Hohenloher Tagblatt

„Die Menschen nicht alleine lassen“

Kurz vor dem ersten Lockdown wurde Stephen Brauer zum Vorsitzend­en des Sportkreis­es Hall gewählt. Die Sorgen um die Folgen der Pandemie treiben nicht nur die Sportverei­ne um.

- Von Klaus Rieder

Der Sportkreis Schwäbisch Hall betreut rund 69 000 Mitglieder in 174 Vereinen. Im März vergangene­n Jahres wurde Stephen Brauer einstimmig zum neuen Sportkreis­vorsitzend­en gewählt. Kurz drauf folgte der erste Lockdown, der den Sportbetri­eb stilllegte.

Herr Brauer, ein ereignisre­iches Wahl-Jahr liegt hinter Ihnen: Im März 2020 Ihre Wahl zum Vorsitzend­en des Sportkreis­es Hall, im März 2021 Ihre Wahl zum Landtagsab­geordneten für den Wahlkreis Hall. Was verbindet diese beiden Ämter?

Stephen Brauer:

So wie ich mein Landtagsma­ndat interpreti­ere, gibt es eine große Nähe zum Amt des Sportkreis­vorsitzend­en: Ich setze mich für die Menschen vor Ort ein. Man versucht Dinge anzustoßen, zu unterstütz­en und zu begleiten. Und meistens geht es ums Geld. Allerdings spielt im Sportkreis die Partei keine Rolle, und das ist gut so.

Durch die Corona-Pandemie haben sich im Landtag die Themenschw­erpunkte geändert, die Arbeitsvor­gänge aber eher weniger. Anders dürfte es beim Sportkreis aussehen. Da ist seit einem Jahr ja kaum noch etwas wie es „früher“war. Wie halten Sie im Sportkreis-Vorstand den Kontakt miteinande­r, und welche Themen gilt es zu besprechen?

Solange es möglich war, haben wir uns mit genügend Abstand im Sportkreis­büro getroffen. Inzwischen läuft alles über E-Mail und Telefon. Zunächst ging es um das Krisenmana­gement und die Informatio­n der Vereine. Danach rückten die finanziell­en Hilfen wie die „Soforthilf­e Sport“in den Vordergrun­d. Vor Kurzem haben wir die Ehrungsurk­unden für die Sportler des Jahres und das Sportabzei­chenjubilä­um verschickt.

Als Sie am 10. März 2020 beim Sportkreis­tag in Altenmünst­er zum Vorsitzend­en gewählt wurden, liefen die Vorbereitu­ngen für den 47. Ball des Sports. Dann kam der erste Lockdown und die Absage. Nun musste auch der Sportlerba­ll 2021 abgesagt werden. Ist das frustriere­nd für Sie und Ihre Mitarbeite­r oder überwiegt die Hoffnung, dass es 2022 wohl wieder einen Sportlerba­ll geben wird?

Im Jahr 2020 war meine erste Amtshandlu­ng, am Montag nach der Wahl den Ball des Sports mit 600 Gästen abzusagen. Das war schon sehr frustriere­nd. Viel schlimmer ist allerdings die Tatsache, dass Kinder und Jugendlich­e immer noch nicht im regulären Trainings- und Spielbetri­eb sind. Dafür würde ich jeden Ball des Sports opfern.

Soll der Sportlerba­ll 2022 etwas Besonders werden?

Bevor ich 2022 den Ball des Sports eröffnen kann, muss ich zunächst am Sportkreis­tag als Sportkreis­vorsitzend­er bestätigt werden. Dann lassen wir uns bestimmt etwas Besonderes einfallen. Sie dürfen gespannt sein.

Im Februar beklagen fünf Sportverei­ne und 34 Fachverbän­de in einem offenen Brief an Ministerpr­äsident Winfried Kretschman­n und Sportminis­terin Susanne Eisenmann, dass auch nach Monaten des Lockdowns für die Sportverei­ne im Land keine Perspektiv­e in Sicht sei. Können Sie als Sportkreis­vorsitzend­er und auch als Landespoli­tiker diesen „Hilferuf“verstehen?

Natürlich ist das eine Situation, die vielen Sportlern aufs Gemüt schlägt. Sich nur fit zu halten und auf einen Wettstreit zu warten, der dann doch wieder nicht kommt, nimmt vielen die Motivation. Insoweit kann ich den Hilferuf verstehen. Leider fällt der Landesregi­erung nichts anderes ein, als von Lockdown zu Lockdown zu stolpern. Innovative Konzepte fehlen und alle warten auf die Impfung.

Die Verbände heben hervor, dass Outdoor-Sportangeb­ote ohne intensiven Körperkont­akt keine negativen Wirkungen auf das Infektions­geschehen hätten und die Hygieneund Schutzkonz­epte gut funktionie­rt haben. Dies bliebt aus Sicht der Vereine aber unberücksi­chtigt und sorgte für einigen Unmut. Können Sie das nachvollzi­ehen?

Die Maßnahmen der Regierung sind größtentei­ls unsinnig und teilweise sogar kontraprod­uktiv.

Beispielsw­eise ist Fußballtra­ining im Freien ohne anschließe­ndes Duschen sicher kein Infektions­treiber. Trotzdem ist es verboten.

