Ver­trau­en in mich und das Le­ben

Ei­ne Yo­ga­the­ra­peu­tin er­zählt

Ich Bin - - Contents -

Frau Piel, Ihr An­satz, Yo­ga zu ver­ste­hen, zu prak­ti­zie­ren, zu leh­ren, ist ein ganz be­son­de­rer. Wo­rin be­steht er, wie ord­net er sich in der „Yo­g­a­land­schaft“ein? Ich leh­re die Ke­va­li At­mung, bei der na­tür­li­che Atem­pau­sen durch Ent­span­nung ent­ste­hen oh­ne den Atem wil­lent­lich an­zu­hal­ten. Die­se Atem­pau­sen be­glei­ten die ge­sam­te Übungs­pra­xis. Die Be­we­gun­gen ge­hen da­bei auch wäh­rend der Atem­pau­sen wei­ter und er­mög­li­chen so vom Gleich­ge­wicht ge­tra­ge­ne Be­we­gun­gen. Der Atem soll­te nach mei­ner per­sön­li­chen Es­senz­er­fah­rung nie­mals von au­ßen ge­tak­tet nach Vor­ga­be mit Zäh­len an­ge­hal­ten wer­den. Die­se Tak­tung ist un­na­tür- lich, macht dem Kör­per Druck und be­schäf­tigt den Schü­ler mit der Er­fül­lung der Vor­ga­be, führt zum Durch­hal­ten und Leis­tungs­druck ent­steht. Der Teil­neh­mer ver­sucht die Vor­ga­be best­mög­lich zu er­fül­len und ver­liert die Ver­bin­dung zum In­ne­ren. Die na­tür­li­che Atem­pau­se in der Ke­va­li At­mung er­mög­licht die Ener­gie zu be­wah­ren und führt in die Ver­bun­den­heit zum In­ne­ren. Ein wei­te­res Merk­mal ist das spie­le­ri­sche und ein­fühl­sa­me Er­for­schen im Um­gang mit den Atem­tech­ni­ken, Band­has und den As­a­nas (Yo­ga­hal­tun­gen), das Raum für Krea­ti­vi­tät lässt, um sich im ei­ge­nen Rhyth­mus zu be­we­gen. Die Tech­ni­ken tau­chen dann in den fort­ge­schrit­te­nen Grup­pen

zu­neh­mend spon­tan wäh­rend der Übungs­pra­xis auf. Da­durch be­rührst du dich selbst. Die­se Übungs­wei­se ist das Yo­ga der neu­en Zeit. Wir al­le at­men, aber nur we­ni­ge at­men rich­tig. So könn­te man zu­ge­spitzt den Ein­druck for­mu­lie­ren, den man aus den vie­len Hilfs- und Schu­lungs­an­ge­bo­ten be­kom­men könn­te. Ist das so? In­wie­fern ist das At­men der Schlüs­sel zur in­ne­ren Ru­he? Die meis­ten at­men zu kurz und zu ober­fläch­lich. Das Mot­to ist: Fin­de in der Ein­fach­heit und Na­tür­lich­keit das We­sent­li­che durch ei­ne ru­hi­ge tie­fe At­mung, der so­ge­nann­ten Oze­an­at­mung, die dich in die Stil­le führt. Da­durch wird der Va­gus­nerv (auch Me­di­ta­ti­ons­nerv ge­nannt) sti­mu­liert, so dass die Ru­he im Geist ent­steht. Das macht das At­men an die­ser Stel­le zum Schlüs­sel, die­se Ru­he zu er­rei­chen, wich­tig für Geist und Kör­per.

Wie neh­men die Be­su­cher Ih­rer Kur­se, spe­zi­ell die schon er­fah­re­ne­ren, Ih­ren An­satz auf? Be­schrei­ben Sie doch ein­fach mal den ty­pi­schen Ablauf ei­ner Übungs­stun­de bei Ih­nen? Wenn sie schon aus ei­nem and­ren Yo­ga kom­men, be­schrei­ben sie den Un­ter­schied so: „Wo­an­ders lau­fe ich der At­mung und den Stel­lun­gen hin­ter­her. Hier kann ich mei­nen Im­pul­sen fol­gen, ganz an­kom­men bei mir und für mich da sein. Ich ge­nie­ße die Tie­fe der Ver­bin­dung zu mir im In­ne­ren und kann los­las­sen.“Der Ablauf ei­ner Übungs­stun­de ist, grob ge­sagt, fol­gen­der:ein­stim­mung mit Tö­nen in Vo­ka­len und der Trom­mel, ei­ne Ener­ge­ti­sie­rungs­übung,

