Weih­nachts­lie­der: „Toch­ter Zi­on“er­klingt mit ei­nem pop­pig-ro­cki­gen An­strich

Die Me­lo­die von „Toch­ter Zi­on“stammt von Ge­org Fried­rich Hän­del. Der Kom­po­nist wähl­te sie als Hym­ne auf den Hel­den ei­nes blu­ti­gen Kampfs. Ei­ne Spu­ren­su­che.

Hohenloher Tagblatt - - VORDERSEITE - Von Sa­bi­ne Franz In­fo Das Vi­deo und wei­te­re Bil­der zur Adventsserie des HT fin­den sich un­ter www.swp.de/ weih­nachts­lied.

Die Sän­ger des Schroz­ber­ger Pro­jekt­chors be­we­gen sich syn­chron im Takt. Wie ei­ne Mee­res­wo­ge. „Zi­on’s daugh­ter, now your heart is full of joy“, er­klingt es drei­stim­mig. Chor­lei­ter Ha­rald Beibl hat den al­ten Klas­si­ker „Toch­ter Zi­on“um­ar­ran­giert und ihm ei­nen pop­pig-ro­cki­gen An­strich ver­passt. Doch wer ist ei­gent­lich die­se mys­te­riö­se Toch­ter Zi­on? Und war­um brin­gen die Bri­ten sie nie­mals mit dem Christ­fest in Ver­bin­dung?

Eins ist je­den­falls so si­cher wie das Amen in der Kir­che: „Kom­po­niert hat die Me­lo­die kein Ge­rin­ge­rer als Ge­org Fried­rich Hän­del“, weiß Ha­rald Beibl. Hän­del gilt als Pop­star des Ba­rocks. Der ge­bür­ti­ge Deut­sche und Wah­len­g­län­der war wohl ei­ne Art Ed Shee­ran sei­ner Zeit. Für das bri­ti­sche Kö­nigs­haus schrieb er Fest­mu­sik und er­hielt den Ti­tel ei­nes Hof­kom­po­nis­ten.

Die Me­lo­die er­reich­te erst­mals 1748 die Oh­ren der Öf­fent­lich­keit: Im Hän­del-Ora­to­ri­um „Jos­hua“kam sie beim Pu­bli­kum wohl gut an. Denn der Kom­po­nist klau­te es aus sei­nem ei­ge­nen Werk und bau­te den Ge­sang nach­träg­lich in sei­nen „Ju­das Macca­ba­eus“ein. Die­ses nur we­nig äl­te­re Ora­to­ri­um hat ei­nen po­li­ti­schen Hin­ter­grund, näm­lich En­g­landns Sieg über den schot­ti­schen Ja­ko­bi­ner­auf­stand, der da­mals die Ge­mü­ter er­hitz­te. Der Text des Mu­sik­stücks stammt von Tho­mas Mo­rell und un­ter­schei­det sich vom deut­schen „Toch­ter Zi­on“kom­plett. Er soll die Stär­ke Bri­tan­ni­ens wi­der­spie­geln und be­ginnt mit „See the con­qu’ring he­ro co­mes“– „Seht, der hel­den­haf­te Ero­be­rer ist na­he“. Der Hit ver­brei­te­te sich an­geb­lich ra­sant und die Men­schen pfif­fen ihn auf den Stra­ßen. Er eta­blier­te sich als pa­trio­ti­scher Ge­sang und ge­hört in En­g­land noch heu­te zum Kul­tur­gut. Zum Ad­vents- oder Weih­nachts­lied taugt er in die­ser Form nicht und ist als sol­cher dort nicht be­kannt.

Die 180-Grad-Wen­dung von der Kriegs­hym­ne zur Frie­dens­bot­schaft ist Hein­rich Ran­ke zu ver­dan­ken. Der evan­ge­li­sche Theo­lo­ge ver­fass­te um 1820 die deut­schen Zei­len und stell­te statt des mi­li­tä­ri­schen Hel­den ei­nen Frie­de­fürs­ten in den Mit­tel­punkt. Der lang­er­sehn­te Hei­land läu­tet das Reich Got­tes ein und wird mit „Ho­si­an­na“be­ju­belt.

