Die Mau­er des Schwei­gens

Hohenloher Tagblatt - - CRAILSHEIM REGION - Andre­as Hart­han

Der 9. No­vem­ber ist ein ganz be­son­de­rer Tag in der deut­schen Ge­schich­te. Ein Tag der Freu­de (Aus­ru­fung der Re­pu­blik, Mau­er­fall), aber auch der Schan­de (Reichs­po­grom­nacht). Auch in Crails­heim war der 9. No­vem­ber 1938 ein Tag der Schan­de, weil auch in der Stadt an der Jagst, die lan­ge Hei­mat ei­ner statt­li­chen jü­di­schen Ge­mein­de war, die Sy­nago­ge ge­schän­det wor­den ist. Dass das Ge­bäu­de nicht in Brand ge­steckt wur­de, war nur dem Um­stand zu ver­dan­ken, dass um­ste­hen­de Häu­ser ge­fähr­det ge­we­sen wä­ren.

Wer hat das Got­tes­haus ge­schän­det? Das weiß die Öf­fent­lich­keit bis heu­te nicht. Was nicht heißt, dass nie­mand weiß, wer die Tä­ter wa­ren. Es gibt Tä­ter­wis­sen in Crails­heim, ein Wis­sen um die Tä­ter vom 9. No­vem­ber 1938. Doch die Mau­er des Schwei­gens brö­ckelt bis heu­te nicht. Man darf mit Fug und Recht da­von aus­ge­hen, dass da­hin­ter Na­men von Men­schen ver­steckt wer­den, de­ren Kennt­nis uns über­ra­schen wür­de. Na­men von recht­schaf­fe­nen Bür­gern, die vor 80 Jah­ren den­noch kein Pro­blem hat­ten, ein Got­tes­haus zu ver­wüs­ten.

Dass die Na­men der Tä­ter, un­ter de­nen mit an Si­cher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit Mit­glie­der der ört­li­chen SA wa­ren, bis heu­te nicht be­kannt sind, ist ei­ne of­fe­ne Wun­de in der Stadt­ge­schich­te – und sie schmerzt. Es ist kein Phan­tom­schmerz, denn es gibt Nach­fah­ren der Ju­den, die in den 1930er­und 1940er-Jah­ren in der Stadt ge­lebt ha­ben. Die­se Nach­fah­ren – auch wenn sie nicht in Crails­heim le­ben – ha­ben ein Recht dar­auf, zu wis­sen, wer das Got­tes­haus ih­rer El­tern und Groß­el­tern zer­stört hat. Das Wis­sen um die Tä­ter muss end­lich ein öf­fent­li­ches wer­den.

So wie das Wis­sen um die Tä­ter, die am 21. März 1933 an der so­ge­nann­ten Ju­den­au­s­peit­schung be­tei­ligt wa­ren. Es ist be­kannt, wer sich im „Schlä­ger­zim­mer“im ehe­ma­li­gen mark­gräf­li­chen Schloss an un­schul­di­gen Mit­men­schen ver­gan­gen hat. An Men­schen, die, nur weil sie ei­ner an­de­ren Re­li­gi­on an­ge­hör­ten, miss­han­delt wur­den. Be­tei­ligt wa­ren da­mals Bür­ger aus der Stadt, die man bis zu die­sem Tag oh­ne zu zö­gern als ho­no­rig be­zeich­net hat.

Die meis­ten der Tä­ter vom

21. März 1933 wur­den nach dem Krieg be­straft. Die Tä­ter vom 9. No­vem­ber 1938 kön­nen nicht mehr be­langt wer­den, denn sie sind in­zwi­schen wohl al­le ge­stor­ben. Aber nicht nur die wie­der in der Stadt le­ben­den Ju­den ha­ben ein Recht dar­auf, zu wis­sen, wie sie hie­ßen.

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