„ Fin­de in der Ein­fach­heit und Na­tür­lich­keit das We­sent­li­che durch ei­ne ru­hi­ge tie­fe At­mung, die dich in die Stil­le führt.“

und dann ein ein­fühl­sa­mes Hin­ein­spü­ren und Flie­ßen, z. B. mit Ele­men­ten aus dem Son­nen­gruß mit flie­ßen­den Über­gän­gen zwi­schen den As­a­nas (Yo­ga­hal­tun­gen), ver­bun­den mit ver­schie­de­nen Atem­tech­ni­ken. Die Be­we­gun­gen wer­den sehr lang­sam aus­ge­führt und von Mu­d­ras (Hand­hal­tun­gen) be­glei­tet. Dann fol­gen Schluss­ent­span­nung und Me­di­ta­ti­on im Kar­ta­ri Mu­dra (im Lie­gen) be­glei­tet vom Kör­per­mo­no­cord. Die Me­di­ta­ti­on im Lie­gen führt aus dem Wol­len her­aus und er­mög­licht Selbst­re­flek­ti­on, tie­fe Ein­sich­ten und Sein­s­er­fah­run­gen.

Wird die täg­li­che Ar­beit als Yo­gal­eh­re­rin trotz Ih­res per­sön­lich ho­hen spi­ri­tu­el­len An­spru­ches ir­gend­wann, zu­min­dest zum Teil, auch ein­fach Rou­ti­ne? Je­de mei­ner Yo­ga­stun­den ist so in­di­vi­du­ell und ein­zig­ar­tig wie die Men­schen, die zu mir kom­men. So ge­stal­tet sich auch je­de Übungs­stun­de ganz in­di­vi­du­ell auf den Ein­zel­nen ab­ge­stimmt und auf de­ren Be­dürf­nis­se. Des­halb ist je­de Yo­ga­stun­de auch für mich im­mer wie­der neu und in­ter­es­sant: z. B. ver­läuft sie mal dy­na­misch oder oder auch mal mit ganz viel Stil­le, da­zu kommt nach Mög­lich­keit auch dif­fe­ren­zier­tes Un­ter­rich­ten, z. B. er­hal­ten die Teil­neh­mer in­di­vi­du­ell ei­ge­ne Mu­d­ras zur Un­ter­stüt­zung. Des­halb un­ter­rich­te ich in klei­nen Grup­pen von ma­xi­mal 5 Teil­neh­mern, um die­se In­di­vi­dua­li­tät zu er­mög­li­chen.

Wenn Sie auf Ih­ren ei­ge­nen All­tag schau­en, auf Ihr Den­ken und Füh­len – was ha­ben Sie ganz per­sön­lich dem Yo­ga zu ver­dan­ken? Ich ver­dan­ke dem Yo­ga durch den Atem ein Mehr an Ru­he in Stress­si­tua­tio­nen. Ich bin aus­ge­gli­che­ner im All­tag und fin­de schnel­ler mei­ne Mit­te. Ver­trau­en in mich und das Le­ben und Le­ben­dig­keit be­glei­ten mich.

Zu al­ler­letzt, ein kur­zer Tipp – wie weiß ich, wel­cher Yo­ga-typ ich bin, und wann soll­te ich zu Ih­nen, und ge­ra­de zu Ih­nen kom­men? Für mich gibt es kei­ne Yo­ga­ty­pen. Die Teil­neh- mer sind im­mer rich­tig. Mein Yo­ga ist für je­den ge­eig­net, braucht kei­ne Vor­aus­set­zun­gen, au­ßer der Be­reit­schaft sich tief im In­ne­ren selbst zu be­geg­nen und mit die­ser Be­geg­nung die Nä­he zu sich selbst zu fin­den, die Selbst­lie­be zu spü­ren und sich selbst spie­le­risch und vol­ler Be­geis­te­rung zu ent­de­cken im In­ne­ren. Auch Men­schen, die schon ei­ne ei­ge­ne Yo­ga­pra­xis ha­ben, kön­nen bei mir Neu­es ent­de­cken. Mein An­satz für die Stun­den und die klei­nen Grup­pen er­mög­li­chen das in­di­vi­du­el­le Ein­ge­hen auf den Ein­zel­nen. Das Re­so­nanz­feld ent­schei­det dar­über, wer sich bei mir ein­fin­det, sich an­ge­spro­chen und be­rührt fühlt. In den fort­ge­schrit­te­nen Grup­pen las­sen sich die Teil­neh­mer von der Ener­gie be­we­gen, es ge­schieht, was ge­braucht wird und tie­fe Ver­bun­den­heit wird da­bei fühl­bar. •

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