Grü­ner Tee

Mehr als ein Ge­tränk

Ich Bin - - Contents - SVEN VOBIG

Frü­her war Tee für mich ein­fach nur ir­gend­ein Heiß­ge­tränk, das ich mir in ei­nem Ca­fé be­stell­te, wenn ich kei­ne Lust auf Kaf­fee oder hei­ße Scho­ko­la­de hat­te. Be­lie­big und aus­tausch­bar. Meis­tens kam die­ser dann in Form ei­ner Tas­se hei­ßen Was­sers und ei­nem klei­nen Säck­chen aus Fil­ter­pa­pier, der die zu Staub ge­mah­le­ne Tee­blät­ter be­hei­ma­te­te. Das hat sich mitt­ler­wei­le gründ­lich ge­än­dert. Ich trin­ke täg­lich meh­re­re Tas­sen ver­schie­de­ner grü­ner Tees. Je­den Schluck ge­nie­ße ich ganz be­wusst, nut­ze die­sen Mo­ment zur in­ne­ren Ein­kehr und tue da­mit nicht nur mei­ner Ge­sund­heit et­was Gu­tes, son­dern be­för­de­re auch mein in­ne­res Gleich­ge­wicht. Seit ich die­ses Ri­tu­al in mei­nen All­tag in­te­griert ha­be, ge­he ich mit mehr Ge­las­sen­heit und Ru­he durchs Le­ben.

Der Tee­weg

Das Er­eig­nis, das mei­nen Blick grund­le­gend ver­än­der­te, liegt nun be­reits ein paar Jah­re zu­rück. Von mei­nem al­ten Schul­freund Frank und sei­ner ja­pa­ni­schen Le­bens­ge­fähr­tin Aki­ko wur­de ich zu ei­ner Tee­ze­re­mo­nie ein­ge­la­den. Dar­un­ter konn­te ich mir beim bes­ten Wil­len nichts vor­stel­len. Doch mei­ne Neu­gier­de war ge­weckt. Frank er­klär­te mir, dass dem Tee­weg vier Prin­zi­pi­en zu­grun­de lä­gen. „Wa und Kei ste­hen für Har­mo­nie und Re­spekt. Nicht nur ge­gen­über un­se­ren Mit­men­schen, son­dern auch für die Na­tur und al­le Din­ge. Al­so auch für die Tas­se, aus der wir den Tee trin­ken wer­den.“Ich muss­te ein we­nig schmun­zeln, schäm­te mich auf­grund der Ernst­haf­tig­keit, mit der er die Wor­te aus­sprach aber um­ge­hend für mei­ne Re­ak­ti­on. Er schien es mir nicht übel zu neh­men und fuhr fort: „Sei meint die Rein­heit. Nicht nur die äu­ßer­li­che, ober­fläch­li­che, son­dern vor al­lem die des Her­zens und des Geis­tes. Ja­ku steht für die Stil­le und die in­ne­re Ein­kehr.“

Die Ze­re­mo­nie

Den Tee­raum, ei­gent­lich das Wohn­zim­mer der bei­den, be­tra­ten wir auf den Kni­en krie­chend. Das fühl­te sich ein we­nig ko­misch an, hat aber den Sinn, De­mut und Re­spekt zum Aus­druck zu brin­gen. Zugleich wer­den al­le ge­sell­schaft­li­chen Un­ter­schie­de ne­giert, was im feu­da­len Ja­pan ei­ne wich­ti­ge Rol­le spiel­te. Was mich er­staun­te war, dass es zu­nächst über­haupt kei­nen Tee gab. Wir aßen auf Kis­sen kniend ei­ne Sup­pe, Reis, Nu­deln und Ge­mü­se und tran­ken Reis­wein. All dies ta­ten wir in ei­ner An­dacht und Stil­le, die für mich bei­na­he et­was Sa­kra­les hat­te. An­schie­ßend ver­lie­ßen Frank und ich das Wohn­zim­mer wie­der und war­te­ten schwei­gend in der Kü­che bis Aki­ko fünf mal ei­nen Gong schlug. Aki­ko plat­zier­te vor ih­ren Kni­en ei­ne Tee­scha­le, ei­ne Do­se mit Mat­cha-pul­ver, ei­ne mit hei­ßem Was­ser ge­füll­te Tee­kan­ne, ein wei­te­res Ge­fäß für das Ge­braucht­was­ser, ei­nen Bam­bus­löf­fel, ei­nen Tee-

