Eis­zeit im Lon­do­ner „Mos­kau“

Hohenloher Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von Hen­drik Bebber

Das Ver­hält­nis zwi­schen Rus­sen und Bri­ten ist wie­der auf dem Ni­veau des Kal­ten Krie­ges. Ent­spre­chend ge­nau schaut die Re­gie­rung an der Them­se nun den zu­ge­wan­der­ten Olig­ar­chen auf die Fin­ger.

Der Schnee­matsch in Sa­lis­bu­ry am Ta­ge des An­schlags auf den rus­si­schen Dop­pel­agen­ten und sei­ne Toch­ter war längst ge­taut, als The­re­sa May Russ­land den kal­ten Krieg er­klär­te. „Dies war nicht nur ein Ver­bre­chen ge­gen die Skri­pals. Es war ein wahl­lo­ser und rück­sichts­lo­ser Akt ge­gen das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich, die das Le­ben un­schul­di­ger Zi­vi­lis­ten aufs Spiel setzt. Und wir wer­den solch ei­nen un­ver­schäm­ten Mord­an­schlag auf un­se­rem Bo­den nicht to­le­rie­ren“, warn­te die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin den Kreml.

Der rus­si­sche Bot­schaf­ter in Lon­don, Alex­an­der Ya­ko­ven­ko, re­agier­te mit der Ein­schät­zung sei­nes Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums über „ei­ne Kam­pa­gne, die dar­auf ab­zielt, die Be­zie­hun­gen zwi­schen bei­den Län­dern zu stö­ren, was weit­ge­hen­de Kon­se­quen­zen ha­ben kann.“Nach der ge­gen­sei­ti­gen Aus­wei­sung von Di­plo­ma­ten über­leg­te die bri­ti­sche Re­gie­rung, wie man Wla­di­mir Pu­tin als mut­maß­li­chen Draht­zie­her des An­schlags wirk­lich tref­fen kön­ne. Der Vor­sit­zen­de des au­ßen­po­li­ti­schen Par­la­ments­aus­schus­ses Tom Tu­gend­hat ver­langt Sank­tio­nen ge­gen die schwer­rei­chen Rus­sen, die Lon­don den Spitz­na­men „Mos­kau an der Them­se“ein­brach­ten. „Wir müs­sen den Leu­ten, die Pu­tin un­ter­stüt­zen, klar­ma­chen, dass dies kei­ne gu­te Idee ist“, sag­te Tu­gend­hat. „Die Olig­ar­chen, die so reich wur­den, weil sie seit mehr als 20 Jah­ren das rus­si­sche Volk be­steh­len, soll­ten nicht mehr in der La­ge sein, ihr Ver­mö­gen in Lon­don aus­zu­ge­ben. Wir se­hen, wie rus­si­sches Geld un­se­re In­sti­tu­tio­nen kor­rum­piert, und so müs­sen wir vor­sich­tig sein, dass wir nicht zum Op­fer wer­den. Das be­deu­tet, dass wir uns nicht nur ge­gen Ag­gres­si­on wie jetzt den Mord­an­schlag schüt­zen, son­dern auch ge­gen das schmut­zi­ge rus­si­sche Geld.“

Sol­che Skru­pel hat­ten „Lon­don­grad“bis­lang nicht ge­plagt. Selbst die Krim-Kri­se be­scher­te den zahl­rei­chen Im­mo­bi­li­en­händ­lern in der bri­ti­schen Me­tro­po­le ei­nen neu­en Boom. Rus­si­sche und ukrai­ni­sche Mul­ti­mil­lio­nä­re leg­ten seit­her ihr Ka­pi­tal noch stär­ker an der Them­se an. Doch nun müs­sen die stin­k­rei­chen Olig­ar­chen aus dem Os­ten be­fürch­ten, dass es ih­nen we­gen der Sank­tio­nen fi­nan­zi­ell ans Le­der geht. Neue Ge­set­ze ver­lan­gen von ih­nen Auf­schluss dar­über, ob der Reich­tum auch le­gi­tim er­wor­ben wur­de. Der Bran­chen­dienst „Thom­son Reu­ters“kal­ku­liert, dass aus den Nach­fol­ge­staa­ten der So­wjet­uni­on in den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten 82,6 Mil­li­ar­den Dol­lar durch die Lon­do­ner Ci­ty flos­sen und die Ein­künf­te der dor­ti­gen Fi­nanz­häu­ser kräf­tig auf­bes­ser­ten.

Nicht nur Sank­tio­nen im Ka­pi­tal­trans­fer wür­den „Lon­don­grad“tref­fen, son­dern auch Han­dels­be­schrän­kun­gen. Der bri­ti­sche Öl­kon­zern BP be­zieht al­lein täg­lich fast ei­ne Mil­li­on Bar­rel aus rus­si­schen Öl­quel­len.

Der Reich­tum und der Ein­fluss der rus­si­schen und ukrai­ni­schen Mil­li­ar­dä­re ist in Lon­don le­gen­där ge­wor­den. Sie do­mi­nie­ren die fünf Spit­zen­plät­ze in der „Lis­te der reichs­ten Bri­ten“. Ro­man Abra­mo­witch ist Be­sit­zer des Pre­mier Le­ague Clubs Chel­sea und der noch rei­che­re Ali­scher Us­ma­now hat gro­ße An­tei­le des Lo­kal­ri­va­len Ar­senal. Das Lon­do­ner Leib- und Ma­gen­blatt „Eve­ning Stan­dard“ge­hört dem ExKGB-Of­fi­zier Alex­an­der Le­be­dew und der Mul­ti­mil­li­ar­där schluck­te noch da­zu den li­be­ra­len „In­de­pen­dent“. Ri­nat Achme­tow, der reichs­te Mann der Ukrai­ne, mach­te Schlag­zei­len, als er im Jahr 2011 den bis­lang höchs­ten Preis für ei­ne Lon­do­ner Im­mo­bi­lie zahl­te. Für das drei­stö­cki­ge Haus blät­ter­te er rund 163 Mil­lio­nen Eu­ro hin, was ei­nem Qua­drat­me­ter­preis von von 75 000 Eu­ro ent­spricht.

