Got­tes An­kunft steht be­vor

Hohenloher Tagblatt - - KIRCHEN -

Ge­dan­ken zum Sonn­tag, die­ses Mal von Sieg­fried Jahn, De­kan des evan­ge­li­schen Kir­chen­be­zirks Blau­fel­den.

Ach ist das schön, wenn man sich nach ei­ni­ger Zeit wie­der­sieht und sich end­lich in den Ar­men lie­gen kann. Die­ser Ge­dan­ke ging mir durch den Kopf, als ich auf dem Stutt­gar­ter Flug­ha­fen auf die An­kunft un­se­rer bei­den Töch­ter aus En­g­land war­te­te. Und mit mir noch vie­le an­de­re Men­schen: Ge­schäfts­part­ner hiel­ten den An­kom­men­den klei­ne Schil­der mit dem Na­men ih­rer Fir­ma ent­ge­gen. Sie kann­ten sich nicht, ga­ben sich aber so ein­an­der zu er­ken­nen.

Ne­ben mir hat­te sich ei­ne klei­ne Grup­pe von drei jun­gen Leu­ten auf den Emp­fang vor­be­rei­tet. Sie ent­roll­ten ein Pla­kat, das be­schrie­ben war mit dem Gruß: „Herz­lich will­kom­men, Wil­li!“Auf­ge­kleb­te Ro­sen­blü­ten soll­ten dem herz­li­chen Will­kom­men Nach­druck ver­lei­hen. Ein Va­ter schien mit sei­nen bei­den Kin­dern ver­mut­lich auf die Rück­kehr der Mut­ter zu war­ten – in den Hän­den der Kin­der eben­falls ein Trans­pa­rent, be­malt mit al­ler­lei Kin­der­fan­ta­si­en. Sie wa­ren vol­ler Er­war­tung, roll­ten ih­re Bot­schaft des­halb schon lan­ge vor­her auf, um ge­wapp­net zu sein für die über­ra­schen­de An­kunft.

Man weiß ja nicht, wann sie kommt – die lang Er­sehn­te. Und als es dann so weit war, wink­ten sie sich schon von Wei­tem zu. End­lich. Ei­ner nach dem an­de­ren kam durch die sich im­mer wie­der ver­schlie­ßen­de Tü­re hin­durch. Be­grü­ßun­gen ganz un­ter­schied­li­cher Art: Man­che Men­schen um­arm­ten sich, be­grüß­ten sich. Ein­an­der Lie­ben­de küss­ten sich. Ge­füh­le er­füll­ten die War­te­hal­le: Trä­nen flos­sen – vor lau­ter Freu­de über das Wie­der­se­hen, ei­ner hob den an­de­ren in die Luft, die Kin­der spran­gen der Mut­ter in die Ar­me.

Auch der ers­te Wort­wech­sel ließ nicht lan­ge auf sich war­ten und die Bli­cke ver­rie­ten: Jetzt ist un­se­re Be­geg­nung et­was ganz an­de­res als am Te­le­fon oder per Sky­pe oder in knapp for­mu­lier­ten Whats­app-Häpp­chen. Jetzt sind wir ein­an­der na­he. Es ist un­glaub­lich schön, all das zu be­ob­ach­ten, ja noch schö­ner: Es selbst auch er­le­ben zu kön­nen, denn schließ­lich ka­men auch un­se­re bei­den Töch­ter wohl­be­hal­ten wie­der an. Und jetzt war das Heim­weh, das sich im frem­den Land häu­fig ein­ge­stellt hat­te, end­lich kein The­ma mehr. An­kunft und Na­he­sein zu er­fah­ren – das ge­hört zum Schöns­ten, was es für uns Men­schen gibt.

So stel­le ich es mir vor, wenn Gott ein­mal kom­men wird. Un­se­rer Welt steht Got­tes An­kunft be­vor. Denn Je­sus hat sein Kom­men an­ge­sagt: „Sie­he, ich kom­me bald.“Gleich vier Mal über­lie­fert Jo­han­nes die­se An­sa­ge im letz­ten Buch der Bi­bel (zum Bei­spiel Of­fen­ba­rung 3, 11).

Da­mit macht uns die Ad­vents­zeit be­son­ders ein­drück­lich be­wusst, dass die­se Welt nicht gott­los durchs All treibt. Und es wird der Hoff­nung Aus­druck ver­lie­hen, dass nichts so blei­ben wird, wie es ist. Nichts, gar nichts. Denn Gott hat sich längst ent­schlos­sen, die Fer­ne zwi­schen ihm und den Men­schen auf­zu­he­ben. Wie die Lie­ben­den nur dar­auf war­ten, end­lich wie­der ver­eint zu sein, so hofft auch Gott dar­auf, uns zu se­hen und bei sich zu ha­ben. Und nichts soll die­se Nä­he stö­ren. Kein Leid, kein Ge­schrei, kein Krieg. Auch den Tod, der un­ser Zu­sam­men­le­ben zer­stört, auch die­sen gräss­li­chen Ge­sel­len wird es dann nicht mehr ge­ben.

An­kunft und Na­he­sein zu er­fah­ren, ge­hört zum Schöns­ten, was es für uns Men­schen gibt.

Raum für Hoff­nung ge­ben

Ent­spre­chend bit­tet die ad­vent­li­che Ge­mein­de im letz­ten Buch der Bi­bel: „Amen, ja, komm, Herr Je­sus!“(Offb. 22,20). Auf die­sen Tag und die­sen Au­gen­blick freue ich mich. Ihm, dem Auf­er­stan­de­nen ein­mal in den Ar­men zu lie­gen, ihn in mei­ner Nä­he zu wis­sen, nicht mehr auf sein Wort der Bi­bel an­ge­wie­sen zu sein, son­dern ihn von An­ge­sicht zu An­ge­sicht zu se­hen – dar­auf will ich mich mit an­de­ren Men­schen freu­en, jetzt in der Ad­vents­zeit. Las­sen Sie uns die­ser Hoff­nung Raum ge­ben in un­se­ren Her­zen, in un­se­ren Ge­dan­ken und auch im Han­deln.

Symbolfoto: dpa

Die Ad­vents­zeit will be­wusst ma­chen, dass die Welt nicht gott­los durchs All treibt.

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