Fut­ter für die See­le

Von Scho­ko­la­de und an­de­rem Mood Food

Ich Bin - - Contents - NA­DI­NE UR­BAN

Wer könn­te schon dem himm­li­schen Ge­schmack scho­ko­la­di­ger Ge­nüs­se wi­der­ste­hen, wenn er Trost, ei­ne klei­ne Be­loh­nung oder Zu­wen­dung be­nö­tigt? Ka­lo­ri­sche Ge­nuss­mit­tel, die die Lau­ne ver­bes­sern und die Stim­mung he­ben, sind ver­mut­lich je­dem Men­schen be­kannt. Der Trend geht zum selbst Her­stel­len sol­cher Ge­nüs­se.

Sü­ßes aus der Kas­sen­zo­ne

Nichts schmeckt bes­ser als Voll­milch- oder Nou­gat­scho­ko­la­de, wenn je­mand ge­frus­tet ist oder Trost braucht. Der zar­te Schmelz ei­nes Stück­chens der er­klär­ten Lieb­lings­scho­ko­la­de ver­söhnt mit so man­chem Weh­weh­chen auf see­li­scher Ebe­ne. Wer in Kri­sen­zei­ten zur Pra­li­ne oder an­de­ren Le­cke­rei­en greift, sorgt mit „Mood Food“da­für, dass die Lau­ne nicht in den Per­ma­frost-be­reich ab­sinkt. Auch jen­seits der Os­ter- oder Weih­nachts­ta­ge bie­gen sich die Re­ga­le mit Sü­ßig­kei­ten un­ter der Last der ge­zu­cker­ten Ver­füh­rer. Nicht um­sonst wer­den Sü­ßig­kei­ten, Chips und al­ko­ho­li­sche Ge­nüs­se erst im Be­reich der Kas­sen­zo­ne prä­sen­tiert. Ge­sun­des, Sät­ti­gen­des und er­näh­rungs­phy­sio­lo­gisch Re­le­van­tes kau­fen wir zu­erst. Die sü­ßen Sün­den, die uns glück­lich ma­chen, le­gen wir am Schluss je­des Ein­kaufs in den Korb. So kom­men sie oben zu lie­gen und sug­ge­rie­ren ku­li­na­ri­sche Prio­ri­tät.

Die Glücks­for­mel

Oft­mals wird kol­por­tiert, es sei das Se­ro­to­nin in be­stimm­ten Le­bens­mit­teln, das stim­mungs­auf­hel­lend wir­ke. Viel Wah­res ist dar­an al­ler­dings nicht. Denn im Or­ga­nis­mus kann Se­ro­to­nin dank der Blut-hirn- Schran­ke gar nicht da­hin ge­lan­gen, wo Glücks­ge­füh­le ent­ste­hen. Im­mer­hin kann aber die Vor­stu­fe des Se­ro­to­nins – das Tryp­to­phan – die­se Bar­rie­re pas­sie­ren. Tryp­to­phan ist je­doch ei­ne Ami­no­säu­re, die im Ge­hirn mit der An­we­sen­heit an­de­rer Ami­nos um die Vor­macht­stel­lung ringen muss. Vi­el­leicht sind es al­so eher die Koh­len­hy­dra­te und der Ge­schmacks­trä­ger Fett, die uns glück­lich ma­chen. War­me Milch mit Ho­nig be­sänf­tigt die See­le genau­so gut wie Ba­na­nen oder Nu­deln mit Par­me­san. Göt­tin­ger For­scher stell­ten die Hy­po­the­se auf, dass Nähr­stof­fe in Ge­nuss- oder Le­bens­mit­teln zwar über bio­che­mi­sche Pro­zes­se und ge­schmack­li­che Qua­li­tä­ten glück­lich ma­chen kön­nen. Doch sie kön­nen dies nur leis­ten, weil die Kon­su­men­ten zu­vor be­stimm­te Er­fah­run­gen mit die­sen Ge­nuss- oder Le­bens­mit­teln ge­macht ha­ben. Sie ver­bin­den den Ge­nuss von Scho­ko­la­di­gem dann mit Lie­be, Zu­wen­dung oder

Trost. Au­ßer­dem muss die­ser The­se zu­fol­ge auch die Um­ge­bung stim­men, in der die Scho­ko­la­de ver­zehrt wird. Zu­dem hat je­der Mensch sei­ne ei­ge­nen ku­li­na­ri­schen Glück­lich-ma­cher, auch des­halb wä­re der Be­griff „Mood Food“auch sehr in­di­vi­du­ell zu de­fi­nie­ren. Tat­sa­che ist, dass man­chem ei­ne Rip­pe Nuss-scho­ko­la­de höchs­te Glücks­ge­füh­le be­schert, aber ein an­de­res Mal eher ne­ben­bei ge­ges­sen wird, oh­ne dass es nen­nens­wer­te Kon­se­quen­zen hat. Ka­lo­ri­sche Ge­nüs­se wol­len mit al­len Sin­nen ge­nos­sen wer­den – und das ge­schieht eben nicht, wenn der Be­trof­fe­ne die Rip­pe Scho­ko­la­de ge­dan­ken­los ne­ben­bei ver­zehrt.

