei­spiel­haft in der Evan­ge­li­schen Nord­kir­che – wur­de zwar sys­te­ma­tisch ge­forscht und an Prä­ven­ti­ons­pro­gram­men ge­ar­bei­tet, in an­de­ren wie­gel­te man ab, sprach von be­dau­er­li­chen Ein­zel­fäl­len. Kir­chen­mit­glie­der schie­nen das zu glau­ben.

Doch die Zeit des Ab­wie­gelns ist vor­bei. Seit die ka­tho­li­sche Kir­che Vor­gän­ge mit ei­ner Stu­die auf­ar­bei­ten ließ, ste­hen auch Pro­tes­tan­ten un­ter Zug­zwang. Was be­güns­tig­te dort die Über­grif­fe? Gibt es sys­te­mi­sche Ur­sa­chen? Wo gibt es Par­al­le­len zu den Vor­gän­gen in der ka­tho­li­schen Kir­che? Wo zei­gen sich Un­ter­schie­de?

Wie in vie­len Struk­tu­ren mit be­son­ders en­gen Be­zie­hun­gen zwi­schen Er­wach­se­nen und Kin­dern gab es auch in der evan­ge­li­schen Kir­che se­xu­el­le Über­grif­fe. Si­cher we­ni­ger als im ka­tho­li­schen Be­reich, auch weil die evan­ge­li­sche Kir­che den Zö­li­bat nicht kennt und we­ni­ger In­ter­na­te be­treibt. Doch auf­fal­lend sind die Zah­len eben­falls. Tä­ter wa­ren meist Pfar­rer, Op­fer eher Mäd­chen als Jun­gen, mehr Ju­gend­li­che als Kin­der.

Wäh­rend im ka­tho­li­schen Mi­lieu geis­ti­ge En­ge die Ver­bre­chen be­güns­tig­te, war es auf evan­ge­li­scher Sei­te mög­li­cher­wei­se ge­ra­de die Li­be­ra­li­tät. In der evan­ge­li­schen Kir­che en­ga­gier­te In­tel­lek­tu­el­le wie der Re­form­päd­ago­ge Hart­mut von Hen­tig, Part­ner

Bis heu­te gibt es kei­ne be­last­ba­re Er­he­bung, wie groß das Aus­maß der Ver­bre­chen ist.

von Ge­rold Becker, Lei­ter der we­gen se­xu­el­ler Über­grif­fe in Ver­ruf ge­ra­te­nen Oden­wald­schu­le, be­zie­hungs­wei­se der um­strit­te­ne So­zi­al­päd­ago­ge Hel­mut Kent­ler ha­ben das Kli­ma in Kir­chen­gre­mi­en mit­ge­prägt. Was auf die Ver­bre­chen folg­te, kennt man: ver­tu­schen, ver­set­zen, ver­ges­sen.

Da­mit soll es nun ein En­de ha­ben. Bei ih­rer Syn­ode will sich die EKD dem The­ma stel­len. Ein Sechs-Punk­te-Plan al­ler Lan­des­kir­chen soll be­spro­chen wer­den. Er sieht un­ter an­de­rem vor, Da­ten deutsch­land­weit zu er­he­ben, ei­ne zen­tra­le ex­ter­ne An­lauf­stel­le für Miss­brauchsop­fer zu schaf­fen und ei­nen Rat aus fünf Per­so­nen als Ver­ant­wort­li­che für das The­ma zu be­nen­nen.

Doch wird da­mit nach lan­gem Zö­gern die Au­f­ar­bei­tung ga­ran­tiert? Ver­mut­lich nicht. Es kommt auf die Um­set­zung der Be­schlüs­se in den Lan­des­kir­chen an. In ih­rer Viel­falt muss die Evan­ge­li­sche Kir­che beim The­ma Miss­brauch zu ei­ner Stim­me fin­den.

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