be­sen und ein Tuch aus Sei­de. Sie ver­neig­te sich vor uns, das Start­si­gnal für den Be­ginn der Ze­re­mo­nie. In ei­nem ge­nau­es­tens fest­ge­leg­ten Ablauf be­rei­te­te sie die Uten­si­li­en vor und rei­nig­te sie. Schließ­lich schlug sie mit dem zu­vor ein­ge­weich­ten Tee­be­sen aus Bam­bus den Mat­cha schau­mig und reich­te mir die Tee­scha­le mit ei­ner Ver­beu­gung. Wie mich Frank zu­vor in­stru­iert hat­te, bot ich die Scha­le nun wie­der­um ihm an. Er lehn­te ab, ich dreh­te die Scha­le in mei­nen Hän­den, trank und gab sie zu­rück an Aki­ko. Die­se rei­nig­te die Scha­le und be­rei­te­te den nächs­ten Tee. Nach­dem wir reih­um ge­trun­ken hat­ten, wur­de das Schwei­gen erst­mals ge­bro­chen. Aki­ko hör­te ich an die­sem Tag so­gar das ers­te mal über­haupt spre­chen. Sie er­zähl­te von der en­gen Ver­bin­dung von Tee­weg und Bud­dhis­mus und da­von, dass die Ja­pa­ner die­ses Ri­tu­al be­reits seit meh­re­ren hun­dert Jah­ren bei­na­he un­ver­än­dert durch­führ­ten. „Un­ser klei­ner Tee­weg ent­spricht zwar nicht ganz un­se­ren Tra­di­tio­nen, aber letzt­lich geht es um die Er­fah­rung und

das Er­leb­nis in der Grup­pe“, er­klär­te sie.

Grü­ne Me­di­zin

Ich fühl­te mich ge­ehrt, dass sie mich auf die­sen Weg ge­führt hat­te. Zugleich war mei­ne Neu­gier­de ge­weckt: Was hat­te es mit die­sem Ge­tränk auf sich, dass ei­ne ne Kul­tur ihm ein ei­ge­nes Ri­tu­al zu­teil wer­den er­den ließ? Schnell fand ich her­aus, , dass nicht nur die Ja­pa­ner, son­dern rn auch Chi­ne­sen und Ti­be­ter r ein in sei­nen Ab­läu­fen bee­stimm­ten Re­geln fol­gen­des des Ze­re­mo­ni­ell der Zu­be­rei­ei­tung und des Ver­zehrs s von grü­nem Tee be­fol­gen. Au­ßer­dem stieß ich auf zahl­rei­che Le­gen­den, die sich um die Ent­de­ckung der Tee­pflan­ze ran­ken. Am bes­ten ge­fiel mir die vom Mönch Bodhi­d­har­ma, dem wäh­rend sei­ner Me­di­ta­ti­ons­übun­gen vor Mü­dig­keit die Au­gen zu­fie­len. Er­bost riss er sich die Au­gen­li­der ab und warf sie auf den Bo­den, wo dar­auf­hin Tee­sträu­cher wuch­sen. In Ja­pan wird auch heu­te noch das glei­che Schrift­zei­chen für Tee und Au­gen­lid ver­wen­det. Wann und wie der Tee ent­deckt wur­de, bleibt letzt­lich Spe­ku­la­ti­on. Je­den­falls wur­de er be­reits un­ter der Qin-dy­nas­tie 221 v. Chr. be­steu­ert, man­cher ist sich aber si­cher, dass sei­ne wohl­tu­en­den Kräf­te be­reits seit 5000 Jah­ren be­kannt sind. Un­zwei­fel­haft ist, dass er ei­ni­ge Jahr­hun­der­te lang aus­schließ­lich als Me­di­zin ver­wen­det wur­de, be­vor er sich als Ge­nuss­mit­tel der Ober­schicht durch­setz­te. Tee ist ein äu­ßerst viel­sei­ti­ges Ge­tränk, ein Um­stand.und weil er Ge­nuss und Wohl­tat auf die vor­treff­lichs­te Art mit­ein­an­der ver­bin­det, ist grü­ner Tee in­zwi­schen zu mei­nem stän­di­gen Be­glei­ter ge­wor­den. Wenn ich ei­ne kur­ze Aus­zeit vom Tru­bel des All­tags brau­che, zie­he ich mich mit ei­ner Tas­se Tee an ei­nen ru­hi­gen Ort zu­rück und la­de mei­ne Ak­kus wie­der auf. Ein Ri­tu­al, das ich je­dem nur wärms­tens emp­feh­len kann! •

Hei­ßer Tipp Ei­gent­lich soll­te grü­ner Tee bei eher nied­ri­ge­ren Tem­pe­ra­tu­ren auf­ge­gos­sen wer­den, da sonst Vit­ami­ne, Ami­no­säu­ren und äthe­ri­sche Öle zer­stört wer­den. Über­gießt man ihn gar mit ko­chen­dem Was­ser, wird er zwar bit­ter, ent­wi­ckelt da­für aber ei­ne an­ti­bak­te­ri­el­le und an­ti­vi­ra­le Wir­kung, was man sich im Fal­le ei­ner Er­käl­tung zu­nut­ze ma­chen kann.

Ge­sun­der Be­glei­ter Da grü­ner Tee den Fetts­to wech­sel ver­bes­sert, den Ka­lo­ri­en­grund­um­satz er­höht und sich po­si­tiv auf den Ver­dau­ungs­trakt, die Le­ber und das Hor­mon­sys­tem aus­wirkt, ist er der idea­le Diät­be­glei­ter.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.