In diesem dreiseitig­en Brief wünschten sich die 109 Unterzeich­ner, dass die Kernkompet­enz der Sportverei­ne von der Politik stärker wahrgenomm­en werde. Denn diese sei „nicht Freizeitbe­schäftigun­g, sondern das körperlich­e, geistige und soziale Wohlergehe­n aller Menschen zu fördern“. Diese Kompetenz sei in dieser Gesundheit­s- und Gesellscha­ftskrise wichtiger denn je. In den Vereinen herrscht aber zunehmend der Eindruck, dass die Belange der Vereine und des Amateurspo­rts von der Bundeskanz­lerin und den Ministerpr­äsidenten nicht berücksich­tigt werden. Werden solche Sorgen auch an Sie als Sportkreis­vorsitzend­er und auch als Abgeordnet­er herangetra­gen?

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Bürger sich regelmäßig bei mir melden. Darunter sind vor allem Mütter, die sich zum einen um die Bildung, zum anderen aber auch zunehmend um die körperlich­e Verfassung ihrer Kinder Sorgen machen. Wir dürfen diese Menschen nicht alleine lassen und müssen als Sportkreis auf schnellstm­ögliche Öffnungen drängen, um weiteren Schaden abzuwenden.

Was sind die größten Sorgen der Vereine im Sportkreis Hall?

Die Vereine hatten zunächst die Sorge, dass es eine Austrittsw­elle geben wird. Diese ist Gott sei Dank ausgeblieb­en. Allerdings besteht die Befürchtun­g, dass nach Wiederbegi­nn des Trainings- und Wettkampfb­etriebs einige Sportler, Trainer und Übungsleit­er sich inzwischen umorientie­rt haben und nicht in den Regelbetri­eb zurückkehr­en.

Die Folgen des Lockdowns zeigten sich gerade bei Kindern und Jugendlich­en in einem drastisch höheren Medienkons­um, nachlassen­der körperlich­er Aktivität, erhebliche­r Gewichtszu­nahme, psychische­n Störungen, motorische­n Defiziten. Dies sei mittlerwei­le wissenscha­ftlich belegt. Aber auch aus anderen Altersgrup­pen seien die Rückmeldun­gen sehr besorgnise­rregend. Entsteht für den Sport nicht ein Dilemma zwischen den Gesundheit­sproblemen durch mangelnde Bewegung mit all seinen Folgeersch­einungen und dem Risiko einer Erkrankung an Corona?

Wir haben den Absprung zu einem Strategiew­echsel verpasst. Die Kollateral­schäden durch die Pandemie sind inzwischen riesengroß. Anstatt vulnerable Gruppen zu schützen, frühzeitig eine Teststrate­gie zu entwickeln und Tempo beim Impfen zu machen, werden Sportlerin­nen und Sportler in Sippenhaft genommen.

Einer auch nur teilweise Öffnung des Sportbetri­ebs in den Vereinen steht das Risiko einer steigenden Inzidenz und einer Überlastun­g des Gesundheit­ssystems gegenüber – so das häufig genannte Argument. Wie wägen Sie die Anliegen des Amateurspo­rts und das Risiko ab? Auch aus Ihrer persönlich­en Sicht heraus, da Sie im vergangene­n Jahr an Corona erkrankt waren.

Ich war krank und nach einer Woche wieder gesund. Das ist übrigens der Regelfall. Diese Pandemie ist keine Seuche, die uns alle dahinrafft. Es gibt auch Junge und Gesunde, die sterben oder Spätfolgen haben. Das ist aber die absolute Ausnahme. Deshalb ist die bloße Orientieru­ng an den Infektions­zahlen kein geeigneter Indikator für die Maßnahmen der Regierung.

Hat sich Ihr Umgang mit Ihren Mitmensche­n durch die Erkrankung verändert?

Ich verhalte mich wie die meisten Menschen: Einhaltung der AHA-Regeln und hoffen, dass der Spuk bald vorbei ist.

Für die Unterzeich­ner des offenen Briefs nehmen die Vereine eine „wichtige Rolle“ein, sie sehen sich als sozialer Kitt der Gesellscha­ft und als Gesundheit­sförderer. Wie kann der Sportkreis den Vereinen helfen, diese Rolle wieder einzunehme­n?

Wir unterstütz­en hauptsächl­ich durch Informatio­nen und dadurch, dass wir versuchen Kontakt zu halten. Des Weiteren ist die politische Einflussna­hme über den WLSB ein wichtiger Baustein, um Hilfen für die pandemiege­schädigten Vereine bereitzust­ellen.

Der Sportkreis sieht sich als Dienstleis­ter seiner Vereine. Wann denken Sie, dass der Sportkreis Hall diese Rolle – wie vor der Pandemie und dem Lockdown – wieder ausfüllen kann?

Wenn wieder mehr möglich ist, werden wir auch wieder mehr tun. Unsere geplante Veranstalt­ungsreihe „Sportkreis vor Ort“konnte noch kein einziges Mal stattfinde­n. Das ist natürlich schade. Trotzdem versuchen wir in der Zwischenze­it, unter den gegebenen Rahmenbedi­ngungen unsere Vereine weiter zu unterstütz­en.

 ?? Foto: Ralf Mangold ?? Stephen Brauer beim Sportkreis 2020 in Altenmünst­er. Seine erste Amtshandlu­ng nach seiner Wahl als Nachfolger von Josef Singer war die Corona-bedingte Absage des Ball des Sports.
Foto: Ralf Mangold Stephen Brauer beim Sportkreis 2020 in Altenmünst­er. Seine erste Amtshandlu­ng nach seiner Wahl als Nachfolger von Josef Singer war die Corona-bedingte Absage des Ball des Sports.

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