Glück­lich über­le­ben

Auch der Koh­len­hy­drat- und Ka­lo­ri­en­ge­halt spie­len für Glücks­ge­füh­le ei­ne Rol­le. Das hat et­was mit un­se­rem evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch be­ding­ten „Be­loh­nungs­sys­tem“zu tun. Le­bens­mit­tel mit ho­her Ener­gie­dich­te stell­ten einst­mals das Über­le­ben und die Fort­pflan­zung un­se­rer Spe­zi­es si­cher. Durch Ka­lo­ri­en und süße Ge­schmacks­er­leb­nis­se füh­len wir uns al­so bes­ser, weil das Trach­ten da­nach be­reits in

„SELBST HER HIMMLISC TROST T SCHMECK NACH FRAG­LOS “SCHO­KO­LA­DE.

un­se­rem Sys­tem ver­an­kert ist. Ob Ka­lo­ri­en und Ge­schmack dann in Form von Dat­teln, Ba­na­nen oder ei­ner be­stimm­ten Scho­ko­la­den­sor­te un­se­re Lau­ne bes­sern, ist letzt­lich egal.

Trost im Scho­ko­man­tel

Vor al­lem der Ge­schmack von Ka­kao und Scho­ko­la­di­gem scheint uns ge­ne­tisch in die Wie­ge ge­legt wor­den zu sein. Nur die we­nigs­ten Men­schen kön­nen wi­der­stands­los an scho­ko­la­di­gen Ge­nüs­sen vor­bei­ge­hen. Die Ge­schmä­cker sind al­ler­dings grund­ver­schie­den. Die ei­nen schwö­ren auf To­ble­ro­ne, die an­de­ren auf Mil­ka. Man­cher fa­vo­ri­siert die dun­kels­te Bit­ter­scho­ko­la­de. An­de­re fut­tern ih­ren Kin­dern heim­lich die Kin­der­scho­ko­la­de weg. Man­che Ge­nie­ßer fa­vo­ri­sie­ren ed­le Scho­ko­la­den­ta­feln mit Fül­lung, an­de­re mit Scho­ko­la­den­hül­le um­man­tel­tes Mar­zi­pan. Nüs­se, Man­deln, Ing­wer­stäb­chen und an­de­res ver­hül­len sich in scho­ko­la­di­gen Tar­nun­gen, um den Ver­füh­rungs­fak­tor hoch­zu­trei­ben. Ob der Scho­ko­la­den­ge­nuss durch ei­ne Fül­lung oder ei­ne Um­hül­lung mit Pfef­fer­minz­ge­schmack er­höht wird, macht für man­chen kei­nen Un­ter­schied. Spä­tes­tens bei „Ed­len Trop­fen in Nuss“wer­den auch har­te Män­ner schwach. Frau­en de­lek­tie­ren sich eher an Kir­schen in Bit­ter­scho­ko­la­de oder an­de­ren Va­ri­an­ten des be­lieb­tes­ten See­len­trös­ters über­haupt.

Maß hal­ten als Glücks­ga­ran­tie

Auch wenn Scho­ko­la­den­ge­nüs­se die ku­li­na­ri­schen Ver­füh­rer schlecht­hin sind und als Aphro­di­sia­kum eben­so die­nen wie als See­len­trös­ter, soll­ten sie nicht all­zu oft in die­sen Funk­tio­nen ge­nutzt wer­den. Un­ser Or­ga­nis­mus ist durch die lang­sam ver­lau­fen­de Evo­lu­ti­on nicht dar­auf ein­ge­stellt, durch me­ter­lan­ge Re­ga­le vol­ler ka­lo­ri­scher Ge­nüs­se Tag für Tag mit Sü­ßem ge­flu­tet zu wer­den. Er be­fin­det sich evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch im­mer noch im Rück­stand. Un­ser Or­ga­nis­mus re­agiert auf Ap­pe­tit oder klei­nen Hun­ger so, als kön­ne die nächs­te Hun­gers­not je­den Mo­ment aus­bre­chen. In man­chen Tei­len der Er­de ist das lei­der auch heu­te noch der Fall. Nicht ein Über­maß an scho­ko­la­di­gen Ge­nüs­sen macht glück­lich, son­dern ein klei­nes Stück der Lieb­lings­scho­ko­la­de als Be­loh­nung für et­was Schö­nes. Na­tür­lich darf Scho­ko­la­di­ges auch mal als See­len­trös­ter ein­ge­setzt wer­den. Doch be­reits ein Scho­ko­la­den­fon­due im Krei­se der Fa­mi­lie kann man­chen an sei­ne scho­ko­la­di­gen Gren­zen brin­gen.

Glück für al­le

Nichts ist köst­li­cher als der selbst­ge­ba­cke­ne Ku­chen, die selbst her­ge­stell­te Pra­li­ne und der selbst­ge­ba­cke­ne Keks. Nichts kann sich mit der Lie­be mes­sen, die bei der Zu­be­rei­tung mit in den Teig oder die hei­ße Scho­ko­la­den­mas­se flie­ßen. Köst­li­che Düf­te um­wa­bern die fei­ne Na­se des an­ge­hen­den Kü­chen­meis­ters, der ge­ra­de er­fährt, dass das Do-it-yours­elf-ver­fah­ren durch­aus sei­ne Vor­zü­ge hat. Al­les, was die In­dus­trie ge­schmack­lich auf die Rei­he be­kommt, kann sich nicht da­mit mes­sen las­sen. Selbst die klei­nen hand­ge­mach­ten Trüf­fel­chen schme­cken weit­aus köst­li­cher, weil sie selbst her­ge­stellt wur­den. Üb­ri­gens gibt es da­bei ei­nen net­ten Ne­ben­ef­fekt: Wer selbst Kon­fekt oder scho­ko­la­di­ge Krea­tio­nen ent­wirft, ver­zich­tet meist auf all­zu häu­fi­ges Zu­grei­fen. Au­ßer­dem sind da­mit vie­le le­cke­re Geschenkideen ver­bun­den. Das Brut­to­so­zi­al­glück ist häu­fig viel grö­ßer, wenn der Cho­co­la­tier an­de­re Men­schen mit sei­nen Krea­tio­nen be­schen­ken kann. •

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