Ran­ke ließ sich von Bi­bel­stel­len wie Sach­ar­ja 9,9 in­spi­rie­ren, die er ge­schickt mit der Me­lo­die ver­wob. Zu­nächst war das Lied für den Palm­sonn­tag ge­dacht, an­läss­lich des Ein­zugs Je­su‘ in Je­ru­sa­lem.

eta­blier­te es sich auch im Ad­vent. Wer ist nun die­se „Toch­ter Zi­on“? Es han­delt sich um ei­ne poe­ti­sche Be­zeich­nung für die per­so­ni­fi­zier­te Stadt Je­ru­sa­lem. Im Drit­ten Reich war das Ad­vents­lied ver­bo­ten. Für den Ge­schmack der Na­zis war der Na­me Zi­on zu eng mit dem Ju­den­tum ver­ban­delt.

Wer heu­te im evan­ge­li­schen Ge­s­ang­buch blät­tert, fin­det es un­ter der Num­mer 13. Im ka­tho­li­schen Got­tes­lob trägt es die Num­mer 228. Es macht Spaß, aus vol­ler Keh­le mit­zu­sin­gen. Fast schon aber­wit­zig: Ge­le­gent­lich ist „Toch­ter Zi­on“so­gar als Be­grü­ßungs­marsch auf Schüt­zen­fes­ten und Stim­mungs­ma­cher beim Kar­ne­val zu hö­ren.

Die deut­sche Band Bo­ney M. sang das Lied An­fang der 80er-Jah­re in ei­ner frei­en eng­li­schen Über­set­zung des fried­vol­len Ran­ke-Tex­tes, oh­ne Kriegs­hel­den. An die­ser Ver­si­on ori­en­tier­te sich Ha­rald Beibl, als er noch ei­nen eng­lisch­spra­chi­gen Song für die ach­te Be­ne­fiz-Schei­be sei­nes Pro­jekt­chors such­te. „Ich baue gern mal ei­nen Klas­si­ker ein, da­mit der Mix stimmt“, ver­rät er. Die CD-Se­rie „Fröh­li­che Weih­nach­ten“brach­te in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten 80 000 Eu­ro in die Stif­tung „Hil­fe für kran­ke Kin­der“der Uni-Kin­der­kli­nik Tü­bin­gen ein.

„Zi­on’s Daugh­ter“spiel­ten die „Beibls“in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren und der Song kam bes­tens an. Chor­mit­glied Shei­la Oss­wald fin­det: „Es ist et­was Be­son­de­res, weil es ein Chor­stück oh­ne So­lis­ten ist. Ein Ge­mein­schafts­er­leb­nis.“

Seit En­de No­vem­ber gibt es ei­ne brand­neue Plat­te mit 19 hö­rens­wer­ten Ti­teln (wir be­rich­te­ten). Die Mu­si­ker prä­sen­tie­ren sie der­zeit auf den hie­si­gen Weih­nachts­märk­ten (sie­he www.pro­jekt­chor-ha­rald-beibl.de). Ganz be­son­ders freu­en sie sich auf den Ter­min am mor­gi­gen Sonn­tag. Um 14 Uhr singt der Pro­jekt­chor um Ha­rald Beibl erst­mals auf dem Nürn­ber­ger Christ­kind­les­markt. „Ich hab‘ schon ein biss­chen Lam­pen­fie­ber“, ge­steht Sän­ger Mla­den Ko­zi­na lä­chelnd.

Den Auf­takt der ak­tu­el­len Weih­nachts­tour­nee bil­de­te letz­te Wo­che ein ge­lun­ge­ner Auf­tritt im Ger­abron­ner Kul­tur­bahn­hof. Ex­tra für das Ho­hen­lo­her Tag­blatt mach­te der Chor ei­ne Aus­nah­me und sang ei­nen Song aus dem Vor­jah­res­pro­gramm: „Zi­on’s Daugh­ter“. Ho­si­an­na!

Fo­to: Sa­bi­ne Franz

Zum Re­per­toire von Ha­rald Beibl und sei­nem Pro­jekt­chor ge­hört auch das Lied „Zi­on’s Daugh­ter“. Es war Teil der letz­ten Be­ne­fiz-CD. In­zwi­schen tou­ren die Mu­si­ker mit neu­en Songs durch die Weih­nachts­märk­te. Den Hän­del-Klas­si­ker spie­len sie nur noch auf be­son­de­ren Wunsch.

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