Die Exi­lan­ten aus der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on schät­zen im Kö­nig­reich nicht nur die po­li­ti­sche Sta­bi­li­tät, das kul­tu­rel­le An­ge­bot, die Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten für Lu­xus­gü­ter und die Pri­vat­schu­len für ih­re Spröss­lin­ge, son­dern freu­en sich auch über die Steu­er- und In­ves­ti­ti­ons­an­rei­ze. Sie zah­len le­dig­lich ei­ne Sum­me von 30 000 bri­ti­schen Pfund im Jahr für ih­re Re­gis­trie­rung als „Nicht-do­mi­zi­liert“und wer­den für das Ver­mö­gen, das sich in ih­ren Hei­mat­län­dern be­fin­det, nicht zur Ein­kom­mens- und Ka­pi­tal­er­trag­steu­er ver­an­lagt. Ih­re An­we­sen­heit in Groß­bri­tan­ni­en er­freut auch die Lon­do­ner Spit­zen­an­wäl­te, die hier für ih­re Man­dan­ten teu­re Pro­zes­se im Rechts­streit mit Kon­kur­ren­ten füh­ren. Da der un­ge­heu­re Reich­tum der Olig­ar­chi­en oft aus Ge­schäf­ten mit der Kon­kurs­mas­se der So­wjet­uni­on stammt, ha­ben die Bri­ten für sie den Aus­druck „Klep­to­kra­ten“ge­prägt.

Zum In­be­griff die­ser „Räu­ber­ba­ro­ne“, die nach dem En­de der So­wjet­uni­on un­ge­heu­ren Reich­tum und po­li­ti­schen Ein­fluss er­lang­ten, wur­de Bo­ris Be­re­sow­skij. Der mil­li­ar­den­schwe­re Zieh­va­ter und spä­te­re Erz­feind des rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin wur­de 2013 tot im Ba­de­zim­mer sei­nes feu­da­len Land­sit­zes in

Die Lon­do­ner Zei­tung „Eve­ning Stan­dard“ge­hört ei­nem Ex-KGB-Of­fi­zier. Exi­lan­ten aus der Ex-So­wjet­uni­on schät­zen die Pri­vat­schu­len für ih­re Kin­der.

As­cot auf­ge­fun­den. Ent­ge­gen vie­ler Ge­rüch­te soll es sich um Selbst­mord ge­han­delt ha­ben. Be­re­sow­skij wur­de zu ei­ner der Schlüs­sel­fi­gu­ren bei der Er­mor­dung sei­nes Mit­ar­bei­ters Alex­an­der Lit­wi­nen­ko. Der ehe­ma­li­ge rus­si­schen Ge­heim­dienst­ler und Pu­tin-Feind wur­de 2007 durch die ra­dio­ak­ti­ve Sub­stanz Po­lo­ni­um 210 ver­gif­tet. Sei­ne Wit­we for­dert nun nach der Skl­ri­pal-Af­fä­re, dass auch The­re­sa May die üp­pi­gen Wahl­spen­den rus­si­scher Olig­ar­chi­en zu­rück­zahlt, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren fast ei­ne Mil­li­on Pfund be­tru­gen.

Auf der an­de­ren Sei­te zählt der Mul­ti­mil­li­ar­där Sir Len Bla­vat­nik zu den groß­zü­gigs­ten För­de­rern der bri­ti­schen Kul­tur und Wis­sen­schaft und wur­de da­für auch von der Queen zum Rit­ter ge­schla­gen. Die Bri­ten schät­zen ihn so sehr wie die Schau­spie­le­rin He­len Mir­ren, das All­round­ge­nie Pe­ter Alex­an­der Us­ti­nov und die Sän­ge­rin Amy Wi­ne­hou­se. Sie ha­ben wie die Po­li­ti­ker Nick Clegg und Bo­ris John­son rus­si­sche Wur­zeln und prä­gen das Image der 140 000 in En­g­land le­ben­den Rus­sen weit­aus mehr als die Hand­voll Plu­to­kra­ten und die bi­zar­ren Mord­an­schlä­ge.

Erz­pries­ter Mi­cha­el Go­go­leff, der die rus­sisch-or­tho­do­xe Ge­mein­de in West­eng­land be­treut, kann kei­nen ein­zi­gen Fall nen­nen, in dem sei­ne Mit­glie­der nach der Skri­pal-Af­fä­re we­gen ih­rer Her­kunft an­ge­fein­det wur­den. „Uns sorgt ei­gent­lich mehr der Br­ex­it als der „kal­te Krieg“, der dau­ernd von den bri­ti­schen Me­di­en ge­fros­tet wird“, sagt der Geist­li­che – und lä­chelt.

Fo­to: Mick Sin­clair/ mau­ri­ti­us images

Rei­che Rus­sen ha­ben sich in Lon­don ein­ge­kauft, selbst ei­nen ei­ge­nen Stra­ßen­na­men ha­ben sie sich schon er­obert.

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